Süddeutsche Zeitung

Doping in Fitnessstudios:Spritzen für den perfekten Körper

Lesezeit: 4 min

Hobbysportler kämpfen nicht um Medaillen, dennoch sind sie bereit, für einen muskulöseren Körper Medikamente zu schlucken und kriminell zu werden. Einblicke in ein verschwiegenes Netzwerk.

Von Leonie Schlick, Laurenz Schreiner, Nicolas Wildschutz und Leopold Zaak

Julia Meier wollte, dass die Fasern an ihren Schultern zu sehen sind. Doch dafür reichte es nicht, dass sie fünf Mal pro Woche im Fitnessstudio trainierte. "Ich habe nach drei, vier Jahren gemerkt, dass das letzte Quäntchen Fett nicht runtergeht", sagt sie. Also half Meier mit Clenbuterol nach, einem eigentlich verschreibungspflichtigen Medikament. Sie "stofft", wie es in der Fitness-Szene heißt. Das Clenbuterol bekam Meier, die eigentlich anders heißt, über ihren damaligen Freund, der selbst mit Medikamenten und Steroiden handelte.

Ihr Konsum von Clenbuterol liegt nun mehrere Monate zurück - für die heute 31-Jährige blieb es beim Ausprobieren. "Ich habe gemerkt: Irgendwie ist das nicht meins", sagt Meier. Doch viele andere Menschen nutzen Medikamente oder Steroide regelmäßig, um einen schöneren Körper zu kriegen. "Da reden wir nicht von einer Hand voll Hochleistungssportlern, sondern da reden wir von Hunderttausenden", sagt der Sportsoziologe Mischa Kläber, der als einer der ersten in Deutschland zu dem Thema forschte und jetzt beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) arbeitet.

In einer Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums wurde 2015 vermutet, dass rund fünf Prozent aller Fitnessstudiobesucher in Deutschland Anabolika und Medikamente zur Leistungssteigerung einnehmen würden. Das entspricht 350 000 bis 400 000 Menschen. Und diese Menschen müssen mit dem Stoff versorgt werden. "Es ist ein ultrastabiles soziales Netzwerk", sagt Kläber.

Fünf Prozent aller Studiobesucher nehmen Medikamente zur Leistungssteigerung

Meiers Ex-Freund, mittlerweile hat sie sich von ihm getrennt, war Teil dieses organisierten Netzwerks, das Steroide und verbotene Medikamente zum Muskelaufbau nach Deutschland bringt und verteilt. Er habe vor allem mit Testosteron gehandelt, erzählt Meier. Der Weg von dem "Stoff" nach München sei einfach nachzuvollziehen gewesen.

Aus Thailand und Ländern in Osteuropa soll das Testosteron zu einer Kontaktperson nach Hessen geliefert worden sein - entweder durch eine Bestellung im Darknet oder durch Freunde aus der Fitness-Szene, die Urlaub in den jeweiligen Ländern gemacht haben. Der Kontaktmann in Hessen habe das Testosteron-Pulver professionell angemischt und in Ampullen gefüllt, sagt Meier. Ihr Freund habe die Steroide dann abgeholt und in Bayern verteilt.

Die Kette, von der Meiers Freund ein Teil gewesen ist, ist nach Einschätzung eines Spezialermittlers beim Zollfahndungsamt München ein klassisches Beispiel für den Weg von illegalen Steroiden zu den Konsumenten. Der Ermittler hat Erfahrung auf dem Gebiet: Für das Jahr 2018 nennt er 328 Ermittlungsverfahren des Zolls, die in Bayern wegen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz durchgeführt wurden.

Noch genauer sind seine folgenden Angaben zu verbotenen Arzneimitteln: 36,71 Kilogramm Pulver, 123 489 Tabletten und 26 828 Milliliter verschiedener Flüssigkeiten konnten die Ermittler in Bayern 2018 entdecken. Einschätzungen zur Dunkelziffer möchte der Ermittler nicht geben, doch man gehe beim Zoll davon aus, auch in den kommenden Jahren mit der Kontrolle von Medikamenten und Steroiden aus dem Ausland und dem Aufspüren von Untergrundlaboren gut beschäftigt zu sein.

"Das Zeug kann man im Kochtopf machen"

Neben Thailand und Osteuropa nennt der Spezialermittler auch China als einen Ort, von wo viel Testosteron nach Deutschland geschickt werde. An den Flughäfen und Drehkreuzen der Paketdienste seien dann er und seine Kollegen gefordert, auffällige Sendungen zu untersuchen.

