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Doping:Wie der McLaren-Bericht den Staat und die Fußball-WM schützt

Kennt sich bestens mit Sex aus: Vize-Premier Witali Mutko neben Präsident Wladimir Putin.

(Foto: Mikhail Klimentyev/AFP)

Der Report erhellt zwar die Tiefen des russischen Staatsdopings. Doch er verschleiert die Verantwortung der zentralen Personen

Das wichtigste Dokument des Jahres 2016 im Weltsport? Keine Frage, der McLaren-Report. 97 Seiten umfasste Teil eins im Juli, 144 Seiten folgten im Dezember. Die Autoren hinterlegten zudem in einer im Internet zugänglichen Datenbank 1166 Mails und andere Dokumente. Dieser Fundus dokumentiert all den Schmutz des russischen Dopings, der den Sport im ablaufenden Jahr so aufgewühlt hat - und ihn weiter massiv prägen wird. Denn der Report ist auch die Brücke nach 2017 und 2018: ins Jahr der Fußball-WM.

Die Arbeit des von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) eingesetzten Sonderermittlers Richard McLaren ist einmalig in der Sportgeschichte. Was aber hat der kanadische Sportjurist genau vorgelegt? Die Antwort darauf ist gar nicht so eindeutig, wie es in diesen Tagen den Anschein hat. Denn der Report offenbart zwei Seiten, eine verdienstvolle und eine fragwürdige.

Der Bericht wird schwammig, wo immer es um die Eckpfeiler geht: Staat, Fußball-WM, NOK

Verdienstvoll ist die Kärrnerarbeit, die einen mit staatlicher Akribie kompilierten Pharmabetrug offenlegt und endlose Belege für Doping und Dopingvertuschung im russischen Sport präsentiert. Mehr als 1000 Athleten profitierten demnach davon. Die ersten Wintersportler sind schon suspendiert, mehr Athleten werden folgen, Ergebnislisten von Olympischen Spielen müssen umgeschrieben werden. Die Enthüllungen sind so ungeheuerlich, dass weltweit erstmals sogar die Athleten - bisher das schwächste und faktisch willenlose Glied in der Verwertungskette des Kommerzsports - heftig protestieren.

Daneben gibt es eine andere Seite. Sie geht, ob all der Aufgeregtheit, bisher eher unter: Der Report kreiert diskret ein Raster, mit dessen Hilfe die Sportmacht Russland und seine traditionellen Verbündeten im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) recht kommod durch die nächsten Monaten steuern können. Trotz der klaren Belege, der vernichtenden Detailfülle. Womöglich ist das der Grund, warum der IOC-Chef Thomas Bach McLaren nach der Präsentation so lobte.

Denn der Report des Kanadiers wird schwammig, wo immer es um die Kernfrage geht: die Verantwortung der höchsten Protagonisten aus Politik und Sport für diese Pharma-Groteske. Dann versickern die Hinweise, werden unscharf. McLaren betont zwar, dass er nur Fakten sammeln, die Bewertungen aber anderen überlassen würde. Aber wo er sich dann äußert, bietet er Botschaften an, die nicht der Faktenfülle entsprechen, die er selbst dokumentiert hat. Geradezu dramatisch ist der politische Schwenk, den er zwischen den Berichten im Juli und im Dezember vollzieht.

Das betrifft als Erstes die Kernfrage nach der Rolle des Staates. Interessanterweise sprach McLaren im ersten Report von einer staatlichen Steuerung. Im zweiten, der noch viel mehr Pharma-Unrat transportiert, rudert der Chefermittler plötzlich zurück. Es konstatiert ausdrücklich nur noch eine "institutionelle Verschwörung", an der, Achtung, Sportministerium, der Geheimdienst FSB, Kontrolllabor und Anti-Doping-Agentur beteiligt waren. "Ich habe die Terminologie gewechselt. Ich benutze jetzt nicht mehr das Wort staatlich", erklärte er jüngst. SZ-Anfragen zu diesem Wechsel beantwortete er nicht.

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