Doping:Das IOC setzt auf Einzelfallprüfung

Der Deal mit Russland dürfte also längst perfekt sein. Geopfert werden womöglich einige Sündenböcke; den Rest regelt das Geld. Der Dreh, den das IOC und die in alte politische Hörigkeit zurückgefallene Welt-Anti-Doping-Agentur Wada hier anwenden, sieht so aus: Geahndet wird nicht etwa der epochale Verstoß gegen die Integrität der Spiele von Sotschi, dieser organisierte Betrug gegenüber Millionen Zuschauern und Tausenden Athleten, die sauber antraten. Und das, obwohl der Verstoß erwiesen ist; nicht mal das IOC selbst stellt den systematischen Austausch russischer Proben in Frage.

Doch wenn all das eine Rolle spielte, wäre der Ausschluss unausweichlich. Also musste ein anderer Ansatz her: Einzelfallprüfung! Brutalstmögliche Gerechtigkeit, wie IOC-Boss Bach und Co. die Welt glauben machen wollen. Damit schafft es auch dieses Thema auf die Comedy- Ebene: Wie lassen sich Beweise für positive Proben finden, um deren systematische Vernichtung sich ja alles dreht?

Kritik von den nationalen Anti-Doping-Agenturen

Das trübe Bild des olympisch-russischen Deals vor Pyeongchang rundet IOC-Vorstand Dennis Oswald ab. Der Schweizer äußerte sich in Lima zum Thema Russland-Ausschluss: Er sei "dagegen, es braucht Zeit, wenn man jeden analysieren muss". Und wenn es zu wenig Beweise gebe, "werden wir nicht bestrafen". Zu wenig Beweise? Das Urin-Austauschprogramm von Sotschi zielte genau auf die Vernichtung solcher Beweise. Aufschlussreich ist allerdings, dass ausgerechnet Oswald diesen klaren Fingerzeig gab. Er sitzt einem der wohl nicht weiter erwähnenswerten Komitees vor, die offenbar als Fassade für die stille Abhandlung der Affäre dienen sollen.

Immerhin: Anders als die Wada, die unter dem altgedienten IOC-Mann Craig Reedie (England) nach kurzer Auflehnung im Vorjahr und Personalwechseln an der operativen Spitze wieder voll auf Bachs Linie ist, lässt eine wachsende Kritikerschar im Bund der nationalen Anti-Doping-Agenturen (Nado) nicht locker; auch Deutsche, Briten, Amerikaner. Schon während der Session hatten 17 Nadas das IOC vor einer "zynischen Botschaft" an die Sportwelt gewarnt und gefordert, Russland wegen erwiesener Manipulation der Spiele 2014 nicht für Südkorea 2018 zuzulassen. Dem schlossen sich nun weitere elf Agenturen an. Comedy auch hier: Dem Nado-Aufstand hält Wada-Boss Reedie die "großen Fortschritte in Russland" entgegen. Mit dieser Arbeit hat Moskau Witali Smirnow, 82, betraut. Der greise IOC-Apparatschik steht für ungefähr alles, was Schatten wirft über den sowjetischen und späteren russischen Sport, er war wiederholt in anrüchige Städteküren verwickelt; legendär auch seine Nähe zu obskuren Agenten. Ist Smirnow, einst Vize-Sportminister der Sowjetunion und Träger hoher vaterländischer Orden, der passende Erneuerer? Sicher ist er das - in den Augen von Moskau, IOC und Wada.

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