Wird eine Sendung nicht entdeckt, gelangt der Stoff meist zu einem Untergrundlabor. "Das Zeug kann man im Kochtopf machen", sagt der Ermittler über die Herstellung von Steroiden, die sich spritzen lassen. Es brauche den Rohstoff, beispielsweise Testosteron, sowie Alkohol und "Trägeröle" wie Traubenkernöl. Weil die Zutaten so günstig sind, ist es für Händler in der Kette ein lukratives Geschäft. Auch Meiers Ex-Freund soll zwischen 500 und 4000 Euro im Monat verdient haben. "Jeder schlägt in der Kette drauf", sagt Meier. Mit dem Verkauf einer Ampulle Testosteron lassen sich 40 bis 50 Euro verdienen.

Dabei gehen die Händler - und auch die Konsumenten - ein Risiko ein, weil bereits der Besitz von einer 10-Milliliter-Ampulle mit Steroiden strafbar ist. Deshalb sei die Kette ein "undurchsichtiges Netz", in dem nach außen geschwiegen wird, sagt Julia Meier. Es würden verschlüsselte Messenger genutzt, um Übergaben von "Stoff" zu organisieren. Jeder Profi in der Szene kenne jemanden, um Steroide zu besorgen, sagt Meier.

Und die Szene beschränkt sich nicht nur auf klassische "Pumper", wie sich extreme Kraftsportler auch selber nennen. "Man sieht in diesen Usernetzwerken, in den Fitnessstudios, dass Wettkampfbodybuilder quasi die Profi-User sind und Nachwuchsleute unter die Fittiche nehmen und anlernen", sagt der Sportsoziologe Mischa Kläber. "Das sind Freizeitsportler."

Mit dem Erfolg kamen die Nebenwirkungen: Sie fing an zu zittern, war ständig aufgedreht

Auch Meier war anfangs Freizeitsportlerin - dank "Germany's Next Topmodel". Wegen der Serie, in der Topmodel Heidi Klum einen extrem schlanken Frauenkörper als Ideal präsentiert, blickte Meier mit 17 Jahren kritisch auf ihren eigenen Körper und nahm mehrere Kilo ab. Später besuchte sie regelmäßig ein Fitness-Studio. Vor einigen Jahren traf sie ihren Ex-Freund über Tinder. Er war erfahrener Bodybuilder und "pumpte" regelmäßig in sogenannten "Oldschool-Gyms". Das sind Studios mit kargen Wänden, ohne Fernseher und lauter Musik, meist stehen Ex-Bodybuilder hinter der Theke. "Stoffen wird in diesen Studios nicht nur toleriert, sondern sogar gefördert", sagt Meier.

Sie begleitete ihren Freund und merkte, dass es ihr Spaß machte, schwere Gewichte zu heben. Dann wollte sie ein Sixpack - und schließlich den perfekten Körper. Die Hemmschwelle, dafür zu Clenbuterol zu greifen, war gering. Schließlich waren Medikamente und Anabolika jeden Tag präsent, weil ihr damaliger Freund "stoffte". Und auch in der Popkultur wird der Konsum von Steroiden verherrlicht. "Ich will Wachstumshormone", rappt zum Beispiel Farid Bang, und Kollegah ehrt in seinem Song "Testomusic" Testosteron, Creatin und Clenbuterol.

Clenbuterol, das war der verschreibungspflichtige "Fatburner", den Meier ausprobierte. Das Medikament wirkte sofort, sie nahm innerhalb von wenigen Wochen vier Kilo ab. Doch mit dem Erfolg kamen die Nebenwirkungen. Sie fing an zu zittern und war ständig aufgedreht. Sie setzte das Clenbuterol wieder ab - auch aus Angst, süchtig zu werden. Weil die Konsumenten von Steroiden und Medikamenten schnell einen Effekt bemerkten, bestehe da eine hohe Gefahr, sagt der Wissenschaftler Mischa Kläber. Dabei sind die Nebenwirkungen, vor allem von Steroiden, sehr schädlich für den Körper. Sie reichen von Haarausfall über Depressionen bis hin zu Impotenz und schrumpfenden Hoden bei Männern.

Auch Meiers Freund habe die Nebenwirkungen gespürt. Er habe keinen Sex mehr haben können und sei in den Zeiten des Testosteronkonsums sehr aggressiv geworden. Meier erinnert sich noch an ein verzweifeltes Gespräch.

"Warum hörst du nicht auf zu stoffen?", habe sie ihren Freund gefragt. Der habe geantwortet: "Das geht nicht. Dann war alles umsonst."

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Quelle:
SZ vom 02.09.2020
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