Doping:Rückschlag im Anti-Doping-Kampf

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2016 Australian Open - Day 5; scharapowa

Maria Scharapowa bei den Australian Open

(Foto: Getty Images)

Das Herzmedikament Meldonium, auf das Tennis-Spielerin Maria Scharapowa positiv getestet wurde, ist offenbar länger nachweisbar als bisher angenommen. Das hat Folgen für die überführten Sportler.

Von Thomas Kistner, Köln

Der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) droht drei Monate vor den Sommerspielen in Rio de Janeiro eine gewaltige Blamage, eine Klagewelle und womöglich Erschütterungen bis in ihre Grundfesten. Auslöser ist eine mögliche Fehleinschätzung in Hinblick auf den seit 1. Januar 2016 verbotenen Wirkstoff Meldonium. Eine neue Pilotstudie europäischer Wissenschaftler zeigt, dass die als Herzmittel gebräuchliche Substanz nicht, wie bisher angenommen, nur bis zu sieben Tage, sondern angeblich bis zu drei Monate im Körper nachweisbar sei. "Die Studie zeigt, dass es offenbar zwei Phasen der Ausscheidung gibt, eine sehr schnelle und eine sehr langsame, die möglicherweise einige Monate andauern kann, und dies ist so nicht erwartet worden", sagte der Kölner Dopingforscher Mario Thevis dem sid. Die Studie ist noch unveröffentlicht.

Trifft dies zu, erschüttert sie die Grundlage für viele erfolgte Suspendierungen im Sport; Neubewertungen wären erforderlich. Mehr als 170 Athleten wurden seit Jahresanfang überführt, viele gesperrt - in der Annahme, dass sie den Wirkstoff Meldonium nach dem 1. Januar benutzt haben müssen. In Fällen, in denen sich dies als falsch herausstellt, dürfte mit Schadenersatzklagen der Athleten zu rechnen sein.

Das Beben hatte sich bereits am Vortag angekündigt. Am Mittwoch teilte die Wada plötzlich mit, dass sie die Strafen lockern werde: Athleten, die vorm 1. März 2016 mit weniger als einem Mikrogramm Meldonium auffällig wurden, könnten von einer Sperre ausgenommen werden. So oder so, ist die Debatte um die Langzeit-Nachweisbarkeit der Substanz längst nicht beendet. Auch zu der Studie gibt es Fragen, darunter die, weshalb es schon eine geben kann zur dreimonatigen Nachweisbarkeit des Wirkstoffs: Die neue Studie müsste spätestens Mitte Januar begonnen haben; zwei Wochen, nachdem Meldonium auf die Verbotsliste rückte. Sollte die Wada so fahrlässig agiert haben - einen Stoff erst verbieten, dann untersuchen - hätte sie ohne nachhaltige Grundlagenforschung gearbeitet und sich juristisch angreifbar gemacht.

Experten bleiben skeptisch. Der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel hält eine Meldonium-Verweilzeit im Körper "über mehr als zwei, drei Wochen für unwahrscheinlich". Auch mancher Konsument dürfte zu früh jubeln: Entscheidend für eine neue Fallbewertung ist die Menge der gefundenen Substanz. Und Russlands Tennisheldin Maria Scharapowa hat die Einnahme des Herzmittels öffentlich gebeichtet - über Jahre aus Gesundheitsgründen. Dies ganz offenbar auch noch 2016: Detailliert schilderte sie, wie sie beim Versuch, die neue Verbotsliste 2016 im Internet zu öffnen, beim Anklicken der Links gescheitert sei. Nun bittet der Weltverband ITF die Russin zum Gespräch. Dabei wird er ihre Beichte berücksichtigen müssen

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