Doping bei Turnerinnen Wachstumspräparat aus Leichen gewonnen

Kleine Turnerinnen haben einen Vorteil: Sie tun sich leichter, die immer gewagteren Schrauben und Salti zu vollenden, die nötig sind, um international zu reüssieren. Aus der Datenbank sports-reference.com lässt sich rekonstruieren, dass die durchschnittliche Größe der Medaillengewinnerinnen im Turnen bei Olympischen Spielen seit 1976 nicht mehr über 160 Zentimeter lag. Den Trend zu kleinwüchsigen Leistungsturnerinnen - es gab ihn keineswegs nur damals in der DDR. Dem Spiegel liegt die Studie einer Fachzeitschrift für Kinderheilkunde in den USA vor, die 1998 zu dem Schluss kam, dass die Einnahme von anabolen Steroiden vor allem unter jungen Turnern verbreitet sei, weil die glaubten, "eine geringe Körpergröße bringt im Turnen Vorteile".

Heike M. wusste damals nicht, was ihr verabreicht wurde. Sie dachte, sie schlucke Vitamine. Als Teenagerin trainierte sie jede Woche an sechs Tagen, das Pensum umfasste sieben Stunden. Nach ihren Angaben war sie ab der siebten Klasse "an keinem Tag mehr schmerzfrei". Die Ärzte hätten ihr viele Spritzen gesetzt, selbst während der Wettkämpfe sei dies üblich gewesen. Im Alter von 16 Jahren beendete sie im Juli 1979 ihre Karriere. Damals war sie 1,53 Meter groß. Innerhalb eines Jahres wuchs sie dann um zehn Zentimeter.

Gesundheits-Risiko: Schwere Demenz und Tod

Den Grund für den späten Wachstumsschub will Werner Franke nun in den Krankenakten ausgemacht haben. Nach ihrem Karriereende war M. zur Rehabilitation in eine Spezialklinik für DDR-Spitzensportler in Kreischa geschickt worden. Dort soll sie mindestens sechs Wochen lang das Wachstumspräparat Sotropin H erhalten haben.

Das Somatropin-Präparat wurde damals vom VEB Arzneimittelwerk Dresden hergestellt. Es wurde aus Hirnanhangdrüsen von Leichen gewonnen - ein moralisch fragwürdiges und medizinisch völlig unverantwortliches Vorgehen: Auf diesem Weg kann die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit übertragen werden, die zu schwerer Demenz und zum Tod führt. Im Zuge seiner Recherchen in dem Fall, so der Spiegel, hätten alteingesessene Pathologen in den neuen Bundesländern Franke wissen lassen, dass sie sich damals gewundert hätten, warum ihre Präparatoren den Leichen immer die Hirnanhangdrüsen entnehmen und behalten wollten.

Bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau, die von vielen westlichen Ländern boykottiert wurden, gewann die DDR wie vier Jahre zuvor in Montréal und acht Jahre später in Seoul die zweitmeisten Medaillen. Maxi Gnauck triumphierte am Stufenbarren, die Frauen-Riege holte hinter der aus der Sowjetunion und der aus Rumänien Bronze. Gnauck wurde daraufhin von den Lesern der Tageszeitung Junge Welt zur "Sportlerin des Jahres" gewählt.

Heike M. ist nicht die einzige aus jener Generation, die gesundheitliche Probleme hat. Der Doping-Opfer-Hilfe-Verein steht mit acht ehemaligen Turnerinnen in Kontakt. Ines Geipel, die Vorsitzende des Berliner Vereins, sagt im Spiegel, der "Sotropin-Fall von Heike M. ist ein schweres Verbrechen und verwerflich".