Doping in Russland Das IOC schützt die Verschwörer

Russische Athleten in Rio.

(Foto: dpa)

Konsequenzen aus dem McLaren-Report zum Staatsdoping in Russland? Will das Internationale Olympische Komitee nicht wirklich ziehen. Für den Sport ist das ein fatales Zeichen.

Kommentar von Johannes Knuth

Die Nervosität wächst im Internationalen Olympischen Komitee, das zunehmend von Doping- und Korruptionsaffären umzingelt wird. Was tun mit dem russischen Sport, dem der kanadische Rechtsprofessor Richard McLaren ein staatlich gelenktes Betrugssystem attestiert hat? Auch ein Jahr vor den Winterspielen in Südkorea festigt das IOC seine, nun ja, originelle Verteidigung: Einzelne Täter belangen, das schon; das entblätterte System aber bleibt erst mal verschont.

So groß ist mittlerweile die Kritik daran, dass manche IOC-Honoratioren sich mächtig in ihrer Nervosität verheddern. "Ich bin gegen die Bestrafung von unschuldigen Menschen", sagte Gian Franco Kasper, Chef des Ski-Weltverbands, jetzt zur Forderung, Russland kollektiv zu sperren: "So, wie es Herr Hitler getan hat - alle Juden wurden getötet, unabhängig von dem, was sie taten oder nicht." Dass der Vergleich völlig unverhältnismäßig ist, merkte Kasper kurz darauf: "Es war eine unangemessene und unsensible Bemerkung." Er entschuldige sich "uneingeschränkt für jede Beleidigung". Und jetzt?

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Jenseits von inhaltlichen Entgleisungen ist Kaspers Wortmeldung ja schon interessant - zeigt sie doch erneut die Hilflosigkeit einer Sportführung, die mit Macht versucht, ihr Publikum auf falsche Fährten zu locken. Das IOC ließ zuletzt kaum Gelegenheiten aus, Zweifel an McLarens Berichten zum Systembetrug zu streuen - zum Beispiel, dass die Belege zu porös sein könnten, um russische Sportler zu überführen. Und dann könne man ja auch, sorry, niemanden kollektiv sperren, weil das unschuldige Sportler träfe. Nur: Es war nie McLarens Arbeitsauftrag, Einzeltäter zu überführen. Der Kanadier legte eine Verschwörung frei, die rund 1000 Sportler deckte, begleitet von Ministern, Staatsbediensteten, Sportoberen, Trainern, Ärzten. Ein Kernanliegen dieser Konspiration war freilich, dass einzelne Sportler eben nicht überführt werden können. Zum Beispiel, weil die Pipi-Panscher des Geheimdienstes im Anti-Doping-Labor der Winterspiele 2014 positive Proben verschwinden ließen.

Während McLaren sozusagen einen gigantischen Bankraub enttarnt hat, stellt der Richter, also das IOC, das Verfahren infrage, weil er nicht genau weiß, welchem Räuber wie viel der Beute zufiel.

Ein fatales Zeichen. Wer im Morast des Systembetrugs bloß nach Einzeltätern sucht, wie Kasper und zwei Kommissionen des IOC, die gerade den jüngsten McLaren-Bericht auswerten, der protegiert auch: das System. Er missachtet seine eigenen, scharfen Gesetze, auf die der Sport stets pocht, Regel 59 der olympischen Charta etwa, die dem Sport zugesteht, Nationale Olympische Komitees kollektiv zu verbannen. Dass Mitgliedern des russischen Komitees keine Verstrickungen nachgewiesen wurden, dass McLaren mittlerweile von "institutioneller Verschwörung" spricht, nicht von Staatsdoping? Wortklauberei, angesichts erdrückender Belege. Wie beliebig das IOC seine Paragrafen auslegt, zeigt der Fall der Kronzeugin Julija Stepanowa: Die wurde vom IOC von den Spielen in Rio ferngehalten, wegen "ethischer Defizite", obwohl sie ihre Dopingsperre längst verbüßt hatte. Während Hunderte Sportler jenes Systems, das Stepanowa enttarnt hatte, mit Flagge und Hymne antraten. Sauber!

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