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Doping im Radsport:Seltsamer Griff in die Trikottasche

Der Sturz von Remco Evenepoel, bei dem ein Gegenstand entfernt wurde, schockte vor zwei Wochen die Radsportwelt.

(Foto: AFP)

Betrug oder nur Nahrungsergänzung? Weil beim Horrorsturz von Remco Evenepoel auf der Lombardei-Rundfahrt ein Betreuer einen Gegenstand entfernte, ermittelt nun die Anti-Doping-Einheit.

Von Johannes Aumüller

Es waren schreckliche Bilder, die vor zwei Wochen bei der Lombardei-Rundfahrt entstanden. Als der belgische Top-Fahrer Remco Evenepoel die berüchtigte Abfahrt von der Muro di Sormano herunterraste, touchierte er bei der Überquerung einer Brücke einen ungesicherten Mauervorsprung und stürzte mehrere Meter einen Abhang hinunter. Schwer verletzt lag er am Boden, und er hatte extremes Glück, dass er mit einem Beckenbruch und einer Lungenquetschung davonkam. Am vergangenen Montag verließ Evenepoel, 20, das Krankenhaus, und nach Auskunft seines belgischen Teams Deceuninck-Quick-Step soll er in diesem Jahr wieder auf dem Rad sitzen.

Aber inzwischen beschäftigt die Radszene nicht nur der heftige Sturz als Ganzes, sondern auch ein bemerkenswertes Detail: Denn in der vergangenen Woche ist ein Video von dem Unfall aufgetaucht. Darauf ist zu sehen, wie der Deceuninck-Sportdirektor Davide Bramati zu dem am Boden liegenden Belgier tritt, ihm einen weißen Gegenstand aus der Trikottasche zieht und in seiner eigenen Hosentasche verstaut. Daher nahm nun die Anti-Doping-Einheit des Radsports, die Cycling Anti-Doping Foundation (CADF), Ermittlungen auf. "Wir haben die CADF gebeten, die TV-Bilder weiter zu untersuchen und Zeugen zu dem Gegenstand befragen", sagte der Präsident des Radsport-Weltverbandes (UCI), David Lappartient, am Rande des Tour-de-France-Auftaktes in Nizza.

Es wirkte in der Gesamtszenerie in der Tat seltsam, warum sich Bramati so schnell um den Trikottascheninhalt eines Schwerverletzten kümmerte. Die Mannschaft Deceuninck weist den Verdacht zurück, dass sich darin irgendetwas Unlauteres befunden habe. Bramati und der zweite Sportdirektor Geert Van Bondt hätten "Gegenstände aus seinen Trikottaschen (entfernt), damit er auf eine Trage gelegt werden konnte, ohne dass etwas seinen Rücken stört oder er sich verletzt", sagte ein Sprecher der SZ: "Wir sprechen über Funksender, Energiegele, Riegel, Reiskuchen."

Beim konkreten weißen Gegenstand, der im Video zu sehen ist, handelte es sich nach Team-Darstellung um eine kleine Flasche mit Nahrungsergänzungsmitteln. "Nur Cola, Red Bull oder etwas Koffein", seien da drin, schrieb der umstrittene Team-Boss Patrick Lefevere in einer Kolumne für die belgische Zeitung Het Nieuwsblad: "Aber nichts, was verboten ist, auch keine Schmerzmittel. Wir machen solch einen Mist nicht."

Dabei ist die belgische Mannschaft unter wechselnden Namen und der Leitung von Lefevere schon seit Ewigkeiten im Peloton - und ebenfalls seit Ewigkeiten schlecht beleumundet. Der deutsche Kronzeuge Patrik Sinkewitz, der mehrere Saisons für das Team fuhr, berichtete vor einem Jahrzehnt von systematischem Doping. Lefevere aber wies stets alles zurück.

Der seltsame Griff in die Trikottasche interessiert die Ermittler nicht nur aus der Doping-Perspektive. Denn Deceuninck-Sportdirektor Bramati selbst sprach nach dem Sturz davon, dass Evenepoels Datenübertragung ausgefallen sei - und er wolle genauer wissen, was es mit diesen Daten auf sich habe, sagte UCI-Präsident Lappartient. Denn nur die Übertragung gewisser Daten ist erlaubt. Aber auch bezüglich dieses Aspektes bestreitet Deceuninck Fehlverhalten. Es habe sich um Daten eines Trackingsystems gehandelt, die auch jeder Fan verfolgen konnte, hieß es in einem Statement.

Team-Boss Lefevere wiederum gibt zu verstehen, dass er die Untersuchungen ohnehin als politisch motiviert empfindet. Es sei die Revanche dafür, dass er nach Evenepoels schlimmem Sturz gefordert habe, dass sich eine neutrale Instanz um die Sicherheit der Fahrer kümmern soll.

© SZ vom 31.08.2020/jbe

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