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Staatsdoping in Russland:Rufe nach ernsthaften Sanktionen verhallen

Olympische Spiele: Einmarsch der russischen Athleten in Sotschi 2014

Russland läuft 2014 in Sotschi noch mit der eigenen Flagge ein.

(Foto: Mark Humphrey/AP)
  • Der Vier-Jahres-Bann der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada gegen Russland ist nur scheinbar eine strenge Strafe.
  • Unter der Bezeichnung "neutrale Athleten" werden die meisten Sportler weiter an den Wettkämpfen teilnehmen.
  • Auch andere Teile der Sanktion bieten zahlreiche Hintertüren.

Als der schottische Funktionärs-Veteran Craig Reedie,78, am Montagmittag vor die Presse trat, sagte er ein paar Sätze, die ebenso eindeutig wie altvertraut klangen. "In der strengstmöglichen Art und Weise" habe der Vorstand der von ihm präsidierten Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) auf die fortgesetzte Manipulation in Russlands Staatsdoping-Affäre reagiert. Zugleich wahre das Urteil "die Rechte der russischen Athleten, die beweisen können, dass sie von den betrügerischen Handlungen nicht profitiert haben".

Sanktionen? Strenge? Schutz für saubere Athleten? So klang das auch schon vor zwei Jahren, kurz vor den Winterspielen 2018 in Pyeongchang. Damals gaben sich die zuständigen Sportfunktionäre auch furchtbar unbeugsam, sie verhängten - formal - einen Ausschluss Russlands und ließen dann locker 168 Sportler zu, die unter dem alles verschleiernden Titel "Olympische Athleten aus Russland" starten durften. Für wen die wohl am Start waren? Zwei Dutzend von ihnen gewannen am Schlusstag das Eishockeyfinale und sangen, demonstrativ auf dem olympischen Eis, die russische Nationalhymne. Die Farce von Pyeongchang dokumentierte eindrucksvoll: Das angeblich so hart bestrafte Russland war mitten drin bei diesen Spielen.

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Leserdiskussion

Doping-Skandal: Ihre Meinung zum Olympia-Ausschluss Russlands?

Das Wada-Exekutivkomitee verhängte eine Vierjahressperre gegen Russland. Athleten dürfen damit an den beiden kommenden Olympischen Spielen nicht unter der russischen Flagge, sondern nur als neutrale Sportler starten.

Am Montag erfolgte nun die nächste angeblich strenge Entscheidung. Dabei dürfte es wieder ähnlich ablaufen wie in Pyeongchang, dafür ist bereits gesorgt. Formal beschloss die Wada-Exekutive, den Empfehlungen ihrer unabhängigen Prüfkommission zu folgen und Russlands Anti-Doping-Agentur (Rusada) für vier Jahre zu suspendieren, weil Moskau der Wada tausendfach manipulierte Labordaten übergeben habe. Dazu verhängte es einen vierjährigen Bann über den russischen Sport. Russland darf in dieser Zeit weder an den Sommerspielen in Tokio 2020 noch an den Winterspielen in Peking 2022 noch an Weltmeisterschaften teilnehmen, auch nicht an der Fußball-WM 2022 in Katar. Zugleich darf das Land in diesem Zeitraum keine Sportveranstaltungen ausrichten.

Aber erstens ist die Entscheidung nicht endgültig, Russland kann vor den Internationalen Sportgerichtshof (Cas) ziehen. Zweitens ist der Spruch so wachsweich, dass es sich faktisch eher um ein erweitertes nationales Wimpel-Verbot handelt: Gesperrt wird Russland nur als Begriff.

Tatsächlich dürfen russische Sportler nach einer Integritätsprüfung an den Wettbewerben als "neutrale Athleten" teilnehmen - gern auch in Teamstärke wie bei der Fußball-WM . Die Bedingungen für eine Zulassung klingen aber recht dehnbar. Laut Prüfkommission dürften Athleten starten, die nachweisen können, "in keiner Weise" ins Manipulationssystem verstrickt zu sein. Sie dürften nicht "unter inkriminierenden Umständen" im McLaren-Bericht auftauchen, in dem der Anwalt Richard McLaren 2016 das Staatsdopingsystem festhielt. Auch dürften keine positiven Ergebnisse für sie in der im Januar übergebenen, porentief bereinigten Datenbank gemeldet und "keine Daten in Bezug auf ihre Proben manipuliert" sein. Es ist nur die Frage, wie viele Athleten diese Kriterien betreffen. Die Wada konnte zwar mithilfe forensischer Methoden herausfinden, bei welchen Namen es zu Manipulationen kam. Von 145 Sportlern "in der Zielgruppe der verdächtigsten Athleten", sprach Jonathan Taylor, der Vorsitzende der Prüfkommission. Allerdings dürften zahlreiche Namen davon irrelevant sein: Denn die Daten wurden zwar bis Anfang 2019 manipuliert, sie beziehen sich aber auf Labor-Vorgänge im Zeitraum von 2012 bis 2015.

