Süddeutsche Zeitung

Doping in der Leichtathletik:"Verlogene Szene"

Lesezeit: 3 min

Vor der Europameisterschaft in Zürich kritisiert Anti-Doping-Kämpfer Werner Franke den ungenügenden Kampf gegen Betrug. Allerdings ist dieser auch schwieriger geworden.

Von Lisa Sonnabend

Im Züricher Letzigrund beginnt am Dienstag die Leichtathletik-EM, doch Raphaël Piolanti, einer der bekanntesten Leichtathletik-Trainer in Frankreich, fehlt. Ende Juli nahm die Polizei ihn in Metz in Gewahrsam, 48 Stunden lang. Der Vorwurf: Der Coach soll Sportler zum Doping angestiftet, unerlaubte Mittel erworben und weitergegeben haben. Einer seiner Sportler, Hammerwerfer Quentin Bigot, war Ende Juni mit einem anabolen Steroid erwischt worden, danach hatte der 21-Jährige seinen Trainer offenbar beschuldigt. Piolanti streitet nun alles ab, er darf aber vorerst keinen Kontakt zu seinen Sportlern haben und das Land nicht verlassen. Die französische Affäre sorgt kurz vor der EM für Unruhe in der Leichtathletik. Eine Dopingaffäre - mal wieder.

"Die Leichtathletik ist eine verlogene Szene", sagt Anti-Doping-Experte Werner Franke. Das Vertrauen in den Spitzensport hat der 74-jährige Molekularbiologe längst verloren. Er ist sicher: "Viele Athleten verdanken ihren Erfolg unerlaubten Mitteln."

Leichtathletik ist eine Sportart mit hoher Doping-Neigung. Systematische Verabreichung von leistungssteigernden Mitteln sind aus der früheren DDR und auch der BRD belegt, Ben Johnson flog 1988 bei Olympia auf, 2003 wurden die Verbindungen von Marion Jones zum Balco-Labor bekannt, 2004 flüchteten die griechischen Sprinter Konstantinos Kenteris und Ekaterini Thanou von den Spielen in Athen. Nach Olympia 2012 in London musste die weißrussische Kugelstoßerin Nadeschda Ostaptschuk ihre Goldmedaille wieder zurückgeben. Die bekannten Sprinter Tyson Gay, Asafa Powell und Veronica Campbell-Brown wurden 2013 erwischt. Und das sind nur die prominentesten Fälle.

Auch in diesen Tagen in Zürich ist zu erkennen, wie sehr Doping die Leichtathletik prägt. 1500-Meter-Olympiasiegerin Aslı Çakır Alptekin aus der Türkei darf nicht antreten, weil ihr aufgrund des biologischen Passes Doping nachgewiesen wurde. Als Wiederholungstäterin droht ihr eine lebenslange Sperre. Einige Sportler sind dabei, die Dopingsperren abgesessen haben. Zum Beispiel Sandra Perković, die im Diskuswurf die große Favoritin ist.

Der Weltverband IAAF hat ein paar Maßnahmen ergriffen, um die Leichtathletik wieder glaubwürdiger zu machen. Er führte bereits vor Jahren den biologischen Pass ein, mit dem anormale Werte festgestellt werden können. Auch die Zahl der Tests wird ständig erhöht. 2814 Urin- und 1568 Bluttests führte die IAAF 2012 durch, hinzu kamen Hunderte weitere Proben bei den Spielen in London. Doch wie wenig die Bemühungen bringen, zeigte eine von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) in Auftrag gegebene Studie: 29 Prozent der Leichtathleten, die bei der WM 2011 starteten, gaben demzufolge zu, in den zwölf Monaten davor gedopt zu haben. Doch nur knapp zwei Prozent der Dopingtests waren positiv.

"Die Situation an der Spitze hat sich nicht geändert", lautet die Bilanz von Werner Franke: "Die Athleten wissen aber, dass es nicht mehr auffällt." Denn die Dosierungen sind heutzutage niedriger als früher, dopende Sportler werden oft ärztlich kontrolliert. Ihre Werte sind zwar erhöht, aber sie sind beständig und überschreiten die verbotene Schwelle nicht.

Franke sagt: "Seit einem Jahrzehnt weiß man, dass auch Kurzleister wie Sprinter ständig auf erhöhtem Hämatokrit - auch im Training - arbeiten." Kontrolleure können allerdings nichts Verbotenes nachweisen, Strafen werden nicht ausgesprochen.

Eine Folge: "Wegen des gebremsten Dopings sind die Leistungsunterschiede nicht mehr so drastisch wie früher", sagt Franke. "Manche Bestmarken werden nicht mehr erreicht." Nie wieder ist eine Frau über 100 Meter so schnell gerannt wie Florence Griffith-Joyner 1988, nie konnte die Bestmarke von Marita Koch über 400 Meter aus dem Jahr 1985 unterboten werden, nie wieder warfen Athleten so weit wie die deutschen Diskuswerfer vor fast 30 Jahren.

Doch nicht nur die kalkulierte Dosierung bereitet den Fahndern Probleme, sondern auch die Mittel, die - zumindest derzeit - nicht nachweisbar sind. Franke sagt: "Doping mit humanidentischem tierischem Testosteron oder mit dem Anabolika IGF-1 wird seit 25 Jahren intensiv betrieben, aber nicht entdeckt." Wie viele andere Experten fordert der Heidelberger Anti-Doping-Kämpfer deswegen, mehr Geld in die Analyse zu stecken, um neue Tests zu entwickeln.

Solange dies nicht geschieht, bleibt Franke nur eine Erkenntnis: "Wir alle sind Opfer eines permanenten, immer wieder adaptierten kriminellen Systems."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2082858
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
Süddeutsche.de
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.