Dopingkontrollen im deutschen Team vor OlympiaGanz schön viele Schusseligkeiten

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Im Anflug auf die Olympischen Winterspiele: Skicrosser Florian Wilmsmann wird trotz einer Dopingsperre in Italien startberechtigt sein.
Im Anflug auf die Olympischen Winterspiele: Skicrosser Florian Wilmsmann wird trotz einer Dopingsperre in Italien startberechtigt sein. Mathias Mandl/Gepa/Imago
  • Skicrosser Florian Wilmsmann erhielt wegen dreier Meldeverstöße eine 19-monatige Sperre, die rückwirkend bereits im November 2024 endete.
  • Die Internationale Testagentur ITA benötigte zwei Jahre für die Verfahrenseröffnung, was eine ungewöhnlich lange Wartezeit darstellt.
  • Wilmsmann reiht sich in eine Serie deutscher Wintersportler mit Anti-Doping-Verstößen ein, darunter Bob-Anschieber Simon Wulff und Langlauf-Olympiasiegerin Victoria Carl.
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Bobanschieber Simon Wulff, Langlauf-Olympiasiegerin Victoria Carl, nun Skicrosser Florian Wilmsmann: Der deutsche Wintersport verzeichnet kurz vor Olympia den nächsten Anti-Doping-Verstoß. Doch auch das Verhalten der Dopingjäger erscheint merkwürdig.

Von Johannes Knuth und Ralf Tögel

Die Bilder, die der Skicrosser Florian Wilmsmann zuletzt in den sozialen Medien ausstellte, erzählten vom Alltag einer olympischen Medaillenhoffnung kurz vor den nahenden Winterspielen: Trainingslager in Italien und Kanada; Freude auf dem Siegerpodest nach Platz zwei beim Weltcup in Südtirol; kleiner Neujahrsumtrunk am Schliersee mit feinem Tropfen und Austern auf Eis. Nichts deutete darauf hin, dass Wilmsmann, der WM-Zweite von 2023, ein großer Name in einem kleinen Sport, kurz vor dem Jahreswechsel auch eine unappetitliche Nachricht erhalten hatte.

Die Internationale Testagentur (Ita), die für den Ski- und Snowboard-Weltverband Fis die Dopingkontrollen koordiniert, hatte am 22. Dezember in großen Lettern verkündet, dass Wilmsmann gegen die Anti-Doping-Spielregeln verstoßen hat. Der Tatbestand ist keine Kleinigkeit im Anti-Doping-Kosmos: Der 29-Jährige war binnen eines Jahres dreimal nicht für Kontrollen zu greifen gewesen, weil er seinen Aufenthaltsort falsch angegeben oder die Tester verpasst hatte. Das wird wie ein positiver Dopingtest gewertet und kann bis zu zwei Jahren Sperre nach sich ziehen.

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In Wilmsmanns Fall verhängte die Ita einen Bann über 19 Monate; er begann rückwirkend mit dem dritten Meldeverstoß im April 2023 und endete so bereits im November 2024. Für den Athleten hat das den angenehmen Effekt, dass er für die Winterspiele im kommenden Februar freie Bahn hat. Auch Heli Herdt, sein Sportdirektor im Deutschen Skiverband (DSV), erachtet die Sache für abgeschlossen, so ärgerlich sie sei: „Es ist, wie wenn man dreimal zu schnell fährt und den Führerschein abgeben muss. Wenn man ihn wiederbekommt, ist die Weste wieder weiß.“

Das mag rechtlich so sein, moralisch ist das eine andere Frage. Auch wenn es in diesem Fall ebenso reichlich merkwürdig anmutet, wie sich die Anti-Doping-Instanzen verhalten.

Bei Athleten, die schon zwei Versäumnisse in kürzerer Zeit gesammelt haben, schauen die Regelhüter gerne genauer hin

Zunächst einmal reiht sich Wilmsmann in einen beachtlichen Trend ein. Gemessen an den traditionell eher überschaubaren Fangquoten ballten sich im deutschen Spitzensport zuletzt die Sanktionen, auch im Wintersport. Vor der aktuellen Saison traf es Bobanschieber Simon Wulff. Der hatte zuvor Aufsehen erregt, weil er kurz vor seinem Wechsel ins Team des Medaillenschmieds Francesco Friedrich 10,06 Sekunden über 100 Meter gesprintet war; schneller waren erst fünf Deutsche gewesen. Bei seinem ersten Weltcup wurde Wulff dann positiv auf das im Wettkampf verbotene Stimulans Methylhexanamin getestet. Keinesfalls Absicht oder Missbrauch, beteuerte Wulff, die Quelle des Stoffes konnte er aber nicht identifizieren. Machte 21 Monate Sperre.

Noch beachtlicher der Fall von Victoria Carl: Die Langlauf-Olympiasiegerin von 2022 hatte im März 2025 übersehen, dass ein Hustensaft, den ihr ein Arzt der Bundeswehr verabreicht hatte, das Kälbermastmittel Clenbuterol enthielt. Der Arzt nahm alle Schuld auf sich, doch auch wenn das Verfahren noch läuft, wird Carl die Spiele in Italien verpassen.

Und nun die dritte Schusseligkeit durch den Skicrosser Wilmsmann?