Mancher Athlet beendete seine Karriere seither. Aber selbst falls es bei einem aktiven Sportler zum Nachweis kommt, dass an seinen Daten manipuliert wurde, steht keineswegs fest, dass das auch den Ausschluss zur Folge hat - oder ob sich nicht vorm Sportgerichtshof Cas die Argumentation durchfechten lassen wird, dass der Athlet doch nichts dafür könne, wenn sich unbekannte Dritte an seinen Daten vergreifen. Das ist ein höchst realistisches Prozess-Szenario: Schon vor zwei Jahren folgte der Cas bei einzelnen verhängten Sperren den Funktionären nicht und sprach individuelle Sportler frei - aus Mangel an Beweisen.

Wenn es gut für sie läuft, werden es die Russen also sogar schaffen, dass sie bei den beiden nächsten Olympischen Spielen mit einem größeren Kontingent an den Start gehen, als dies zuletzt bei den Winterspielen in Pyeongchang (168 Starter) und Rio de Janeiro (282) der Fall war.

Chronik

2014

3. Dezember: Die ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping: Wie Russland seine Sieger macht" liefert erste Belege für staatlich unterstütztes Doping in Russland. Kronzeugen sind die Leichtathletin Julia Stepanowa und ihr Mann Witali, der bei der russischen Anti-Doping-Agentur (Rusada) arbeitet.

16. Dezember: Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) setzt eine unabhängige Untersuchungskommission ein.

2015

1. August: Die ARD präsentiert vor der Leichtathletik-WM in Peking neue Belege für Vergehen in Russland.

9. November: Ein Bericht der unabhängigen Wada-Kommission attestiert Russland ein systematisches und von staatlichen Stellen gedecktes Dopingsystem.

13. November: Der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) suspendiert den russischen Leichtathletikverband vorläufig.

18. November: Russlands Anti-Doping-Agentur Rusada wird aus der Wada ausgeschlossen.

2016

12. Mai: Der frühere Leiter des Moskauer Dopinganalyselabors, Gregori Rodtschenkow, behauptet in der New York Times, es habe bei Olympia in Sotschi 2014 ein staatlich gestütztes Dopingsystem gegeben.

17. Juni: Die IAAF bestätigt die Suspendierung des russischen Leichtathletikverbandes. Sie besiegelt damit de facto das Aus der russischen Leichtathletik für die Olympischen Spiele in Rio.

18. Juli: Sonderermittler Richard McLaren stellt in Toronto den ersten Teil seines Berichts vor. In Russland habe es von "mindestens Ende 2011 bis August 2015" Staatsdoping gegeben.

24. Juli: Das IOC verzichtet auf einen generellen Ausschluss des russischen Olympiateams. Russische Sportler sollen für eine Zulassung gegenüber ihren jeweiligen Weltverbänden jedoch Kriterien erfüllen. Eine Teilnahme der Whistleblowerin Julia Stepanowa in Rio als neutrale Starterin lehnt das IOC ab.

7. August: Im Gegensatz zum IOC sperrt das Internationale Paralympische Komitee (IPC) alle russischen Behindertensportler für die Paralympics in Rio.

9. Dezember: Sonderermittler McLaren stellt seinen Abschlussbericht vor: Er erhärtet die Vorwürfe gegen Russland. Demnach haben von 2011 bis 2015 mehr als 1000 russische Athleten in 30 Sportarten von einem staatlich gelenkten Dopingsystem profitiert. Das IOC setzt zwei eigenständige Kommissionen ein.

2017

27. Juni: Die Wada erteilt der Rusada eine Teilzulassung, die fortan unter der Kontrolle internationaler Experten wieder Dopingtests durchführen darf.

31. Juli: Der russische Leichtathletikverband bleibt gesperrt, die WM in London findet ohne russisches Team stand. Insgesamt nehmen in London 19 russische Sportler als "neutrale Athleten" teil.

5. Dezember: Das IOC schließt Russland von den Winterspielen in Pyeongchang aus. Russische Athleten dürfen aber als OAR (Olympic Athletes from Russia) starten. Wenige Tage nach den Olympischen Spielen wird die Sanktion ohne weitere Bedingungen wieder aufgehoben.

