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Doping:Moskauer Theorien

Im Zuge der Ermittlungen in der russischen Staatsdoping-Affäre sollen Doping-Daten aus dem Ausland verändert worden sein. Der Anwalt des Beschuldigten Grigorij Rodtschenkow weißt die Vorwürfe jedoch zurück.

Von Johannes Aumüller, Moskau/Frankfurt

In der Affäre um manipulierte Labordaten und die daraus folgende Vierjahressperre für den russischen Sport hat Moskau eine erstaunliche Verteidigungsstrategie präsentiert. Am Samstag teilte eine Sprecherin der russischen Ermittlungsbehörde mit, dass es einer internen forensischen Untersuchung zufolge 2015 und 2016 aus dem Ausland zu Eingriffen in einer Datenbank gekommen sei; und zwar von IP-Adressen, die in Deutschland und in den USA registriert gewesen seien.

Verantwortlich dafür sei Grigorij Rodtschenkow, der als früherer Chef des Moskauer Labors eine Schlüsselfigur des jahrelangen Staatsdopings war, aber seit seiner Flucht in die USA 2015 als Kronzeuge für die Aufdeckung dient und von Russland seitdem heftig verfolgt und attackiert wird. Zudem sei ein entsprechendes Protokoll über die Eingriffe auch der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) übergeben worden, die das nicht weiter beachtet habe. Die Wada äußerte sich auf Anfrage zunächst nicht dazu, Rodtschenkows Anwalt Jim Walden wies den neuen Vorwurf gegenüber der Nachrichtenagentur AP als "Unsinn" zurück. "Rodtschenkow konnte sich nicht einloggen und hat sich nicht eingeloggt", so Walden weiter. Belege für die These veröffentlichte Russland auch nicht.

Es wäre nicht das erste Mal im Zuge dieses nun schon fünf Jahre währenden Staatsdopingskandals, dass sich eine Erklärung von verantwortlichen russischen Stellen als irreführend oder falsch herausstellt.

Die Wada hatte Russland wegen fortgesetzter Datenmanipulation vor knapp zwei Wochen mit einem vierjährigen Teilnahme- und Ausrichtungsverbot für Olympische Spiele und Weltmeisterschaften belegt. Obwohl dieses Urteil viele Schlupflöcher bietet, will sich Russland deswegen an den Internationalen Sportgerichtshof (Cas) wenden.

Konkreter Anlass für die Sanktion war der Umgang mit der sogenannten Lims-Datenbank. Darin sind alle Vorgänge im Moskauer Labor von Januar 2012 bis August 2015 verzeichnet, also dem Zeitraum, für das ein Staatsdopingsystem nachgewiesen ist. Die Wada erhofft sich davon Informationen über weitere konkrete Dopingfälle. Moskau hatte im Zuge einer aufgehobenen früheren Sperre die Auflage bekommen, die Daten der Wada zu übergeben.

Doch nachdem dies im Januar 2019 geschehen war, konnten die Wada-Ermittler mithilfe forensischer Untersuchungen sowie eines Abgleiches mit einer früher von einem Whistleblower zugespielten Kopie der Datenbank herausfinden, dass das übergebene Material weder "vollständig noch vollständig authentisch" sei. Nun behauptet Russland, dass diese zum Vergleich herangezogenen Daten manipuliert seien. Die Wada datiert die Erstellung der Kopie aber bereits auf September 2015, also vor die angebliche Manipulation.

Zudem wiesen die Wada-Ermittler in einem 62-seitigen Report nach, dass es sogar noch im Januar 2019 im Lims-Original zu Manipulationen kam. Auch wurden die Daten bewusst so verändert, um Staatsfeind Rodtschenkow zu belasten. Und an diesen schwerwiegenden Punkten, auf denen die Sanktion fußte, ändert der neue Moskauer Vortrag ohnehin nichts.

© SZ vom 23.12.2019
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