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Doping-Kronzeuge Jörg Jaksche:"Wir verstecken es im Staubsauger"

Joseba Beloki und Roberto Heras, 2005 Kollegen von Jörg Jaschke

Auch Joseba Beloki (li.) und Roberto Heras (re.), 2005 Kollegen von Jörg Jaschke (M.) beim Team Liberty Seguros, waren damals Fuentes-Kunden.

(Foto: AFP)

Mit dem Frühjahrsklassiker Mailand-San Remo geht die erste Radsport-Saison nach dem Geständnis von Lance Armstrong richtig los, doch der Doping-Kronzeuge Jörg Jaksche hegt wenig Hoffnung auf eine Reinigung. Jaksche erzählt der SZ, wie er mit noch aktiven Fahrern über Dopingmittel gesprochen hat, warum er den Fuentes-Prozess für aufgeblasen hält und was das größte Problem ist: das Lügen.

Am Sonntag hat die neue Radsport-Saison ihren ersten großen Höhepunkt mit dem 104. Frühjahrsklassiker Mailand-San Remo, als Favorit gilt der slowakische Allround-Sprinter Peter Sagan. Der frühere deutsche Profi Jörg Jaksche, Doping-Kronzeuge im Operación-Puerto-Skandal um den spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes, sieht der ersten Saison nach dem Lance-Armstrong-Geständnis und der unzureichenden Aufarbeitung der Vergangenheit kritisch entgegen.

"Es ist nicht das Doping-Problem, das den Radsport kaputt macht - es ist diese ewige Lügerei", sagte Jaksche in einem ausführlichen Interview mit der Süddeutschen Zeitung (16.3.2013 im Print sowie auf dem iPad und Windows 8). Da weiterhin zahlreiche Hauptdarsteller der Doping-Affären im Feld unterwegs seien, glaube er nicht an die erhoffte Erneuerung. "Armstrong ist ja jetzt vielleicht der 100. Fahrer, der geschasst wurde. Aber die Hintermänner des Systems, jemand vom Weltverband UCI, Teammanager oder Ärzte, die bleiben doch eher unbehelligt", urteilt Jaksche. "Das Selbstschutz-System funktioniert."

Als Beleg nimmt der Ansbacher die Zusammenarbeit des Teams Sky um Tour-de-France-Sieger Bradley Wiggins und seinen möglichen Nachfolger Christopher Froome mit dem Dopingarzt Geert Leinders. "Typen wie Leinders gibt es in jedem Team zwei", sagt Jaksche und fragt: "Warum nehmen die nicht einen Arzt aus einem französischen Team, das keinen Dreck am Stecken hat? Warum Leinders der Doping organisiert hat und aus einem der stärksten, aber auch dreckigsten Teams kam?" Von Leinders hatte sich Sky im Herbst erst nach anhaltender Berichterstattung getrennt.

Auch der Fuentes-Prozess in Madrid, wo Jaksche kürzlich als Zeuge der Anklage aussagte und seinen früheren Teamarzt belastete, hat nach Ansicht des 36-Jährigen den Zustand des Radsports belegt. Der Prozess sei eine Farce und generell aufgeblasen, es sei dort "gelogen worden, dass sich die Balken biegen".

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In Madrid hatte Kronzeuge Tyler Hamilton seinen früheren CSC-Teamchef Bjarne Riis erneut schwer belastet. "Tyler sagt das aus - und keiner reagiert!", empört sich Jaksche. "Weder der Weltverband, noch der dänische Verband oder die Bewegung für den glaubwürdigen Radsport. Eigentlich hat's der Radsport also gar nicht anders verdient, dass Riis und Contador als Sieger in Paris ankommen und UCI-Chef McQuaid ihnen dort gratuliert. Das wäre das passende Stillleben für die Situation des Radsports - ein echter van Gogh."

Zu den fragwürdigen Figuren im Peloton zählt Jaksche auch den Berliner Jens Voigt, der lange bei Riis fuhr. "Jens war während der beiden größten Dopingskandale Profi, er war bei großen Teams mit den zweifelhaftesten Leitern - aber wir glauben ihm, dass er nie gedopt hat?", fragt Jaksche in Richtung des noch aktiven Landsmanns, der Dopingvorwürfe strikt zurückweist. "Aber er kann ja gerne mal sein Gesundheitsbuch offenlegen. Da müssten einige Kortison-Gaben durch den immer noch aktuellen CSC-Arzt De Moor und den langjährigen Doktor De Maeseneer auftauchen. Nette Typen - aber sie haben halt auch mitgemacht."