Süddeutsche Zeitung

Doping in der Leichtathletik:Zittern vor Russlands Sponsoren

Nach systematischem Dopingbetrug empfiehlt die Welt-Anti-Doping-Agentur russische Sportler künftig von allen Wettbewerben auszuschließen. Doch traut sich die Sportpolitik wirklich, ein so mächtiges Land rauszuwerfen?

Die Kommission der Welt-Anti- Doping-Agentur (Wada) hat ihre Schuldigkeit getan, sie hat die Vorwürfe gegen den russischen Leichtathletik-Verband überprüft und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es dort "systematischen Dopingbetrug" sowie eine "tief verwurzelte Betrugskultur" gibt.

Nebst persönlichen Strafen für Athleten und Trainer hat Kommissionschef Dick Pound der Wada deshalb vorgeschlagen, Russland aus dem Leichtathletik-Weltverband IAAF auszuschließen. Das bedeutet: keine russischen Leichtathleten mehr bei Weltmeisterschaften und auch nicht bei Olympischen Spielen. So eine drastische Forderung hat es im Weltsport noch nicht gegeben.

Nun darf man gespannt sein, was die betroffenen Dachorganisationen mit dieser Vorgabe anfangen. Die Wada hat ja bloß die Möglichkeit, die Empfehlung ihrer Kommission an die IAAF und das Internationale Olympische Komitee (IOC) weiterzuleiten; nur die können Sanktionen um- und durchsetzen.

Es gibt einen Anti-Doping-Code, dessen Einhaltung sowohl IAAF als auch IOC voraussetzen für eine Teilnahme an ihren Wettbewerben. Wer sich nicht an diesen Code hält, darf nicht mitmachen - so einfach ist das. Auf dem Papier.

Ähnlichkeiten zur Bankenkrise sind erkennbar

In der Praxis geht es um Russland, und Russland ist groß und mächtig, in jeder Beziehung, nicht nur im Sport und in der Sportpolitik. Wird sich die IAAF, wird sich das IOC trauen, einen Verband aus einem so großen und mächtigen Reich einfach rauszuwerfen?

Als die Anschuldigungen gegen die russische Leichtathletik vor einem Jahr publik wurden, hat der IOC-Präsident Thomas Bach ein "konsequentes Durchgreifen" angekündigt. An diesen Worten muss er sich messen lassen. Doch was hat er zu befürchten, wenn er versucht, sich aus der Affäre herauszulavieren?

Vermutlich wenig. Bach ist ja nicht von einer breiten Öffentlichkeit gewählt worden, sondern von einer kleinen Kaste ähnlich gesinnter Funktionärsveteranen. Und wie das Beispiel des ehemaligen IAAF-Chefs und aktuellen IOC-Ehrenmitglieds Lamine Diack zeigt, scheint ein Großteil dieser Veteranen eher persönliche Interessen zu verfolgen als moralische Werte und Standpunkte zu verteidigen.

Too big to fail

Es wird wohl so kommen wie in der großen globalen Bankenkrise vor einigen Jahren. Man wird eine Sprachregelung finden, wonach es Institute, Einrichtungen, Organisationen gibt, die too big to fail sind, wie die Amerikaner sagen: zu groß, um zu scheitern, um fallen gelassen zu werden. Der Sport kann sicher ohne russische Sportler auskommen. Die Frage ist also nur: Wollen die Sportorganisationen ohne die lieb gewonnenen Zuwendungen von russischen Sponsoren auskommen? Oder sind die zu groß, um sie sich entgehen zu lassen?

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SZ vom 10.11.2015/tbr
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