Doping-Enthüllung der ARD:Einladung zur Drogenparty

Urine samples from athletes are lined up for steroid profiling at the Doping Control Laboratory at the National Institute of Scientific Research Centre (INRS) Institute Armand-Frappier in Laval

ARD-Journalisten konnten die neuen Probe-Flaschen einfach öffnen.

(Foto: REUTERS)

Journalisten schafften es im Selbstversuch, die neuen Urinprobe-Flaschen der Welt-Anti-Doping-Agentur ohne Spuren zu öffnen. Das ist eine unfassbarer Vorgang und ein Freifahrtschein für Doper.

Kommentar von Thomas Kistner

Dass der Anti-Doping-Kampf ein Gaukelspiel ist, das die Zahlkundschaft in dem Glauben wiegen soll, der organisierte Sport wolle jenes Systemproblem bekämpfen, das in der olympischen Prämisse des "Schneller-höher-stärker" steckt: Wache Beobachter wissen es seit Langem. Doping ist ein struktureller Faktor in so einer Muskel- und Hormonindustrie. Das ist für jeden nachvollziehbar, der nicht glaubt, dass sich des Menschen Leistungskraft ganz rasant bis ins Unendliche steigern kann.

Doping ist unerlässlich. Weil es aber auch die Geschäftsgrundlage zerstört, muss der Sport dem Publikum suggerieren, dass er das Pharmaproblem weitgehend im Griff habe. Doch im Griff hat der Sport nur das Blendwerk, das er rund um sein Strukturproblem betreibt. Vorneweg die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), die im Sinne ihres mächtigen Geldgebers IOC das organisiert, was als Anti-Doping-System firmiert.

Spätestens seit der russischen Staatsdoping-Affäre wandert der Fokus von den Sündern und ihren Helfern auf die Kontrolleure. Diese Causa hatte klarer denn je den Kotau des Sports vor Putins Politik offenbart. Der Wada hatten früh glasklare Hinweise russischer Whistleblower vorgelegen; sie ignorierte diese und leitete sie sogar nach Moskau zurück. Nur dank der Medien flog die Affäre auf; an ihrem Ende stehen nun Maßnahmen des IOC gegen Russlands Staatsdoping, die das Wort Sanktion nicht verdienen.

Die Gefäße für die Urinproben kann offenkundig jedermann öffnen

Jetzt die nächste Affäre: Sie greift die letzten Spuren der Integrität an. Tage vor Beginn der Winterspiele wird enthüllt, dass die von der Wada zertifizierten Gefäße für die Urinproben von quasi jedermann geöffnet und wieder verschlossen werden können, ohne Spuren zu hinterlassen. Und wieder sind es keine Kontrollinstanzen des Sports, die das aufdecken, sondern Medien. Drei Wochen vor Spielebeginn erfuhr die Wada von der enormen Sicherheitslücke, dabei hatte sie diese Behälter erst im Herbst eingeführt - Konsequenz aus der Staatsaffäre. Jetzt wird es bodenlos: Brauchten die Russen 2014 die Hilfe ihres Geheimdienstes, so schafft es die ARD-Dopingredaktion nun angeblich im Selbstversuch, die Probengläser ohne Spuren zu öffnen und zu verschließen.

Die Wada, nun ja, sie untersucht das jetzt; deutet dabei schon anklagend auf den Hersteller. Das IOC deutet auf die Wada und erzählt, dass diese das Kind schon schaukeln wird. Was man halt so macht, wenn man mal wieder mit dem Rücken zur Wand steht und auf traditionelle Verklärungseffekte hoffen muss: Dass sich das Gros des Publikums schon von der Wirkung der bunten olympischen Heldenbilder einlullen lässt, sobald die olympische Drogenparty erst einmal läuft.

Drogenparty?

Gewiss. Die neueste Sicherheitslücke signalisiert allen Athleten, auch den Doping-Gegnern: In Pyeongchang geht alles. Denn im Ernstfalle ließe sich die Beweislast ja gar nicht mehr einem Sportler aufbürden, wenn dessen Urinbehälter so leicht manipulierbar ist. Ja, es ließe sich sogar gefahrlos eine verseuchte Probe abgeben: Wenn sogar Journalisten die neuen Behälter öffnen können, ohne Spuren zu hinterlassen, müssten die Sportfahnder erst einmal nachweisen, auf wessen originäre Probe ein Dopingbefund überhaupt zurückzuführen ist.

Pyeongchang kann die Schmutzspiele von Sotschi in den Schatten stellen. Ob es so kommt? Ist eigentlich schon wurscht.

© SZ vom 30.01.2018/schm
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