Doping in Russland Der McLaren-Report ist schockierend schwach

Ließ die russischen Athleten zu Olympia: IOC-Präsident Thomas Bach.

(Foto: dpa)

Wer an einen Kulturwandel im russischem Sport glaubt, der irrt: Natürlich wird weiter gedopt werden - nur noch cleverer. Der Kurs von IOC-Chef Bach ist komödiantisch.

Kommentar von Thomas Kistner

Ehe wir zum Mc-Laren-Report kommen, zwei schräge Meldungen vom Tage. Usain Bolt rügt Jamaikas Leichtathletik-Verband, weil der die Reformen des Weltverbands IAAF verschmäht. Lustig, Jamaikas Verband hatte ja, als Bolt zum Schnellsten der Erde aufstieg, gar kein Dopingtestsystem, das den Namen verdient. Von den zehn besten Sprintern kam nur er nie konkret mit Doping in Berührung; allerdings wurde auch keiner so nachlässig getestet.

Lustig auch, was Thomas Bach erzählt. Der Boss des Internationalen Olympischen Komitees will alle lebenslang sperren, die in ein Betrugssystem eingebunden waren. Er ist zurück, der unbeugsame Null-Toleranz-Politiker! Der das Gros des Russenteams bei den Rio-Spielen starten und Whistleblowerin Stepanowa wegen ethischer Defizite sperren ließ. Das ist Bachs Kurs. Nun, beim Untergang seiner Titanic, ruft er von der Kapitäns-Brücke: "Kein Pardon für Eisberge!"

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Dass sich Bach und Co. weiter durchschlängeln dürfen, ist ein betrübliches Fazit des McLaren-Reports. Dieser präsentiert zum Russendoping die Art Mülltrennung, die bei sportinternen Ermittlungen stets droht. Zwar wird akribisch die staatliche Rolle aufgedeckt; der zynische Geist, Sünderzahlen, filmreife Tricks und Techniken - alles gipfelnd in der beispiellosen Betrugsdimension der Spiele in London und Sotschi. Klar muss aber sein: So war es vorher auch. Und so wäre es heute, wären nicht die Zeugen aufgestanden, die das IOC dafür aus Rio verbannte.

Ein 81-jähriger Topkader aus der KPdSU-Ära soll der Kopf der Erneuerung sein

Gerade angesichts dieses überwältigenden Sittenbilds ist der Report schockierend schwach: Er rührt nicht an die Hauptverantwortlichen. Jedes Kind kann sie sehen, im Report bleiben sie Silhouetten. Schlimmer: Richard McLaren tat auf Nachfrage gar so, als glaube er selbst an einen Kulturwandel im russischen Sport. Klar, er will als objektiver Prüfer keine Angriffsfläche bieten. Wie Moskaus sportpolitische Maschine arbeitet, haben ja die letzten Monate gezeigt. Diese Funktionäre haben alle Weltverbände durchdrungen, ihre Seilschaft ist so stark wie die Freundschaft zwischen Bach und Putin.

Ein Kulturwandel also? Unvorstellbar.

Hollywoods Spitzenkomiker könnten die Figuren ja gar nicht besser erfinden, die Russland nun in eine saubere Zukunft führen sollen. Kopf der Reformer ist Witali Smirnow, 81, ein Topkader aus der KPdSU-Ära, als Helden der Sowjetunion mit den DDR-Brüdern um die Wette dopten. Er betont: Es gab kein Staatsdoping! Auch die Hochsprung-Ikone Jelena Issinbajewa glaubt an Verschwörungen, dank Sonderregelung rückte sie in Bachs IOC-Athletenkomitee ein und beaufsichtigt zugleich Russlands Anti-Doping-Agentur. Dann ist da Witali Mutko. Sein Sportministerium hat den Betrug orchestriert. Aber ganz diskret, der Ärmste hatte keine Ahnung. Gehört er nicht schon deshalb raus? Nicht bei Putin. Nicht im Sport.

Mutko sitzt auch im Vorstand des Fußball-Weltverbands Fifa und des WM-Organisationskomitees 2018. Satte Interessenskonflikte? Nicht im Sport. Immerhin bietet dies Szenario realitätsnahe Antworten auf eine spannende Frage an: Wie will Russlands abgehalfterte, kaum zweitklassige Auswahl bei ihrer Heim-WM in nur noch 18 Monaten die Fußballwelt neu ordnen? Putin sähe sie sehr gern im Finale.

Der Sport klammert sich in Situationen wie dieser an die Formel von der Unschuldsvermutung. Dabei kennt die Juristerei einen Begriff, der hier viel zutreffender ist: Den begründeten Anfangsverdacht. Der gilt auch im Sport, wenn Motive, Belege, Milieustudien die Unschuldsvermutung in ein Reich fernab jeder Vernunft verdrängt haben. Deshalb gilt für den verständigen Betrachter: Es wird weitergehen wie bisher. Nur noch cleverer.

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