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Dopingfall Marion Jones:Warnung vor den Giftküchen

Entscheidend für das Urteil waren wohl weniger moralisch-ethische Aspekte als vielmehr Karas' Überzeugung, dass Marion Jones nicht die ganze Wahrheit preisgab, als sie im Oktober ihren Dopingbetrug gestand. Damals hatte sie eingeräumt, die von Victor Contes Firma Balco in Auftrag gegebene, lange Zeit nicht nachzuweisende und von ihrem Trainer Trevor Graham verabreichte Designerdroge THG konsumiert zu haben - nur die und nur im Zeitraum Frühjahr 2000 bis Juli 2001.

Ihre Superzeiten 2002, als ihr Freund Tim Montgomery mit Contes THG gedopt 100-m-Weltrekord lief, waren demnach sauber? Erst als sie sich nach 2001 von Graham getrennt habe, sei ihr bewusst geworden, THG genommen zu haben und nicht Leinsamenöl, wie er ihr weismachen wollte. Karas: "Ich bezweifele, dass ein hochklassiger Athlet die Drogenwirkung nicht bemerkt". Karas hatte Kenntnis von einem Hauptbuch und einem Kalender, die Chefermittler Jeff Novitzky bei einer Razzia im September 2003 im Hause Balco konfiszierte. Dort ist für eine Person mit dem Kürzel M.J. und unverschlüsselt für "Marion Jones" die Einnahme noch anderer Dopingmittel wie Epo, HGH und Insulin datiert.

Krokodilstränen der Funktionäre

Vier Jahre lang hatte die Sprinterin geleugnet, je Dopingmittel genommen zu haben und auf 160 unbeanstandete Dopingkontrollen verwiesen, auch Ende 2003 unter Eid gegenüber einer Grand Jury der kalifornischen Justizbehörden. Ihr Dopinggeständnis, das die Aberkennung sämtlicher Olympia- und WM-Titel und Wettkampfleistungen seit 2000 durch den Leichtathletik-Weltverband IAAF nach sich zog, ist im Übrigen laut New York Times erst durch die eindeutige Beweislage in der zweiten Strafsache gegen Jones ermöglicht worden:

Als sie ihre Verwicklung in den Scheckfälscherbetrug (fünf Millionen Dollar) ihres letzten Trainers Steve Riddick und ihres Ex-Freundes Montgomery nicht länger abstreiten konnte, legte man ihr gleich noch nahe, die Dopinglüge zuzugeben. Riddick wurde am Freitag nach dem Jones-Prozess von Richter Karas zu fünf Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt.

Ihre Haftstrafe muss Marion Jones am 11. März antreten. Ob sie im Prozess wegen uneidlicher Falschaussage gegen ihren früheren Trainer Trevor Graham als Zeugin auftreten muss, ist offen. Was bis dahin geschieht? Die Hoffnung der Sportoffiziellen, der Fall möge auf Doper abschreckend wirken, wird sich in Wohlgefallen auflösen, und die am Wochenende vergossenen Krokodilstränen der Funktionäre trocknen.

"Eine Menge Traurigkeit für Marion und ihre Familie", empfand die IAAF, und Travis Tygart von der Antidopingagentur Usada registrierte "einen traurigen Tag für den Sport". Victor Conte ("Sie hat eine gigantische Lektion erteilt bekommen") fühlte sich gar unwohl. Wegen "Mutter Marion und ihrer zwei Kinder", oder weil er sie vor neun Jahren in seine kalifornische Giftküche gelockt hatte?