Doping-Experimente im deutschen Fußball Missbrauch von Amphetaminen in Deutschland wohl Normalität

Als erster offizieller Dopingsünder der Fußball-WM-Geschichte gilt bislang Haitis Ernst Jean-Joseph aus dem Jahr 1974. Die Recherchen der Berliner Historiker belegen nun erstmals schwarz auf weiß, was durch Zeitzeugenberichte schon lange vermutet werden darf: Der Mann aus der Karibik kann weder der Erste noch der Einzige gewesen sein.

Doping-Ausreden

"Ich wollte für Chancengleichheit sorgen"

Auch ein zweites Dokument, das die Wissenschaftler frisch aus den Tiefen der Archive geborgen haben, erhärtet den Verdacht, wonach der Missbrauch von Amphetaminen im Fußball - zumal in Deutschland - seit jeher zur Normalität gehörte. In einem Forschungsbericht, der der SZ vorliegt, wird ein Doping-Experiment im deutschen Oberliga-Fußball aus dem Jahr 1949 beschrieben. Der Sportlehrer und Mediziner Heinz-Adolf Heper, damals beim 1. SC Göttingen 05 in der höchsten westdeutschen Spielklasse aktiv, berichtet in seiner Dissertation mit dem Namen "Leistungssteigerung durch chemische Hilfsmittel im Sport" von einem eigens durchgeführten Feldversuch mit dem aus Kriegszeiten hinlänglich bekannten Aufputschmittel Pervitin, das Heper als "typisches Dopingmittel" jener Zeit bezeichnet.

Er verabreichte den Göttinger "Fußballsportlern" offenbar eine Dosis von je 10 Milligramm, verzeichnete positive Wirkungen wie die "Erhöhung des Siegeswillens" oder eine "schnellere Auffassungsgabe", beobachtete aber auch "unangenehme Nebenwirkungen" wie Luftmangel und erhöhte Ventilation - alles in allem diagnostizierte er eine "große Gefahr für den Sportsmann". Ob er seine Mitspieler und Testpersonen vorher wenigstens über das Experiment aufgeklärt hatte, verschwieg Heper allerdings.

Kann es noch Zufall sein, dass sich nun von den Experimenten Hepers über den Spritzen-Einsatz im DFB-Lager bei der WM 1954 (angeblich mit Vitamin C, mutmaßlich mit Pervitin) bis zu den Amphetamin-Spuren 1966 allmählich eine lückenlose Zeitleiste der Entwicklung von Doping im Fußball zu ergeben scheint? Juristisch mögen all diese Fälle längst verjährt sein, aber wäre es für die Fifa und den DFB nicht trotzdem an der Zeit, sich mit diesen Vorwürfen ernsthaft zu befassen?

Der DFB teilte den Historikern auf Anfrage mit, dass er keine Akten zum Thema "Doping in den 1960er-Jahren" bereithalte.