Doping im Radsport Schockierende Magenverstimmung

Nach den konkreten Aussagen des Dopingkronzeugen Kohl distanziert sich Milram von seinem Teamarzt. Der wiederum droht mit Klage.

Von A. Burkert und T. Kistner

Die konkreten Aussagen des Dopingkronzeugen Bernhard Kohl zu einer angeblichen Unterstützung und Mitwisserschaft bei seinen Manipulationen durch den damaligen Gerolsteiner-Teamarzt Mark Schmidt haben erste Konsequenzen. Bis auf weiteres wird Schmidts derzeitiger Arbeitgeber, der Profirennstall Milram, auf die Dienste des Erfurter Sportmediziners verzichten.

"Wir müssen und werden ihn vorerst nicht mehr einsetzen, solange diese konkreten Vorwürfe im Raum stehen", sagte Mannschaftseigner Gerry van Gerwen am Montag. Zum anderen ergaben SZ-Recherchen, dass bereits ein Ermittlungsverfahren gegen Schmidt anhängig ist - "wegen des Verdachts der Beihilfe zum Betrug", wie Stefan Biehl, Sprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart, am Montag bestätigte. Die Ermittlungen liefen noch, ergänzte er, sie seien "Ausfluss eines von Team Gerolsteiner angestrebten Ermittlungsverfahrens gegen Bernhard Kohl".

Klage gegen Kohl angekündigt

Damit erhöht sich der Druck auf Schmidt massiv. Der überführte Dopingsünder Kohl hatte vergangene Woche in der Wiener Tageszeitung Kurier geäußert, Schmidt sei in die "Dopingvorgänge" des später enttarnten Bergkönigs der Tour de France 2008 eingeweiht gewesen. Mark Schmidt hatte diese Darstellung über seinen Vater, der auch sein Anwalt ist, als falsch zurückgewiesen und streitet kategorisch jede Mittäterschaft ab (SZ vom 12.10.).

Milram-Chef van Gerwen besteht nun darauf, "dass wir jetzt offiziell die Papiere von ihm auf dem Tisch haben müssen". Der Holländer bezieht diese Forderung auf eine schriftliche Abmachung mit Schmidt von Mai 2009, als Kohl erstmals angebliche Verwicklungen des Arztes angedeutet hatte. Schmidt habe damals keine Eidesstattliche Versicherung unterschreiben wollen, sagt van Gerwen. "Doch jetzt sind das ganz schwere, konkrete Vorwürfe - jetzt ist er am Ball."

Schmidt, bei Milram bis Ende 2010 unter Vertrag, habe unterschrieben, für diesen Fall die Versicherung zu leisten und zudem "rechtliche Schritte gegen denjenigen, der so etwas behauptet", einzuleiten. Schmidts Rechtsbeistand teilte dazu am Montag mit, man werde diesen Forderungen jetzt nachkommen: Die Eidesstattliche Versicherung werde unterzeichnet und "der Vorgang einer gerichtlichen Klärung zugeführt"; Kohl werde auf Unterlassung und Widerruf verklagt.

"Schockierend und eindeutig"

Derweil hat die Erfurter Staatsanwaltschaft das österreichische Rechtshilfe-Ersuchen in Zusammenhang mit den Doping-Weiterungen um Kohls Enthüllungen und die Wiener Blutbank Humanplasma laut Sprecherin Annette Schmitt an das Landeskriminalamt Thüringens weitergeleitet. Dort werde Mark Schmidt allerdings als Zeuge vernommen. Aufgrund seiner Aussagen könne eventuell entschieden werden, ob Ansatzpunkte für weitere Ermittlungen, etwa im Hinblick auf Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz, gegeben seien.

Engen Kontakt mit seinem Rechtsberater hält auch der frühere Rennstallchef des Teams Gerolsteiner, Hans-Michael Holczer, "weil jetzt konkrete Aussagen zu den Vorgängen um Kohl und Schmidt auf dem Tisch sind". Eines dieser Details hat Holczer nach eigenen Angaben in der Kürze der Zeit bereits verifizieren können.

Dabei geht es um Kohls Aussage, er habe bei der Tour 2008 eine Magenverstimmung vorgetäuscht, um ohne Aufsehens gemeinsam mit Schmidt das Team-Abendessen verlassen zu können - und dann mit seinem Manager Stefan Matschiner das Hotelzimmer des Arztes zwecks Bluttransfusion aufsuchen zu können. Holczer sagt dazu: "Die Nachvollziehbarkeit der Kohlschen Aussage ist ebenso schockierend wie eindeutig, gerade, was den Vorfall mit der Magenverstimmung angeht." Ein Fahrer, der damals dabei war, habe ihm jetzt den Sachverhalt bestätigt. Damals habe es noch vom Arzt geheißen, Kohl sei krank und müsse womöglich gar die Tour verlassen.