Doping in Russland:Kronzeuge: Putin wusste von Staatsdoping in Russland

Vladimir Putin visits a sport center in Sochi

Wladimir Putin bei einer Pressekonferenz in Sotschi.

(Foto: dpa)
  • In einer ARD-Dokumentation beschuldigt der Kronzeuge Grigori Rodtschenkow Wladimir Putin direkt der Mitwisserschaft um Staatsdoping in Russland.
  • Eine Beteiligung des russischen Staatspräsidenten ist bislang nicht nachgewiesen.
  • Rodtschenkow nennt zudem weitere Details des Doping-Programms, das offenbar schon bei den Spielen in Peking und London aktiv war.

Kronzeuge Grigori Rodtschenkow wirft Russlands Staatspräsident Wladimir Putin Mitwisserschaft bei der Doping-Vertuschung während der Winterspiele 2014 in Sotschi vor. In der ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping - Das Olympia-Komplott", die am Montagabend (22.45 Uhr) ausgestrahlt wird, sagte Rodtschenkow: "Ja. Er kann es nicht leugnen." Der in die USA geflüchtete frühere Leiter des Moskauer Doping-Analyselabors erklärte dort zudem, es habe schon weit vor den Sotschi-Spielen einen Doping-Plan und -System in Russland gegeben.

Für Verunsicherung sorgte die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) vor der Eröffnung der Winterspiele am 9. Februar in Pyeongchang mit der Mitteilung, es würden mögliche Unversehrtheitsprobleme mit den neuen Urin-Probenflaschen untersucht. Damit reagierte die Wada offenbar auf die ARD-Doku. Die Wada wurde vom Kölner Analyselabor am 19. Januar darüber informiert, dass die Flaschen beim Einfrieren einer Probe manuell geöffnet werden könnten. Die Behälter waren nach dem Doping-Skandal in Russland neu gestaltet worden.

Putin bezeichnete Rodtschenkow wiederholt als nicht glaubwürdig

Rodtschenkow hatte bereits im Mai 2016 der New York Times über den Doping-Betrug und Proben-Austausch mit Hilfe des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB bei den Sotschi-Spielen berichtet. "Natürlich kam es von ganz oben, vom Präsidenten. Weil nur der Präsident den FSB für eine solche spezielle Aufgabe engagieren könnte", sagte der unter Zeugenschutz lebende Rodtschenkow nun per Audioeinspielung aus seinem Versteck in den USA der ARD.

Rodtschenkow befindet sich derzeit im Zeugenschutzprogramm des FBI. Russland fahndet nach ihm mit internationalem Haftbefehl. "Ich genieße jeden neuen Tag, an dem ich lebe", sagte er in dem Interview, in dem er erstmals zu hören ist, seit er unter FBI-Schutz steht.

Eine Mitwisserschaft Putins ist bislang nicht nachgewiesen. Weder Richard McLaren, der Sonderermittler der Wada, noch die Kommissionen des IOC, die sich mit dem Russland-Skandal befasst haben, konnten eine Verknüpfung zum Staatspräsidenten herstellen. McLaren und das IOC sehen es als erwiesen an, dass das Sportministerium involviert gewesen ist. Der damalige Sportminister Witali Mutko erhielt eine lebenslange Olympia-Sperre.

Rodtschenkow sagt, ihm sei bewusst gewesen, dass Putin von Mutko nicht nur "umfangreiche und genaue Details" bekommen habe. Putin habe alles wissen wollen, sein Ansatz sei gewesen: "Verschweigen Sie Ihre Probleme nicht, nennen Sie Ihre Probleme und die Gefahren offen, und wir tun alles, um Ihre Probleme zu lösen." Russlands Präsident bezeichnete Rodtschenkow, zentrale Figur des Doping-Systems in seinem Land, wiederholt als nicht glaubwürdig.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat auch auf Grundlage von Rodtschenkows Aussagen das Nationale Olympische Komitee Russlands gesperrt. Es lässt aber 169 individuell geprüfte Athleten des Landes bei den Winterspielen im Februar - ohne Hymne, Fahne und eigene Kleidung - an den Start gehen. Der Internationale Sportgerichtshof CAS entscheidet derzeit über Einsprüche russischer Athleten, die vom IOC lebenslang für Olympia gesperrt wurden.

Knapp zwei Wochen vor der Eröffnungsfeier in Pyeongchang bestätigte Rodtschenkow auch Dokumente, die der ARD zugespielt wurden und die den Verdacht erhärten, dass Russland schon lange vor den Spielen 2014 in Sotschi systematisch und geplant gedopt habe. Dabei habe zunächst vor allem die Leichtathletik im Zentrum gestanden. "Vor Peking war es sehr einfach. Man konnte tun, was man wollte - und alle russischen Athleten des Nationalteams waren gedopt", erklärte Rodtschenkow. "Zwischen Peking 2008 und London 2012 haben wir unsere Strategie geändert, wie man Doping vertuschen kann. Wir haben alles kontrolliert." Für Sotschi sei das Staatsdoping zur Perfektion gebracht worden.

Im IOC-Exekutivkomitee mit dem deutschen Präsidenten Thomas Bach an der Spitze sei eine Debatte über den Fall Russland nicht erwünscht gewesen, berichtete die frühere IOC-Athletensprecherin Claudia Bokel in der ARD-Doku. "Wir wollten, dass harte Konsequenzen kommen für Russland. Und dass eben Russland von den Spielen ausgeschlossen wird in Rio, beziehungsweise in Pyeongchang", sagte die heutige Präsidentin der deutschen Fechter. "In der Exekutive durfte das nicht diskutiert werden. Also, über mögliche Konsequenzen wurde da eben nicht diskutiert. Und dann ist das Thema wieder vom Tisch gewesen."

Ihr sei es dabei nicht gut gegangen. "Ich hab da abends nicht schlafen können. Ich hab geweint. Ich hab gesagt, ich trete zurück", sagte Bokel, die mit zwei anderen Mitgliedern der IOC-Exekutive in eine Kommission berufen wurde. Das Gremium prüfte vor Beginn der Rio-Spiele die Unterlagen der Weltverbände, die auf Veranlassung des IOC über die Startzulassung einzelner Russen befinden sollten. Die frühere Degen-Weltmeisterin erklärte, bei Ansicht der Unterlagen habe sie erkannt, dass eine sorgfältige Überprüfung in der Kürze der Zeit in vielen Fällen nicht möglich gewesen sei. In Rio sollten laut IOC nur Sportler an den Start gegen dürfen, die zuvor unabhängig auf Doping getestet worden waren.

© Sz.de/dpa/sid/schm
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