19 Monate Sperre wegen drei Meldeverstößen: Skicrosser Florian Wilmsmann.
19 Monate Sperre wegen drei Meldeverstößen: Skicrosser Florian Wilmsmann. Matic Klansek/Gepa/Imago

Das Anti-Doping-System fußt im Kern darauf, dass Topathleten nahezu ständig getestet werden können, unangekündigt. Das verlangt viel bürokratischen Einsatz, die Athleten müssen etwa für jeden Tag ein 60-minütiges Zeitfenster hinterlegen, in dem sie an einem von ihnen benannten Ort erreichbar sind. Ändern sich diese Pläne, muss der Athlet dies im System der Welt-Anti-Doping-Agentur aktualisieren, wie in einer Art Outlook-Kalender. Bei den ersten zwei verpassten Tests habe sich Wilmsmann „einfach schlampig“ verhalten, sagt Heli Herdt, das räumt auch Wilmsmann auf Nachfrage ein: „Leider war ich auf der einen Seite zu nachlässig. Auf der anderen haben es mir die Umstände nicht erlaubt, Kontrollzeiten und -orte zu aktualisieren.“

Letzteres bezieht sich auf das dritte Versäumnis im April 2023. Wilmsmann habe in Südafrika geurlaubt, dort falle oft der Strom aus, sagt Heli Herdt. Viele hätten dort deshalb ein Dieselaggregat im Haus. Als der Strom während des Urlaubs dann tatsächlich ausfiel, sei auch das Handynetz zusammengeklappt. Wilmsmann habe also seinen Aufenthaltsort im System nicht anpassen können; die Tester, die ihn aufsuchen wollten, trafen ihn nicht an. „Darüber habe ich auch die zuständigen Kontrollorgane und Gremien informiert und den Grund der Versäumnisse erklärt – leider ohne Erfolg“, sagt Wilmsmann.

Erfolg und Umstände liegen freilich im Auge des Betrachters. Bei Athleten, die schon zwei Versäumnisse in kürzerer Zeit gesammelt haben, schauen die Regelhüter gerne genauer hin – da darf man von den Betroffenen erwarten, besonders sorgsam zu sein. Urlaub in Ländern, in denen bekanntlich oft Strom und Handynetz ausfallen, erfüllen diesen Anspruch womöglich nur bedingt. Zumal die Akten der Regelhüter gut gefüllt sind mit Fällen, in denen die Athleten offenbar bewusst an entlegene Orte reisten oder Daten schlampig ausfüllten, weil sie einen Grund hatten, Kontrollen zu verpassen.

Die Tester der Ita äußern sich nicht zu den genauen Umständen

Drei Meldepflichtverstöße können also schon mal wegen Schusseligkeit oder Pech zusammenkommen – bei der Mehrheit unterstellen die Dopingjäger aber, dass unlautere Absichten dahinterstecken. Das ist das historisch geprägte Umfeld, in das Wilmsmann sich begeben hat, so aufrichtig seine Motive auch sein mögen. Wenn er etwa darauf verweist, dass er zehn Tage nach dem dritten verpassten Test wieder kontrolliert wurde, negativ.

Betrachtet man alle Umstände, kam Wilmsmann ohnehin noch recht galant davon. Zwar verliert er auch alle Preisgelder, die er im Zeitraum seiner rückwirkend verhängten Sperre gewann, vermutlich ein ordentlicher fünfstelliger Betrag. Doch Wilmsmanns Sperre beginnt nicht, wie üblich, ab dem Zeitpunkt des Urteils, also im Winter 2025, sondern rückwirkend ab seinem dritten Meldeverstoß. So spannt sich der Bann über zwei Sommerpausen und endet im November 2024, just vor dem Start der Weltcupsaison 2024/25. Die war Wilmsmanns bislang beste, mit drei Siegen, sechs Podiumsplätzen und Platz drei im Gesamtklassement.

Das alles wusste die Ita, als sie Wilmsmanns Sperre zuletzt verhängte. Denn sie benötigte fast geschlagene zwei Jahre, vom ersten Austausch im Herbst 2023 bis zum Mai 2025, ehe sie das Verfahren gegen den Athleten formell eröffnete – schon eine halb so lange Wartezeit erachten Experten als ungewöhnlich lang. Irgendetwas kam Fis und der Testagentur Ita in die Quere; ein „Verzug, der nicht dem Verhalten des Athleten zuzuschreiben ist“, schreibt die Ita in ihrer Mitteilung. Ohne einen solchen Umstand hätte sie die Sperre auch nicht einfach rückdatieren können. Den Grund habe man von Ita und Fis aber nicht erfahren, sagt Gregor Lentze von der Kanzlei Lentze Stopper, die Wilmsmann vertrat.

Auf SZ-Anfrage äußerte sich die Ita dazu ebenfalls nicht. Sie erklärt bloß allgemein, dass Anti-Doping-Verfahren sowohl den Athleten als auch den Behörden genügend Zeit einräumen müssten, um ihr Handeln zu erklären sowie die Erklärungen zu prüfen. Auch zur Länge von Wilmsmanns Sperre erklärt die Ita grundsätzlich, dass man Sperren nur dann verkürze, wenn die Athleten „einen gewissen Grad an Sorgfalt“ nachweisen konnten.

Ob das alle Beteiligten in dieser Causa von sich behaupten können, bleibt eine von vielen offenen Fragen.

Anmerkung: Die Stellungnahme der Ita wurde nachträglich eingefügt, da diese erst nach Redaktionsschluss beziehungsweise drei Tage nach der ersten Anfrage eintraf.

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