Doping-Skandal Österreichs Verband gibt sich fassungslos. Routiniert weist er jede Verantwortung zurück

Eine solche gigantische Vertuschung von hoher Stelle, mit Hilfe konstruierter Verweise auf ein (damals fehlendes) Anti-Doping-Gesetz, dürfte im aktuellen Fall aber aufgrund der mittlerweile klaren Gesetzeslagen in Deutschland und Österreich kaum mehr wiederholbar sein.

Am Donnerstag wurden die meisten der Festgenommenen intensiv verhört: Schmidt und einer seiner Komplizen in München, im Innsbrucker Gefängnis das Langläufer-Quintett Hauke, Dominik Baldauf (beide Österreich), Karel Tammjarv, Andreas Veerpalu (beide Estland) sowie der Kasache Alexej Poltoranin. Zwei weitere in Seefeld verhaftete Deutsche, die dem Netzwerk zugerechnet werden, Schmidts Vater und eine Helferin, sollen in Kürze an die Münchner Doping-Schwerpunktstaatsanwaltschaft überstellt werden. Die deutsche Behörde wird das Dopingnetzwerk abhandeln, das als organisierte Kriminalität angesehen und daher in einem "höheren Strafrahmen" (Csefan) angesiedelt ist; die Delikte der fünf Langläufer fallen in österreichische Zuständigkeit.

In Justizkreisen braut sich etwas Gewaltiges zusammen - und im organisierten Sport ist die Nervosität mit Händen zu greifen. Der Österreichische Skiverband unter seinen beiden seit Jahrzehnten herrschenden Granden Peter Schröcksnadel (Präsident) und Klaus Leistner (Generalsekretär) gibt sich wie immer fassungslos; routiniert weist man jede Verantwortung von sich. Zwar trennt sich der ÖSV nun zu Saisonende von Markus Gandler, der als Langlauf- und Biathlonchef ja nie etwas mitgekriegt haben will von wiederholt massiven Dopingumtrieben in seinem Zuständigkeitsbereich. Ansonsten aber setzt die affärengestählte Führungsriege ihren Kurs fort.

Am Donnerstag verschickte sie eine Mitteilung, in welcher die eigene Betrugsbekämpfung in strahlendes Licht getaucht wird, und die in einem originellen Fazit gipfelt: "Der ÖSV ist ein Vorzeigeverband in der Doping-Prävention". Und ja, sogar das Umfeld der Athleten sei in die vielfältigen Vorsorge- und Schutzmaßnahmen eingebunden. Wie nahe sich dieses Selbstzeugnis am Kabarett bewegt, zeigt nun das konkrete Umfeld der Blutdoping-Tankstelle in Seefeld: Sie lag praktischerweise direkt gegenüber dem ÖSV-Quartier.

Eine gewisse Schockstarre herrscht auch im zweiten Zentrum des Bebens vor: in Deutschland. Während Nada-Vorstand Lars Mortsiefer den Behörden jede Kooperation zusicherte und davon ausgeht, "dass dieser Fall weitere Kreise ziehen wird, auch in andere Sportarten hinein", beklagt Alfons Hörmann, Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), vor allem den üblichen "Schatten auf dem gesamten Sport". Und die Berliner Politik debattiert einmal mehr Gesetzesverschärfungen. Wie weit der Sport davon entfernt ist, sein Betrugsproblem auch nur ansatzweise zu durchleuchten, dürfte sich derweil in Kürze in Seefeld erweisen: Einer der fünf inhaftierten Langläufer war dort schon vor den Zugriffen einer WM-Dopingkontrolle unterzogen worden. Vermutlich wird sie negativ sein.

Wie immer.

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Langläufer Johannes Dürr

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