Doping:Insider-Berichte über Escort-Abenteuer von Besseberg

Alle Fragen offen: wie stets, wenn sich der Spitzensport mit seinem Systemproblem herumschlägt. Auch der Dopingskandal um die (vorläufig ausgemusterten) IBU-Granden Besseberg und Resch köchelt vor sich hin. Während der verbliebene Vor- stand am Sonntag per Dringlichkeits-Meeting die Aufgaben umverteilte, verdichten sich die Hinweise, dass Besseberg und seine deutsche Getreue ein Doppelleben an der Verbandsspitze geführt haben könnten. Zwar weisen sie Fehlverhalten zurück, doch die im Wada-Report dargelegte Verdachtslage passt zu sehr vielem, was aus dem Arbeitsumfeld der IBU dringt.

Demnach soll Resch, die das Generalsekretariat 2008 aus der Assistentenrolle übernahm, in der Zentrale eine bald immer umfassendere Alleinkontrolle ausgeübt haben; gerade auch im Umgang mit Dopingfragen. Die Wada-Ermittler sehen die Deutsche, der auch das Blutpass-Programm unterstand, als Vertuscherin und "starke Verteidigerin russischer Interessen"; sie habe "fast autonome Kontrolle" über den Anti-Doping- Bereich ausgeübt und nachgeordnete Mitarbeiter dort "aktiv" rausgehalten - so steht es im Report für die Behörden.

Verdächtiges Votum für Biathlon-WM 2021

Und Besseberg? Auch hier stützt das Dossier viele Insider-Berichte. Die Rede ist von Stimmkäufen, vielzähligen Jagdausflügen und notorischen Escort-Abenteuern. Dieser Teil der Affäre dürfte ebenso noch an seinem Beginn stehen wie andere Korruptionsfragen. So hat Besseberg in seinem IBU-Vorstand Anfang des Jahres nur mit Mühe die Bestätigung durchgeboxt, dass das Weltcup-Finale im März, der russischen Doping-Staatsaffäre zum Trotz, im russischen Tjumen stattfand. Insider berichten von einem 4:4-Vorstandsvotum. In dieser Patt-Situation habe dann, wie in anderen Verbänden auch, die Stimme des Präsidenten den Ausschlag gegeben. Vermeldet wurde indes, dass der Beschluss in einem demokratischen Prozess gefallen sei. Interessant könnte das noch werden, weil im Wada-Dossier - das sich ja ganz auf Zeiträume vor dieser Tjumen-Abstimmung bezieht - von Zahlungen an "nicht bekannte" IBU-Vorstände die Rede ist, abgestuft von 25 000 bis 100 000 Dollar.

Dass die in der Biathlon-Affäre Beschuldigten ihr Schweigen brechen, ist vorläufig so wenig zu erwarten wie ein klärendes Wort vonseiten der 60 internationalen Verbände, die diskret mit ihren Daten ringen. Aber die Wada hat sich positioniert. Sie will nicht ewig warten, und notfalls dort auf Dopingverfahren drängen, wo Funktionäre in bewährter Manier nach Ausflüchten suchen - um Publikum und Geldgeber nicht allzu sehr zu verschrecken. Letztere, die Geldgeber, sind aber jetzt unmittelbar in der Verantwortung. Auch hierzulande, wo Biathlon der deutschen Fernsehzuschauer liebster Wintersport ist. Gern wurde ja betont, dass es harte Anti-Doping-Klauseln in öffentlich-rechtlichen TV-Verträgen gebe. Deshalb könnte, was der dopingverseuchte Radsport einst erlebt hatte, demnächst auch den Wintersport erfassen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema