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Interview mit Epo-Experte:"Das ist wissenschaftlich unsinnig"

Mehrere Hämatologen halten im Fall Pechstein eine Dopingsperre für unbegründet. Epo-Experte Stefan Franz glaubt, ihnen mehrere Fehler nachweisen zu können.

Dr. Stefan Franz ist Nierenfacharzt und passionierter Radfahrer. Derzeit ist er beschäftigt als Medical Manager bei einem Schweizer Pharmakonzern, der auch Erythropoietin (Epo) herstellt. Franz verantwortet unter anderem Planung, Durchführung und Auswertung von klinischen Studien und Beobachtungsprogrammen mit Erythropoietinen. Er ist Mitglied im Editorial Advisory Board von "Drug Testing and Analysis" und Reviewer für wissenschaftliche Zeitschriften zum Themenbereich Epo.

Doping - Beutel mit Eigenblut liegen in einem Kühlfach

Claudia Pechstein wurde nicht positiv auf Epo geteset - dennoch erhielt sie eine Sperre von zwei Jahren.

(Foto: dpa)

SZ: Viele Gutachter im Fall Pechstein, auch einige Professoren der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO), meinen, die Doping-Sperre sei wissenschaftlich unbegründet. Unter anderem schließen sie Manipulation mit Epo und Epo-Analoga zu beinahe 100 Prozent aus. Sie halten das für nicht überzeugend. Warum nicht?

Stefan Franz: Es beginnt schon mit der Behauptung, Frau Pechstein sei entlastet, weil keine einzige Dopingprobe Epo-positiv war. Abgesehen davon, dass der Urintest nach etwa vier Tagen negativ wird, die Retikulozyten aber erst nach sieben, acht Tagen ihr Maximum erreichen - wir wissen doch aus Geständnissen, dass Athleten jahrelang Epo spritzen können, ohne erwischt zu werden. Zum Zweiten treffen die Gutachter fragwürdige Aussagen über das Hämoglobin, den roten Blutfarbstoff und wichtigsten Sauerstoffträger, den Doper anheben wollen. Winfried Gassmann und Wolfgang Jelkmann sagen, hohe Retiwerte müssten zwangsläufig von einem Anstieg des Hämoglobins über den Normwert begleitet sein. Das ist wissenschaftlich unsinnig.

SZ: Warum?

Franz: Jeder, der klinisch mit Erythropoietinen arbeitet, weiß, dass die neu gebildeten Retikulozyten bei entsprechender Dosierung lediglich absterbende rote Blutkörperchen ersetzen und das Hämoglobin im Wesentlichen stabil bleibt. Das ist Basis jeder klinischen Epo-Therapie. Dazu kommt: Athleten können auch ohne Steigerung über den erlaubten Wert Wettbewerbsvorteile erzielen. Die Frage ist: Wo liegt der individuelle Basiswert? Hat ein Sportler einen Hämoglobin von 14 Gramm je Deziliter Blut, dann bringt eine Anhebung auf 15, 16 Gramm schon den leistungssteigernden Effekt.

SZ: Die Wissenschaftler präsentierten noch weitere Argumente, die angeblich gegen Epo sprechen.

Franz: Ein anderes Argument gegen Epo war der hohe Hämoglobingehalt in den Retikulozyten von Frau Pechstein. Der ist aber allein mit einer Eisentherapie zu erzielen. Gänzlich unhaltbar waren dann die Aussagen zum MCHC-Wert, zum durchschnittlichen Hämoglobin in den roten Blutzellen. Der wurde als "nicht manipulierbar" bezeichnet, und weil er bei Frau Pechstein erhöht ist, galt er als Hauptargument für die angebliche Kugelzellanomalie.

SZ: Ist er das nicht?

Franz: Herr Gassmann behauptete anfänglich, für einen MCHC-Wert wie bei Frau Pechstein gebe es nur drei Erklärungen; übrig bleibe allein die Sphärozytose. Inzwischen hat er seine Liste möglicher Ursachen massiv erweitert. Nur eine minimiert er, obwohl ein nephrologischer Kollege und ich ihm Patientendaten übermittelt haben: Der MCHC-Wert kann auch in der Kombination von Epo- und Eisentherapie klettern. Inzwischen habe ich Daten von 5300 Blutmessungen bei 750 Nierenpatienten ausgewertet. Ergebnis: Jeder Zehnte kam mit entsprechenden Langzeitgaben auf erhöhte MCHC-Werte. Gassmann hat zunächst versucht, diesen Fakt mit teils abenteuerlichen Theorien wegzuerklären. Wissenschaft sieht anders aus.

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