2018

20. September 2018: Die Wada nimmt Russlands Anti-Doping-Agentur Rusada wieder auf. Der Beschluss wird weltweit kritisiert. Eine Voraussetzung: Russland muss bis Jahresende die Daten aus dem Moskauer Kontrolllabor übergeben. Damit soll das Ausmaß des Skandals belegt und Sanktionen gegen einzelne Sportler möglich werden.

4. Dezember: Der Leichtathletik-Weltverband IAAF bleibt hart und verlängert trotzdem die Suspendierung des russischen Leichtathletikverbandes. Zwei Kriterien seien immer noch nicht erfüllt.

2019

10. Januar: Erst mit Verzögerung erhalten Wada-Kontrolleure uneingeschränkten Zugang zum Moskauer Kontrolllabor und sichern die Daten.

2. Juli: Die Wada gibt bekannt, aus den Labordaten 298 besonders verdächtige Athleten identifiziert zu haben. Beweise werden an die internationalen Verbände geliefert, es gibt erste Sperren.

23. September: Die Wada teilt mit, dass sie ein neues Verfahren gegen die Rusada eröffnet hat: Es sollen massiv Daten aus dem russischen Kontrolllabor manipuliert oder gelöscht worden sein. Die IAAF verlängert die Sperre Russlands erneut. Bei der Leichtathletik-WM in Doha gibt es wieder kein russisches Team.

22. November: Die Wada-Prüfkommission schlägt vor, die Rusada erneut zu suspendieren.

25. November: Russland drohen harte Strafen. Die Prüfkommission will das Land für vier Jahre sperren, das bedeutet, Russland dürfte in diesem Zeitraum an keinem sportlichen Großereignis wie Olympischen Spielen, Paralympics sowie Weltmeisterschaften teilnehmen oder solche Veranstaltungen ausrichten. Russische Einzelsportler dürften allerdings nach eingehender Prüfung als neutrale Athleten starten.

9. Dezember: Das Exekutivkomitee der Wada folgt in Lausanne den Vorschlägen der Prüfkommission einstimmig: Es verhängt gegen Russland eine Vierjahressperre. Auch die Rusada wird erneut ausgeschlossen.

Zudem geht es darum, welche Events überhaupt unter den Bann fallen. Die Fußball-EM 2020 etwa tut dies laut Wada nicht. In anderen Sportarten wiederum sind nach Angaben ihrer Prüfkommission Weltcups nicht betroffen, sondern nur Weltmeisterschaften. Zugleich gibt es bei nach Russland vergebenen Events wie der Rodel-WM 2020 oder der Eishockey-WM 2023 ein kleines Hintertürchen, dass sie doch in Russland stattfinden. Veranstaltungen wie die Formel-1-Rennen in Sotschi sind außen vor, weil ihre Veranstalter den Wada-Code nicht unterzeichneten. Es müsse stets im Einzelfalle entschieden werden, heißt es bei der Wada-Prüfkommission.

Der Cas dürfte bald viel zu tun haben. In der ganzen Debatte verhallten stets die Rufe derer, die für ernsthafte Sanktionen plädierten. Im Fall der russischen Wiederholungstäter machten sich unter anderem Athletenvertreter für eine Höchststrafe stark: Komplettausschluss für Russland und nicht nur für die russische Fahne. Nach SZ-Informationen sollen einige Wada-Vorstände noch vor Sitzungsbeginn für ein härteres Vorgehen plädiert haben. Aber im Sport werden Beschlüsse gern einstimmig gefällt: Es geht um das Wohl der olympischen Familie. Und so bleibt ein Urteil, das Travis Tygart, Chef der US-Anti-Doping-Agentur Usada, so kritisiert: "Russland dem kompletten Bann entkommen zu lassen, ist der nächste verheerende Schlag für saubere Athleten, glaubwürdigen Sport und Rechtsstaatlichkeit." Tygart rief alle, die den Sport schätzten, zu einer "Revolte gegen das kaputte System" auf.

Eine gewisse erwartbare Empörung herrschte auch in Moskau. Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew sprach von "antirussischer Hysterie", aber das Wort zum Sport fand am Montag sein Sportminister. Der warf der Wada vor, sie hätte Russland doch an der Untersuchung jener Daten beteiligen sollen, die gefälscht zu haben den Russen vorgeworfen wird. Großartige Idee: Dann hätte sich der Sport all den Kongress- und Sitzungsstress sparen, das Resultat der Moskauer Selbstuntersuchung vorwegnehmen und sofort auf Freispruch entscheiden können. Andererseits: So können Sport und Russen wenigstens erzählen, man habe brutalstmögliche Strafen verhängt - beziehungsweise zu erdulden.

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