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Doping:Das Kontrollsystem ist schwächer geworden

Official Doping Center For Athens 2004 Olympic Games; Doping

Das Testen fällt schwerer in Corona-Zeiten.

(Foto: Getty Images)

Die Nationale Anti-Doping-Agentur fährt langsam wieder ihr System hoch. Aber noch immer gibt es Einschränkungen - samt gravierenden Folgen aufgrund des Kontrollstopps in Corona-Zeiten.

In der vergangenen Woche erhielt die Leichtathletik-Sprinterin Gina Lückenkemper, 23, eine Art von Besuch, der bei Spitzensportlern eigentlich zur Routine gehört, aber zuletzt kaum noch vorkam. Dopingkontrolleure seien bei ihr vor der Haustür gestanden, sagte sie dem Spiegel, unangemeldet natürlich. "Das Überraschungsmoment ist Teil des Systems, und ich war überrascht", so Lückenkemper.

Dabei war das mit dem Überraschungsmoment zuletzt so eine Sache. Denn seit Mitte März war als Folge der Corona-Pandemie das ohnehin so lückenhafte und brüchige Kontrollsystem quasi nicht mehr existent - ein Paradies für Manipulanten. Erst seit Mai steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Topathleten wieder Besuch von Kontrolleuren bekommen. Das System werde jetzt wieder hochgefahren, sagte Andrea Gotzmann, Vorstandsvorsitzende der deutschen Anti-Doping-Agentur (Nada), bei einer Pressekonferenz am Dienstag. Dabei wurde jedoch auch klar, dass es im Anti-Doping-Kampf weiter große Einschränkungen geben wird.

Von den rund 13 000 Kontrollen, wie sie die Nada zuletzt pro Jahr veranlasste, finden normalerweise mehr als 40 Prozent nach Wettkämpfen statt - derzeit gibt es aber nun mal kaum Wettkämpfe. Bei den Trainingskontrollen fing es Mitte Mai mit ein paar Dutzend Kontrollen pro Woche wieder an. Danach verdoppelte sich das Volumen, Anfang bis Mitte Juni soll es wieder 200 Kontrollen pro Woche erreichen - und damit wieder in die Nähe der üblichen Testzahlen kommen. Selbst in der Fußball-Bundesliga, wo seit der Aufnahme des Geisterbetriebs nach den Spielen wieder Tests stattfinden, gebe es quasi keine Blut- und Trainingskontrollen, berichtete Gotzmann. Das Ziel sei es, "in ein, zwei Wochen Richtung Normalität zu kommen".

Zugleich dürften die Folgen des zweimonatigen Kontrollausfalls dramatisch sein. Orientiert am monatlichen Mittelwert fielen allein in Deutschland 2000 bis 2500 Kontrollen aus; global gesehen sind es mehr als 50 000. Das dürfte sich nicht mehr nachholen oder nacharbeiten lassen, auch wenn Gotzmann sagte: "Wir werden sehen, wo wir Kontrollen nachholen und intensivieren können." Aus vielen Dopingbeichten ergibt sich ohnehin, dass in der Trainings- und Aufbauzeit besonders viel gedopt wird. Entsprechend verbreitet ist die Befürchtung, dass es bei einer Wiederaufnahme des Wettkampfbetriebes besonders schmutzig zugehen könnte. In einer Umfrage der Leichtathletik-Gewerkschaft "The Athletics Association" etwa gaben 78 Prozent der befragten Athleten zuletzt an, sich Gedanken um die Gültigkeit von Ergebnissen in dieser Saison zu machen.

Von 13 000 Kontrollen im Vorjahr führten nur 16 auch zu Sanktionen

Nun ist das nächste große internationale Event just die Tour de France (29. August bis 20. September), die ob der einschlägig dokumentierten Vergangenheit der Veloszene noch immer ein besonderer Doping-verdacht umgibt. "Da wird es Lücken geben", räumt Gotzmann ein. Aber richtig beurteilen könne man das erst nach den nun anstehenden neuen Kontrollen. Die Nada setzt darauf, dass die nächsten Tests Auffälligkeiten offenbaren - etwa über den Blutpass, der in einigen Risikosportarten wie dem Radsport zum Einsatz kommt. Das ist ein Instrument, das verschiedene Proben-Parameter über einen längeren Zeitraum miteinander vergleicht und bei größeren Abweichungen Alarm schlägt.

Die Folgen der zweimonatigen Auszeit und der weiter geltenden Einschränkungen dürften freilich weit über diesen Herbst hinaus zu spüren sein - bis hin zu den Olympischen Spiele von Tokio im Sommer 2021. Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), klang zuletzt im Spiegel so, als sollten sich einfach alle damit abfinden: "Mit dieser Problemstellung oder dem Nachteil muss man dann im nächsten Jahr leben. Andernfalls müsste man auf die Spiele verzichten. Das will keiner." Nada-Chefin Gotzmann sagte dazu, sie wolle "nicht schwarz sehen", denn: "Es wird schwierig werden, aber die Phase bis zu den Olympischen Spielen ist noch sehr lang."

Das Kontrollsystem ist in jedem Fall also noch einmal schwächer geworden. Dabei hilft es ohnehin nur sehr selten, Betrüger zu enttarnen. Von den 13 000 Kontrollen der Nada im Jahr 2019 ergaben sich nur aus 82 Tests mögliche Verstöße gegen Anti-Doping-Bestimmungen, wie sie am Dienstag mitteilte. Zudem erfolgten nur 16 Sanktionen. Die tatsächliche Zahl an Dopern liegt aber um ein Vielfaches höher, wie sich unter anderem aus anonymisierten Umfragen unter Athleten ergibt: So erklärten etwa 2013 in einer Studie der Sporthilfe sechs Prozent der deutschen Kaderathleten, regelmäßig zu dopen. Rund 40 Prozent beantworteten die Frage gar nicht.

Von daher ist die Nada auf andere Herangehensweisen angewiesen - zum Beispiel die Zusammenarbeit mit Strafermittlern, wie sie durch das Anti-Doping-Gesetz möglich geworden ist. Nicht zuletzt mit Blick auf die Aufklärungsarbeit bezüglich der "Operation Aderlass" und dem Blutdoping-Netzwerk um einen Erfurter Sportarzt hob sie dies noch einmal hervor. Im Vorjahr stellte die Nada insgesamt 24 Strafanzeigen bei den staatlichen Stellen.

© SZ vom 28.05.2020/jki
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