Dopingskandal:"Meine Arbeit ist Teamarzt, nicht Dopingkommissar"

Lesezeit: 14 min

Elf Jahre lang stand er voller Bewunderung und mit wenigen Fragen Jan Ullrich zur Seite - der Mediziner Lothar Heinrich über Betrug im Radsport.

Thomas Kistner und Andreas Burkert

SZ: Herr Doktor Heinrich, wir wollen über Glaubwürdigkeit reden. Bei Ihnen wurden während einer Giro-Razzia einmal Koffeintabletten gefunden?

"Meine Arbeit ist Teamarzt, nicht Dopingkommissar"

Heinrich und Ullrich bei der Arbeit.

(Foto: Foto: dpa)

Heinrich: Richtig. 2001 wurde in meiner Toilettentasche eine Packung Koffeintabletten von der italienischen Polizei gefunden und beschlagnahmt. Darauf wurde ein Verfahren eröffnet, das wieder eingestellt wurde, weil Koffeintabletten nicht verboten waren und sind. Daher auch von mir zum Thema Glaubwürdigkeit: Anders als Sie in einem Interview mit Herrn Danckert behauptet haben, waren die Tabletten nicht verboten.

SZ: Koffein stand auf der Verbotsliste damals, deshalb machte die Sache ja viel Wirbel. Es kam auf den Grenzwert an, so war die Regelung. Gehören Koffeintabletten noch zu Ihrer Standardausrüstung?

Heinrich: Nein. Davon können Sie ausgehen.

SZ: Zufällig wurde Jan Ullrich im Jahr darauf mit einem Amphetaminbefund auffällig. Er will die Substanz von einem ihm Unbekannten in der Disco erhalten haben. Muss nicht Irritation entstehen, wenn sich solche Zufälle häufen?

Heinrich: Die Fälle sind nicht zu vergleichen. Amphetamin unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz. Das eine ist eine auf gesonderten Rezepten verschreibungspflichtige Substanz und steht auf der Dopingliste, Koffein ist frei verkäuflich und in vielen Genussmitteln enthalten.

SZ: Irritiert hat uns was anderes: Die Zufälligkeit, dass immer etwas gefunden wurde, wenn es jemand das einzige Mal genommen oder bei sich hatte. Haben Sie Ullrich zu der Disco-Geschichte befragt?

Heinrich: Natürlich, er hat uns ja über den positiven Befund benachrichtigt. Ich war erschreckt. Er war sehr erschüttert, dass überhaupt etwas gefunden wurde. Er konnte es sich da nicht erklären - so hat er es mir auf jeden Fall gesagt.

SZ: Aber er hat das Zeug genommen. Muss nicht gerade, wenn er Amphetamin nicht kennt, die Wirkung sofort und heftig gewesen sein? Dazu das nächtliche Erlebnis, Stunden vor der Kontrolle. Wieso konnte er den Befund da nicht erklären?

Heinrich: Ich habe mit ihm nicht über die Wirkung gesprochen. Die Umstände waren für mich das Erschreckende. Er war damals ja zur Reha in Bad Wiessee.

SZ: Haben Sie ihm das abgenommen?

Heinrich: Ich hatte mit Jan ein gutes Verhältnis, ich hatte keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Ich habe gedacht, es sei ähnlich wie bei seiner Episode mit dem Autounfall und der Fahrerflucht, dass er aus seiner für ihn frustrierenden Rekonvaleszenz heraus musste und deshalb so eine Kurzschlusstat begangen hat.

SZ: Glauben Sie ihm das heute noch?

Heinrich: Dass es ein Einzelfall war, warum nicht? Trainingstests sind nicht so selten. Dass zufällig am Folgetag eine Kontrolle war, heißt nicht, dass er davor zehn Tage etwas eingenommen hat und keiner hat es gemerkt.

SZ: Musste nicht spätestens da für Sie als betreuender Arzt klar sein, dass Ullrich verführbar ist? Wer in der Disco Drogen schluckt von Wildfremden, ist doch zu viel Unfug fähig. Zumal, wenn er sich in einer Hochdopersportart bewegt?

Heinrich: Ich sehe den Profiradsport nicht als Hochdopersportart. Ich sehe den Sport an sich als anfällig für Doping. In einem extremen Ausdauersport profitiert ein Radsportler natürlich vom Doping, ob Blutdoping oder Epo. Sicher mehr als Fußballer oder Handballer. So gesehen ist Radsport als Hochleistungssport anfällig für Doping. Eine Hochdopersportart ist es aber nicht.

SZ: Das irritiert uns. Wir erklären den Begriff Hochdopersport: Seit 1960 wurden nur drei Toursieger nie mit Doping oder konkreten Vorwürfen konfrontiert. Bei der Tour '98 wurden säckeweise verbotene Mittel bei diversen Rennställen konfisziert, es gab 60 strafrechtliche Verurteilungen danach. Pantanis Drogentod, ergiebige Razzien, das Fuentes-Netzwerk mit Ullrich und 57 weiteren Fahrern - was macht Sie glauben, dass dies keine im Kern verseuchte Sportart ist?

