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Doping in Deutschland:Sportrechtliche Sperren genügen nicht

Und nun ist es also Erik Zabel, der alle belogen hat: all jene, die über Jahre die Unschuldsvermutung als Schutzschild hochhielten, die Zeichen nicht erkennen wollten, nie nachfassten, wenn ein Verdacht auftauchte, die den Sport angeblich schützen wollten, indem sie noch von einzelnen schwarzen Schafen redeten, als längst die weißen zur Ausnahme geworden waren. Die Heuchelei geht ungebrochen weiter.

Da lässt sich die aktuelle Aufregung über die Studie "Doping in Deutschland" der Humboldt-Universität Berlin nahtlos einordnen. Wer wusste was im westdeutschen Nachkriegssport, duldete zumindest und erweckte damit den Eindruck, zwar gegen Doping zu reden, aber nicht in letzter Konsequenz dagegen vorzugehen?

Wenn sich wirklich etwas ändern soll, dann muss das tief verwurzelte System geknackt, müssen Strukturen und Sportkultur grundlegend geändert werden. Allein die Einführung des Blutpasses, wie manche meinen, bewirkt das nicht. Bislang ist es noch immer gelungen, auch verfeinerte Anti-Doping-Maßnahmen zu unterlaufen, neue Mittel und Methoden zum Täuschen zu finden. Warum sollte dies plötzlich anders sein? War die Generation Ullrich/Zabel/Armstrong durchgängig kriminell veranlagt, und sind die jetzigen Fahrer einfach bessere Menschen? Das widerspricht allen Erkenntnissen zu den Voraussetzungen von Regeltreue, Ethik und Moral.

Ebenso wenig genügt es, die sportrechtlichen Sperren zu verlängern und/oder nach der Staatsanwaltschaft zu rufen. Das mag zwar die Abschreckung erhöhen, aber die Erfahrung in anderen Bereichen zeigt, dass das nur begrenzt wirkt. Wer Regeln durchsetzen will, muss die Faktoren, die Verstöße wahrscheinlich machen, genau kennen und ein adäquates Risikomanagement betreiben. Für den Straßenradsport heißt das, endlich anzuerkennen, dass das Doping-Risiko wegen der Anforderungen insbesondere bei Etappenrennen über drei Wochen extrem hoch ist und sich mit dem vieler anderer Sportarten kaum vergleichen lässt. Hinzu kommt die intensive Doping-Vergangenheit, die auch etliche der Verantwortlichen betrifft und die Einschätzung "ohne geht nicht" mit jedem neu aufgedeckten Fall weiter befördert, was den Athleten zur Rechtfertigung dienen kann.

Beim Blick auf die Risiken darf das Umfeld nicht außer Acht bleiben. Warum werden nur die Aktiven kontrolliert, nicht aber Trainer, Betreuer, Ärzte? Utensilien und Substanzen zum Doping werden in Teambussen und Hotelzimmern versteckt. Stichprobenhafte Durchsuchungen könnten die Doping-Logistik empfindlich stören, die damit verbundenen Eingriffe in persönliche Rechte des Personals wären im Vergleich zu Sichtkontrollen bei der Urinabgabe und dem datenschutzwidrigen Meldesystem, mit dem Topathleten ihre Anwesenheit dokumentieren müssen, zumutbar. Mit einem solchen Signal, dass die Risiken ernst genommen werden, müssten eigentlich alle einverstanden sein.

Voraussetzung für einen Neubeginn bleibt jedoch die Aufklärung der Vergangenheit. Nur wenn noch bestehende Netzwerke zerschlagen, Erpressungspotenziale ausgeschlossen sind und die Wege zum und beim Doping analysiert wurden, können wirksame Prävention und Kontrollen entwickelt werden. Die Führung muss mit gutem Beispiel vorangehen, Transparenz und Integrität vorleben. Da ist es kontraproduktiv, dass der Internationale Radsport-Verband UCI jetzt rückwirkende Satzungsänderungen erwägt, um dem umstrittenen Präsidenten Pat McQuaid die Wiederwahl zu sichern. Wenn sich am Verhalten der Spitze nichts ändert, fehlt die Glaubwürdigkeit im Anti-Doping-Kampf.

Die Juristin Sylvia Schenk, 61, war erfolgreiche Leichtathletin und von 2001 bis 2004 Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer. Im Streit um mehr Transparenz im Verband trat sie vom Amt zurück.

© SZ vom 07.08.2013/ebc
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