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Doping im Radsport:Wenn die Ermittler ins Zwielicht geraten

Erfolgsgeschichte mit Schatten: Chris Hoy gewann bei den Olympischen Spielen in London eine von acht britischen Rad-Goldmedaillen.

(Foto: Patrick Pichon/Imago)

Weshalb ging die britische Anti-Doping-Agentur dem auffälligen Befund eines prominenten Radfahrers nicht nach - und überließ die Analyse dem Radsportverband? Im Sport auf der Insel öffnen sich Abgründe.

Von Johannes Knuth

In Großbritannien singen sie ja bekanntlich gerne, nicht immer korrekt, dafür immer inbrünstig, und besonders gut hörbar war das bei der Schlussfeier der Olympischen Spiele 2012 in London. Die glich beizeiten einer Chartshow mit der besten Brit-Musik der vergangenen Jahrzehnte, von The Who bis zu den Spice Girls. Kitschig wurde es erst, als ein Kinderchor John Lennons "Imagine" intonierte, aber da schimmerte wieder diese britische Art durch, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. Darauf muss man ja auch erst mal kommen: "Imagine there's no country" zu trällern, nach einem dreiwöchigen Hauen und Stechen um die Medaillen.

Die Gastgeber hatten natürlich leicht singen: 65 Plaketten standen in ihrer Bilanz, allein zwölf aus ihrer Vorzeigeschmiede: British Cycling. Die Vorstellung, dass dabei alles porentief rein zuging, ist zwar längst zertrümmert; eine Wendung, die jetzt in der britischen Daily Mail und der Times bekannt wurde, eröffnet aber noch mal eine neue Dimension. Frei nach John Lennon: Stell dir vor, einer deiner besten Radprofis reicht eine auffällige Dopingprobe ein - aber die Nationale Anti-Doping-Agentur, UK Anti-Doping (UKAD), lässt den Rad-Verband die Causa einfach selbst durchleuchten. Stell dir vor... eine Welt, in der die Dopingfahnder nicht so genau hinschauen?

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), traditionell alles andere als bissig, reagierte einigermaßen entsetzt: Etwaigen Verstößen dürfe man nur in Wada-zertifizierten Laboren nachspüren, unter der Regie nationaler Anti-Doping-Agenturen - nicht von Verbänden, deren größtes Ziel es ist, Medaillen zu gewinnen. Der Vorgang werfe "signifikante Bedenken" auf, so die Wada, man habe UKAD kontaktiert und Untersuchungen aufgenommen. Sprich: Die Ermittler stehen jetzt selbst im Zwielicht. Diese Ehre wird selten ganzen Anti-Doping-Behörden zuteil, in der jüngeren Historie traf es vor allem die Russen, die bei den Winterspielen 2014 in Sotschi gleich das gesamte Anti-Doping-Labor unterwandert hatten.

Der jüngste Fall im britischen Radsport begann im November 2010: Bei einem prominenten, nicht näher benannten Bahnradfahrer fanden sich Nandrolonspuren im Urin, von einem Steroid also, das unter anderem Muskelkraft und Regeneration fördert. Die Menge war offenbar nicht groß, aber doch so auffällig, dass Graham Arthur, damals Chefjustiziar von UKAD, die Führungscrew des britischen Radsportverbandes informierte: Sportdirektor David Brailsford, Chef-Mediziner Steve Peters, Trainer Shane Sutton sowie Teamarzt Richard Freeman.

Diese Besetzung bekleidet übrigens auch in einer weiteren, akut schwelenden Affäre die Hauptrollen: Freeman, der Arzt, hatte 2011 eine Packung Testosterongel an den Verbandssitz geordert - angeblich aus Versehen. Später behauptete er, der Stoff war für den Trainer Sutton gedacht: wegen dessen erektiler Dysfunktion. Sutton verneinte das heftig. Die britische Ärzteaufsicht urteilte zuletzt, Freeman müsse das Gel für Dopingzwecke geordert haben, was sowohl der Arzt als auch Brailsford wiederum bestritten.

Es ballen sich die Affären hinter dem Aufschwung

In der Nandrolon-Causa steht Freeman nun erneut im Zwielicht. Im Januar 2011 erörterte er laut den Berichten mit seinen Vorgesetzten, was zu der auffälligen Probe geführt haben könnte. Ein verunreinigtes Nahrungsergänzungsmittel? Ein natürlich erhöhter Nandrolonspiegel? Doping? Freeman schlug vor, den Fahrer und weitere Teamkollegen testen zu lassen - aber, und das war ihm wichtig, wie er in einer E-Mail schrieb - "vertraulich", so dass man die Resultate "NICHT mit Wada oder UK Anti-Doping" teilen müsse. Die Mitstreiter waren begeistert, Freeman kontaktierte ein privates Labor in Cambridgeshire. Das wollte aber zunächst nicht mitmachen. Graham Arthur, der Chefjustiziar von UKAD, half daraufhin nach: "Ich spreche gerne mit dem Laborchef", versicherte er Freeman.

Die Proben, die das Labor im Februar 2011 schließlich analysierte, wiesen offenbar weder darauf hin, dass ein verunreinigtes Präparat im Spiel war, noch habe es sich um natürlich erhöhte Nandrolonwerte gehandelt. Aber um was dann? Brailsford, Sutton und Freeman ließen Anfragen unbeantwortet, Peters wich den Fragen aus. UKAD teilte mit, man habe die Befunden nie gesehen, man habe aber niemals "irgendetwas Unzulässiges" getan. Weshalb man den Befund des fraglichen Fahrers nicht selbst näher untersuchte? Zumal die privaten Nachforschungen ja weitere Fragen aufwarfen? Keine Antwort.

Nach Lage der Dinge rückt das die Maßstäbe weiter zurecht. Bei den Spielen 1996 dümpelten die Briten noch auf Rang 36 im Medaillenspiegel, mit einer Goldmedaille, hinter Nordkorea und Kasachstan. Kurz darauf peitschte der neue Dachverband UK Sport ein gewaltiges Aufforstungsprogramm durch. Mittlerweile ballen sich die Affären hinter dem Aufschwung:

Testosteronlieferungen an den Sitz des Radsportverbandes etwa.

Oder Bradley Wiggins, 2012 Zeitfahr-Olympiasieger sowie im Dress des Team Sky der erste britische Sieger der Tour de France: Er soll medizinische Ausnahmeatteste missbraucht haben, folgerte ein Parlamentsbericht 2018. Wiggins' Teamchef und Teamarzt: Brailsford und Freeman.

Oder Christopher Froome, der viermalige Tour-Champion, der 2018 einer Dopingsperre knapp entging. Sein Teamchef damals: Brailsford.

Oder die lange Kette an Merkwürdigkeiten beim Leichtathleten Mo Farah, der unter dem Trainer Alberto Salazar zum viermaligen Olympiasieger aufstieg. Salazar ist seit 2019 wegen Dopingverstößen gesperrt (beide haben Vergehen stets bestritten).

Oder ein geheimes Projekt von UK Sport, bei dem Athleten vor den London-Spielen als Versuchskaninchen für eine Substanz dienten, die einst für US-Streitkräfte entwickelt wurde.

Oder Ärzte, die vor versteckter Kamera erzählten, sie hätten 150 britische Eliteathleten gedopt, darunter Fußballer, Radprofis und Boxer. UKAD verzichtete damals auf Ermittlungen.

Oder auch: Erlaubt ist offenbar, was nicht explizit verboten ist. Und im Zweifel? Schauen die Ermittler halt nicht ganz so genau hin. Während das Publikum den Kinderchören lauscht.

© SZ/klef/ska
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