Heinrich: Ich kann nur beurteilen, was ich selber kenne. Ich möchte mir kein Urteil darüber erlauben, was in anderen Mannschaften oder Ländern passiert.

SZ: Aber das sind Fakten. Und Ihre Schützlinge stehen in Konkurrenz mit all diesen anderen Mannschaften.

Heinrich: Trotzdem möchte ich nur über die Leute reden, die ich kenne. Und da kann ich nicht von einem Hochdopersport ausgehen, da sehe ich Sportler, die extrem hart trainieren und viel von ihrer Zeit dafür geben, leistungsfähig zu sein. Das muss man auch sehen: Radsport ist eine der härtesten Sportarten, mit etwa hundert Renntagen im Jahr auch eine der wettkampfintensivsten. Dass da die Gefahr besteht, auf unerlaubte Mittel zurückzugreifen, wenn man gerade das nicht machen will - optimal trainieren, sein Leben ganz dem Sport opfern - ja, die Gefahr besteht.

SZ: Klingt originell: Doping als Phänomen für Trainingsfaule. Sagen Sie uns, macht es Sie nicht rasend zu sehen, wie sich Ihre Leute abquälen, während die anderen auf Teufel komm raus dopen?

Heinrich: Deswegen muss man wieder gleiche Verhältnisse herstellen. Deswegen haben wir uns im Team gefragt, wie können wir uns die Sicherheit verschaffen, dass bei uns so etwas nicht passiert? Der Sponsor hat ein großes Interesse, ich habe auch ein großes persönliches Interesse daran. Das ist ja der entscheidende Faktor für den Arzt: Dass meine Sportler gesund sind und bleiben. Ich bin nicht der Antidoping-Fachmann, ich bin für den Schwerpunkt Gesundheit zuständig. Also arbeiten wir daran, ein Programm aufzulegen, das den Radverband voranbringt. Weil die Glaubwürdigkeit der Sportart extrem gelitten hat - und auch die Glaubwürdigkeit der beteiligten Personen. Da schließe ich mich mit ein.

SZ: Heißt das, Sie waren lange Zeit viel zu blauäugig?

Heinrich: Ich denke, es ist normal, dass man mit einem gewissen Idealismus an die Sache herangeht. Und wenn eine Sache wirklich lang gut funktioniert, wenn man den Eindruck hat, man kann sich auf die Leute verlassen, ist das vielleicht blauäugig - oder nur normaler Idealismus. Ich habe mich darauf verlassen, dass zum Beispiel die Antidoping-tests gut funktionieren. Ich weiß, dass es Substanzen gibt, die man nicht nachweisen kann. Aber viele sind nachweisbar.

SZ: Einspruch. Jeder Sportarzt weiß, dass die Dopingtests nicht effektiv sein können, weil viele hochwirksame Mittel gar nicht gefunden werden können. Und zwar genau die Stoffe, die nun Ullrich zugeordnet werden: Eigenblutdoping, IGF-1, Wachstumshormone HGH und so weiter. Das sind ja eben auch die Mittel, die man bei den Razzien immer findet.

Heinrich: Aber Jan wurde zwischen Giro und Tour einer Blutkontrolle unterzogen, man hat kein HGH gefunden. Er wurde an drei Tagen in Folge durch unabhängige Trainingskontrollen getestet.

SZ: Kennen Sie die Werte?

Heinrich: Nein. Ich weiß nicht, ob sie an irgendwelchen Grenzwerten liegen, das wird mir nicht mitgeteilt. Aber es ist für mich als Arzt mit einem limitierten Equipment, gerade wenn ich unterwegs bin, schwer zu beurteilen, ist einer gedopt oder nicht. Ich lebe davon, dass ich dem Sportler vertraue.

SZ: Hätte sich dieses Vertrauen nicht längst in Misstrauen umkehren müssen?

Heinrich: Nach 1998 hat das Team Telekom ja mehr unabhängige Trainingskontrollen gefordert und bezahlt. Um Sicherheit zu haben, es wird nicht gedopt.

SZ: Wir drehen uns flott im Kreis. Die Tests finden kaum Stoffe, und wenn sich ein Team selbst kontrolliert, lässt sich das auch als Dopingfall-Verhinderungstest verstehen. Hätten nicht Sie als T-Mobile-Arzt protestieren müssen, dass Fahrer mit faktisch als Doper geouteten Ärzten wie Ferrari und Cecchini arbeiten?

Heinrich: Es ist doch keiner unserer Sportler, während er im T-Mobile-Team war, dorthin gewechselt. Die Sportler hatten zuvor schon mit dem Trainer zusammengearbeitet. Das muss man per Vertrag lösen. Ich kann zwar eine Empfehlung herausgeben, aber kein Sportler muss sich daran halten.

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