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Urteil in Innsbruck:Ein System, in dem jeder gewinnt, solange niemand redet

Nach der Mittagspause in Innsbruck ist der Altersschnitt des Publikums wieder höher: Die Handelsschüler aus Wörgl haben ihre Doppelstunde Doping schon hinter sich. Ob von ihnen künftig jemand wohl noch ein Sportevent organisieren möchte?

Im Saal ahnt man jetzt ein weiteres Systemproblem: dass manche noch dann ein Betrugsgeflecht schützen, wenn es auseinanderfällt. Dominik Baldauf und Max Hauke - Dürrs einstige Teamkollegen, mittlerweile zu Bewährungsstrafen verurteilt - bekräftigen, dass Dürr sie damals an den Erfurter Sportarzt vermittelte (was Dürr bestreitet). Ein weiterer Athlet sagt, Dürr habe ihm einmal sogar das Blut zurückgeführt, was der ebenfalls abstreitet - doch zu den Details befragt, kommen alle ins Schlingern. Baldauf und Hauke können nicht so recht erklären, warum sie im Vorfeld ihre Versionen mehrmals geändert hatten. Die Richterin sagt später, die Aussagen hätten darauf abgezielt, Dürr zu schaden und Heigl aus der Sache rauszuhalten. "Ich gehe davon aus", sagt sie zu Dürr, "dass beide sauer auf Sie sind." Baldauf und Hauke waren erst in Seefeld erwischt worden - Hauke mit der Kanüle im Arm.

Als Heigl und Dürr nach knapp zehn Stunden Verhandlung schuldig gesprochen werden, wirken beide trotzdem erleichtert. Dürr sei wegen schweren Sportbetrugs schuldig, sagt die Richterin, er habe auch zum Doping anderer beigetragen. Er habe aber "vollkommen und reumütig" gestanden. Und das alles - und dieser Vermerk ist durchaus bemerkenswert - in einem System, in dem ab der Jugend alles der Leistung untergeordnet sei, was den Athleten schnell in den Betrug schlittern lassen könne. Heigl rechnet sie ebenfalls dessen Geständnis an, der ehemalige Cheftrainer habe aber größere Schuld in diesem Geflecht auf sich geladen. Sie glaube auch nicht, dass er von seinen Sportlern zum mutmaßlichen Blutdoper Walter Mayer hingezogen wurde - und dass er, der ums Körpertuning seiner Athleten wusste, niemals deren Trainingspläne justierte.

Und so schnurrt am Ende in Innsbruck alles zusammen. Athleten, die nachhelfen, weil sie nur so mithalten und von Publikum, Sponsoren und Medien gefeiert werden. Trainer, die den Betrug abschirmen und abstimmen. Sportärzte, die mutmaßlich im Hintergrund wirken. Ein System, in dem jeder gewinnt, solange niemand einen Riss in die Schweigemauer zieht. Dürrs Anwalt verweist in Innsbruck auf einen Artikel in der Zeitung Die Presse: Die hatte nach der WM in Seefeld recherchiert, dass knapp zwei Drittel aller ÖSV-Langläufer, die seit 2003/04 Weltcup-Punkte holten, schon mal gesperrt oder wegen Falschaussagen überführt wurden. Der ÖSV-Trainer Radim Duda hatte schon im Dezember 2013 intern Alarm geschlagen: Er traute Dürrs Leistungssprüngen nicht, die der damalige Cheftrainer Heigl ignoriert habe - warum auch immer. Später, als Dürr in Sotschi mit Epo aufgeflogen war, äußerte Duda seine Zweifel öffentlich. Duda musste gehen, Heigl blieb.

Und doch wurde der Verband angeblich eiskalt von all den Doping-Fällen erwischt - Jahr, für Jahr, für Jahr?

Christian Horwath, Heigls Anwalt, steht am Montagabend vor dem Gerichtssaal und sagt: Es gebe ja diesen deutschen ÖSV-Arzt aus Rosenheim, der seinen Mandanten mit Stoff versorgt habe - da frage er sich schon: "Was haben die anderen Funktionäre vom ÖSV gewusst? Wir können jetzt nichts bestätigen, es gibt viele Gerüchte", aber er glaube, dass "prominente Zeugen" noch einiges zutage fördern könnten. Harald Wurm, Dürrs ehemaliger Zimmerkollege, steht ein Verfahren noch bevor, Walter Mayer ebenfalls. Jener Mayer, der tief in die Blutdopingskandale der Österreicher bei den Winterspielen 2002 und 2006 verwickelt war, der 2006 in Turin nach wilder Flucht in einer Straßensperre gestellt wurde, während ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel behauptete: "Austria is a too small country to make good doping." Am 19. Februar ist die neuerliche Verhandlung in Innsbruck anberaumt, Mayer soll Sportler bis 2019 weiter gedopt haben.

Günther Riess, der den ÖSV in Innsbruck vertritt, sagt auf Nachfrage, er wolle erst mal das schriftliche Urteil abwarten.

Dürrs Anwalt Christian Reiter steht am Montagabend ebenfalls vor dem Gerichtssaal. Er ist erleichtert, dass Dürr nicht ins Gefängnis muss - aber die Freude ist eher gedämpft. Dürr muss in den kommenden fünf Jahren 52 000 Euro an den Bund zurückzahlen, als Entschädigung für den Betrug. Er lässt sich derzeit zum Maschinenbauer ausbilden; er will einmal die Schmiede seines Vaters übernehmen, die Rückforderung wird ihn wohl in die Privatinsolvenz treiben. Er verzichtet trotzdem auf Rechtsmittel, wie auch Heigl.

Später stößt er gegenüber des Gerichts auf sein neues Leben an. In den Fenstern der Hotelbar hängen weiße Gardinen.

© SZ vom 29.01.2020
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