Doping Sport ist ein Illusionstheater

Um die Spiele in Sotschi ranken sich derzeit haufenweise Betrugsszenarien.

(Foto: dpa)

Es gibt nur zwei Kräfte, die Dopern und anderen Betrügern beikommen können: erstens staatliche Ermittler, zweitens das Publikum. Wehe, es wendet sich ab.

Kommentar von René Hofmann

Von den Olympischen Winterspielen in Sotschi gibt es ein wunderbares Bild. Es stammt von der Eröffnungsfeier. In dem großen Olympiastadion sollten sich fünf riesige Schneeflocken in die fünf Olympischen Ringe verwandeln. Der Trick glückte nur zu 80 Prozent. Der fünfte Ring streikte, er blieb lieber eine Flocke.

Die Szene taugte zum Symbol: wie unvollkommen des Menschen Werk bei allem Streben nach Perfektion doch bleibt. Bis zum russischen Publikum schaffte es diese Botschaft allerdings nicht. Im staatlichen Fernsehen wurde die Szene blitzschnell durch Bilder aus einer Probe ersetzt. Fünf makellose Kreise leuchteten.

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Der Sport ist ein Illusionstheater. Das war auch schon vor Sotschi bekannt. Inzwischen aber wird der Welt bewusst, wie gewaltig sie bei dem Sportfest vor zwei Jahren wirklich genarrt wurde. Um dem Planeten seine Macht und seine Größe zu beweisen, ließ Präsident Wladimir Putin offenbar nicht nur gigantische Sportstätten in die Landschaft betonieren und die Regie unliebsame Eindrücke einfach ausblenden. Wahrscheinlich rüsteten die Gastgeber ihre Mannschaft auch mit unerlaubten Mitteln derart auf, dass sie gar nicht anders konnte, als im Medaillenspiegel weit vorauszustürmen.

Der Leiter des Labors, in dem in Sotschi die Dopingproben getestet wurden, hat angegeben, dass nachts die Urindöschen belasteter russischer Athleten durch einen versteckten Schacht in der Laborwand gereicht wurden. Dahinter saßen vom Geheimdienst geschulte Helfer, die den verräterischen Saft gegen harmlosen tauschten. Auf einen solchen Plot wären selbst die verwegensten Verschwörungstheoretiker nicht gekommen: Ein Loch in der Kulisse für organisierten Betrug - jetzt, da dieses Bild in der Welt ist, hat der Sport wirklich ein Problem.

Bisher lebte die große bunte Unterhaltungsshow blendend davon, dass sie so viele Menschen begeisterte. Weltweit. Alt und Jung. Männer und Frauen. Die Geschichten, die der Sport schreibt, sind universell verständlich. Sieger, Verlierer, Drama, Emotionen: Das versteht jeder, das berührt jeden - solange er an das glaubt, was er zu sehen bekommt. Und bisher war es so, dass die meisten Menschen sich im guten Glauben auf den Tribünen und vor den Fernsehschirmen versammelten.

Die Bildwelten, die der Sport schuf, funktionierten nach dem gleichen Muster wie viele Ikonen der Fotografie. Die Menschen sahen in Robert Capas Bild vom fallenden republikanischen Soldaten im Spanischen Bürgerkrieg den Augenblick des Todes - weil sie ihn darin sehen wollten.

Ob Capa wirklich in dem Moment den Auslöser gedrückt hatte, in dem die Kugel einschlug, war gar nicht entscheidend. Robert Doisneaus Aufnahme eines sich küssenden Paares vor dem Pariser Rathaus gilt noch immer als Sinnbild der zufällig beobachteten Lebenslust in der französischen Hauptstadt, obwohl seit Langem bekannt ist, dass die Szene gestellt ist. Damit die Bilder ihre Wirkung entfalten können, sind die Erwartungen des Publikums entscheidend.

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Es gibt nur zwei Mächte, die den Sport wirklich in seinen Grundfesten erschüttern können: staatliche Ermittlungen, die Korruption und Betrug offenlegen und die betroffenen Verbände in Krisen stürzen, die bis zur Handlungsunfähigkeit führen können. Die USA haben solche Ermittlungen angestoßen. Noch schneller aber kommt der Abschwung, wenn sich das Publikum abwendet. Ein Spiel, das keiner mehr sehen will, ist nichts mehr wert.