Doping in Russland Dubiose Geflechte wie im Fußball

Zu den IAAF-Ethikern zählt weiter Tafsir Malick Ndiaye aus Senegal, Jurist und Landsmann des allmächtigen IAAF-Präsidenten Lamine Diack, der in 15 Herrschaftsjahren ein branchenübliches Netzwerk um sich gebastelt hat: Sohn Papa Diack verhandelt im Auftrag der IAAF mit Geldgebern und streicht für die Geschäfte Provisionen ein. Gerade erst bestätigte IAAF-Council-Mitglied Helmut Digel, dass der Präsidentenfilius "beste Beziehungen zu Russland, nach China und Korea" habe. Am Donnerstag teilte die IAAF mit, sie habe ihren Ethikern jetzt mal eine englische Version des ARD-Films zukommen lassen.

Ukraine-Krise

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Fußballvereine von der annektierten Krim-Halbinsel dürfen nicht an russischen Wettbewerben teilnehmen. Das hat die Uefa entschieden. Die Reaktion des russischen Verbandes überrascht.

Der Sport verhandelt also wieder seine Systemprobleme: Was das heißt, ist derzeit bei den amüsanten Selbstuntersuchungen des Fußball-Weltverbandes Fifa zu erleben. Im Fall des russischen Doping-Systems, das die ARD mit klaren Belegen in Bild, Ton und Schrift dokumentiert, geht es nun aber um mehr als neue Dopingfälle, auch um mehr als das heimlich gefilmte Geständnis der 800-Meter-Olympiasiegerin von London, Maria Sawinowa: Es geht ums Ganze.

Erstmals wird die vermeintlich andere Seite des Weltsport-Pharmaszenarios massiv erschüttert: sogenannte Anti-Doping-Experten, Labore - und die Fahnder selbst. Weil diese Vorwürfe, erhoben unter anderem von einem Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada, seit Jahren auch in anderen Sportarten und Ländern kursieren, auch im Westen, droht die sorgfältig konstruierte Selbstkontrollsystematik des globalen Sports am Ende einer wahrhaft schonungslosen Aufklärung zu kollabieren. Sehr zurückhaltend wirken insofern die ersten Statements der Institutionen.

Die Rusada spricht von unbewiesenen Behauptungen; die IAAF baut auf ihre Ethiker, statt dass sie ihren einflussreichen Schatzmeister an die Kandare nimmt: Walentin Balachnitschew, Präsident der russischen Leichtathleten und im ARD-Film massiv einer Mitwisserschaft verdächtigt, die für jeden Betrachter mit Realitätssinn auf der Hand liegt. Gehört so ein Mann nicht wenigstens suspendiert - schon, damit er auf die laufenden, von der Verbandsspitze gesteuerten Prozesse nicht einwirken kann?

Balachnitschew taucht ja auch in Zusammenhang mit Zahlungen der Marathonläuferin Schobuchowa auf, die gut dokumentieren kann, dass sie auf Geheiß von Verbandsleuten insgesamt 450 000 Euro bezahlte, damit sie trotz ihrer seit vielen Jahren auffälligen Blutwerte bei den London-Spielen starten durfte. Sie lief. Als sie dann im April 2014 doch vom Verband gesperrt wurde, verlangte sie ihr Geld zurück - und erhielt 300 000 Euro, von einer Strohfirma in Singapur. Dass Balachnitschews Nationalverband nun auf Verdoppelung ihrer Sperre drängt, statt dass der Herr über die IAAF-Gelder vorläufig aus dem Verkehr gezogen wird - das ist eine Absurdität, die wohl nur im Sport selbstverständlich ist.

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Auch die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, die von all den merkwürdigen Werten offenbar nie etwas mitbekam, reagiert verhalten. Das straff an den Strippen des Sports hängende Gremium, präsidiert vom britischen IOC-Mann Craig Reedie, teilte mit, dass es bereits Belastungsmaterial wie das vorliegende an "die unabhängigen Instanzen der IAAF weitergeleitet" habe. Gibt es einen originelleren Weg, eine glaubwürdige Untersuchung zu gewährleisten? Das IOC lässt wissen, Bach habe den Kollegen Reedie gebeten, ihn voll informiert zu halten. Da kann wohl nicht mehr viel schiefgehen. Zumindest, was die Sanktionierung involvierter Athleten angeht.