bedeckt München 29°

Sport in der Corona-Krise:"Das ist die Stunde der Doper"

FILE WADA IAAF Report on Doping

Derzeit werden wegen der Coronavirus-Pandemie im Sport viel weniger Doping-Kontrollen durchgeführt.

(Foto: dpa)
  • Die Zahl der Dopingtests sinkt wegen des Coronavirus drastisch.
  • Sollte Olympia 2020 stattfinden, wäre die Chancengleichheit stark beeinträchtigt.

Von Johannes Aumüller und Johannes Knuth

Zu Wochenbeginn versorgte der deutsche Handball-Torwart Silvio Heinevetter seine sozialen Netzwerke mit einem Bild, das in diesen Tagen eher selten zu sehen ist. Ein Glastisch, darauf Wasser, Desinfektionsmittel - und verschiedene Utensilien, die für eine Urinkontrolle notwendig sind. Die Kontrolleure von der nationalen Anti-Doping-Agentur waren bei Heinevetter vorbeigekommen. "Ich war sicherlich eine der letzten deutschen Doping-Kontrollen", sagte er hinterher.

Damit liegt der Torwart der Berliner Füchse tendenziell richtig, aber er muss das gar nicht auf Deutschland beschränken. Im Zuge der Corona-Krise finden weltweit gerade sehr viel weniger Dopingtests statt. Niemand kann derzeit seriös sagen, wann sich das Sportgeschehen wieder fortsetzen lässt. Aber klar ist: Wenn es wieder weitergeht, wird ein chancengleicher, fairer Sport noch unmöglicher sein als er es ohnehin schon ist. Und das gilt insbesondere für die Sommerspiele in Tokio, an denen das Internationale Olympische Komitee (IOC) noch immer unverdrossen festhält.

Das System bricht in diesen Tagen vollends zusammen

Das Kontrollsystem war zwar noch nie so prächtig, wie es die Verbände gerne behaupten und wie die große Zahl von weltweit mehr als 300 000 Tests pro Jahr nahelegt. Faktisch war es immer extrem lückenhaft und im globalen Vergleich ziemlich ungleich organisiert. Aber in diesen Tagen bricht es vollends zusammen. "Das ist die Stunde der Doper", fasste es der Schweizer Leichtathletik-Sprinter Alex Wilson im Tages-Anzeiger pointiert zusammen.

Bei der deutschen Nada sieht es nun so aus: Die Urintests sind reduziert worden. Die genaue Anzahl will sie nicht mitteilen. Auf Blutkontrollen verzichtet sie weitgehend, weil dort Ärzte oder Heilpraktiker dabei sein müssten. Diese wiederum werden im Land gerade selbstredend an anderer Stelle gebraucht. Zudem konzentriert sich die Nada ausschließlich auf die Athleten, die sich auf einen Tokio-Start vorbereiten.

Ähnlich ist es in vielen anderen westlichen Ländern, von Großbritannien bis zu den USA. Vielerorts sind die Kontrollen stark reduziert, manchmal faktisch bei null. Wettkämpfe finden ohnehin keine mehr statt, Trainingsstätten sind geschlossen, Kontrolleure können und dürfen auch nicht mehr so viel reisen wie gewohnt. Spanien oder Italien etwa befinden sich in einem staatlich verordneten Alarm- oder Notzustand. Da sind Kontrollen nur eine theoretische Möglichkeit. Auch verschiedene Labore sind geschlossen. China hatte nach dem Ausbruch der Coronakrise im Februar für eine gewisse Phase überhaupt nicht mehr kontrolliert.

Da klingt es umso ulkiger, wenn just aus dem Land, das in den vergangenen Jahren wie kein anderes für Dopingbetrug und lückenhafte Kontrollen stand, ein anders lautendes Statement kommt. "Die Inspektoren der Rusada arbeiten mit voller Kraft", teilt Russlands Anti-Doping-Agentur mit.

