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Doping im Radsport:Ein Sturm wird kommen

Die französischen Dopingfahnder beginnen im Oktober mit ihren Nachtests von der Tour 2008 - dem Radsport drohen neue Beben.

Pierre Bordry schweigt seit Ende Juli, als er mit dunklem Unterton Nachkontrollen der ersten 20 Fahrer des Klassements von der Tour de France 2008 auf die Epo-Variante Cera angekündigt hatte. Und er will das weiter so halten, bis der von ihm präsidierten französischen Anti-Doping-Agentur (AFLD) die Resultate vorliegen. Diese dürften nach Lage der Dinge den Radsport in den Grundfesten erschüttern. Denn unter Insidern wird weniger spekuliert, ob es weitere Cera-Funde geben könnte - sondern, ob es die heikle Nachprüfung wirklich geben wird. "Ab Anfang Oktober", sagt jetzt AFLD-Sprecherin Delphine Saint-Laurent der SZ, "fangen wir mit den Nachtests der Tour-Proben 2008 an".

Riccardo Ricco wurde bei der Tou 2008 als Dopingsünder enttarnt. Demnächst dürften weitere Sportler folgen.

(Foto: Foto: dpa)

Das ist eine alarmierende Botschaft für viele Topfahrer der Branche. Die Proben gehören der AFLD, die 2008, anders als in diesem Jahr, die Tour-Tests selber durchführte. 2009 entriss ihr der Weltverband UCI die Regie, unter deren milden Augen folgte dann, wenig überraschend, eine wunderbar störungsfreie Rundfahrt. Doch die ausgebootete AFLD, die auch bezüglich 2009 andere Fakten hat, greift nun auf ihre 2008-Proben zurück. Und zu erwarten ist der Erdrutsch, der letzten Herbst trotz heftigen Rumorens ausbleiben musste: Weil ja nur wenige - gezielte? - Stichproben gemacht wurden.

Damals fanden sich, neben den schon bei der Tour ausgehebelten Cera-Sündern Ricco und Piepoli (beide Italien), nur Stefan Schumacher und Bernhard Kohl, zwei Profis der mittleren Ebene, deren Gerolsteiner-Team sowieso vor der Schließung stand. Kohl gestand, wie Ricco und Piepoli, Cera-Konsum. Nur Schumacher stellte sich quer und sorgte mit einem Rechtsstreit, der andauert, offenbar auch für die Verzögerung im damals groß angekündigten Testprogramm. Die Skala weiterer auffälliger Blutproben, über die zum Teil Bordry selbst öffentliche Andeutungen gemacht hatte, blieb auf Eis.

Wie die belgische Tageszeitung Le Soir im Herbst 2008 mit Hinweis auf "seriöse Quellen" gemeldet hatte, soll es sich bei den weiteren auffälligen Tourstartern um den damaligen Sieger Carlos Sastre, den neuen Zeitfahr-Weltmeister Fabian Cancellara (Schweiz), Frank Schleck (Luxemburg) und Stuart O'Grady (Australien) gehandelt haben - alle vom CSC-Team (jetzt Saxo) um den vielumraunten Manager Bjarne Riis. Alle bestritten Dopingvorwürfe. Doch nicht nur Schumachers Anwalt Michael Lehner glaubt: "Da wird ein Sturm kommen."

Davon geht auch Kohl aus. Der Österreicher hatte im Sommer Besuch von AFLD-Abgesandten, sie sollen eine Reihe von Namen präsentiert haben, die des Dopens verdächtigt werden - zig bekannte Kollegen. Die AFLD-Sprecherin bestätigt den Besuch beim Kronzeugen Kohl, teilt aber mit, Antworten auf Nachfragen wolle "der Präsident zum jetzigen Zeitpunkt lieber nicht preisgeben".

Es sind mehrere Baustellen für die AFLD, deren Fahnder nicht glücklich damit waren, dass sie bei der Tour 2009 nur noch geduldete Beobachter im eigenen Land sein durften. Zumal ja viele Vorfälle nahe legen, dass die UCI im Zweifel eher auf Seiten der Teams steht (siehe auch Text oben). Von der AFLD kann man das eher nicht behaupten, ihre Beobachter hatten selbst bei der letzten, angeblich skandalfreien 96. Tour-Ausgabe verbotene Substanzen gefunden: Im Müll einiger Teams. Bordry bestätigte damals: "Wir haben einige schwere Medikamente gefunden, etwa eine Substanz, die Insulin produziert und normalerweise bei Diabetes genommen wird." Die brisanten Funde sollen an die Ermittlungsbehörden weitergereicht worden sein. Offiziell mauert die AFLD hier, obwohl nur matt: "Wir dürfen dazu nichts sagen."

Den Sturm, der da über dem Radsport aufzieht, könnte nach Lage der Dinge nur noch - wie in der Österreicher Humanplasma-Affäre - eine diskrete politische Intervention bremsen. Die AFLD jedenfalls will sogar Nachtests von der Tour 2009 durchführen. Man sei überzeugt, sagte Bordry im Juli, "dass bei dieser Tour zwei Medikamente benutzt wurden, die noch gar nicht auf dem Markt sind". Spekuliert wird über Hematide, ein Epo-Imitat, das wohl erst 2011 bei Blutarmut verschrieben werden darf, sowie über synthetisches Aicar. Das vermehrt im Muskel die Kraftwerke und verbrennt Fett. Für Aicar hatte das Pariser Labor einen neuen Test angedroht: bis Herbst.

Tour de France 2008

Die große Doping-Schleife