Diese Situation besorgt viele Sportler sehr. Der deutsche Marathonläufer Arne Gabius etwa begründet seine Forderung, die Olympischen Spiele zu verschieben, nicht zuletzt mit der Problematik bei den Kontrollen. Doch er hofft noch, "dass sie jetzt noch einige Ärzte finden, die Blutkontrollen abnehmen können". Auch pensionierte Ärzte oder Zahnärzte dürfen das tun, "wobei ich bei den Zahnärzten immer ein bisschen schmunzeln muss, weil die unter den Ärzten nicht als die bekannt sind, die am besten die Venen treffen."

Dass die Kontrollen just jetzt fehlen, ist jedenfalls fatal

Dass die Kontrollen just jetzt fehlen, ist jedenfalls fatal. Der große Dopingkonsum findet ja erfahrungsgemäß nicht unmittelbar im Wettkampf statt, sondern in der Vorbereitungsphase, wenn es darum geht, die Grundlagen für Kraft und Ausdauer zu legen - und das können Sportler auch trotz der Coronakrise gerade tun. Dabei hat die Situation nicht nur zur Folge, dass aktuell kein Doper überführt werden kann. Es fehlen auch wertvolle Informationen für die sogenannten Blutprofile, die seit einiger Zeit insbesondere in den dopinganfälligen Ausdauersportarten zum Alltagswerkzeug bei der Strafverfolgung zählen. Mit deren Hilfe können die Verantwortlichen die Entwicklung verschiedener Werte über ein paar Monate nachvollziehen und so eher Auffälligkeiten finden. In den Blutprofilen vieler Ausdauerleister werden künftig einige Lücken klaffen.

Die Welt-Anti-Doping-Agentur reagiert auf alle diese Problematiken nur ausweichend. "Die Wada wird die Testaktivitäten in allen vom Coronavirus betroffenen Regionen eng verfolgen, um mögliche Kontrolllücken zu ermitteln", teilt sie auf Anfrage mit. Wenn sich da Lücken auftun, wolle sie das Internationale Olympische Komitee informieren - wann auch immer dessen angeschlossenen Kontroll-Organisationen dann testen können. Einzelne nationale Anti-Doping-Agenturen setzen nun immerhin ihre sogenannte Intelligence-Arbeit fort. Das ist der Versuch, etwa über Anzeigen oder die Zusammenarbeit mit Strafbehörden Verdachtsfälle zu ermitteln.

Aber selbst bei den wenigen Urintests, die es dieser Tage gibt, tun sich noch Fragezeichen auf. Immerhin gilt in Deutschland der flammende Appell der Bundesregierung, unnötige Sozialkontakte zu vermeiden. Eine Kontrolle gehört eher nicht zu den Dingen, die sich digitalisieren lassen, der Kontakt fällt dabei naturgemäß sogar tendenziell näher aus. Die Nada erklärt dazu auf Anfrage, dass sie das Dopingkontrollpersonal angewiesen habe, Schutzvorschriften zu beachten. Aber es sind doch manche Athleten verunsichert.

Noch habe auch niemand deshalb den Test verweigert, sagt die Nada. Aber es ist eine durchaus spannende Rechtsfrage, wenn es dazu käme. Und sollte in noch mehr Landkreisen oder gar in ganz Deutschland eine Ausgangssperre verhängt werden, ist ohnehin gar kein Test mehr denkbar - so wie jetzt schon in anderen Ländern, die im Ausnahmezustand sind. Auch wenn die Nada über dieses Szenario nicht spekulieren will.

Vielleicht, sagt der Marathonläufer Arne Gabius, müsse man 2020 in diesem Licht "als ein Jahr sehen, in dem der Sport ruht". Da müsse das IOC "jetzt mal über seinen Schatten springen", die Spiele um ein Jahr verschieben, und allen Beteiligten mehr Zeit verschaffen, den Behörden, Athleten, Sponsoren - und auch dem Dopingkontrollsystem. "So kann man gemeinsam durch die Krise kommen", findet Gabius: "Und den Athleten wird die Ungewissheit genommen."

© SZ vom 20.03.2020/sonn
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB