Dopingdebatte bei der Tour de FranceEs braut sich was zusammen

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Ein Team im Blickpunkt: Die Ineos-Profis Geraint Thomas (links), Carlos Rodriguez und Samuel Watson erwarten den Start der 16. Etappe der Frankreichrundfahrt.
Ein Team im Blickpunkt: Die Ineos-Profis Geraint Thomas (links), Carlos Rodriguez und Samuel Watson erwarten den Start der 16. Etappe der Frankreichrundfahrt. Marco Bertorello/AFP

Die Affäre um einen Betreuer der Mannschaft Ineos beschäftigt zunehmend die Tour: Das britische Radteam versucht mit einem Ausweichmanöver, Zeit zu gewinnen – das Peloton wird spürbar nervöser.

Von Johannes Aumüller, Montpellier/Malaucène

Als einer der letzten Mannschaftsbusse schiebt sich am Dienstagmittag das Gefährt der Equipe Ineos auf die lange Avenue du Pirée im Zentrum von Montpellier. Direkt vor einer Apotheke und einer kleinen griechischen Statue kommt er zum Halten, dann beginnen dort die üblichen Abläufe vor dem Start. Die Mechaniker bereiten die Räder vor, die Sportchefs klären letzte Details, Verantwortliche und Fahrer sprechen unverfängliche Sätze über die Pläne des Tages in die Mikrofone der Reporter.

Aber bei einem der wichtigsten Themen ist es mit der Redseligkeit schnell vorbei. Da heißt es vom Sprecher nur: „Wir haben keine Kommentare mehr dazu.“

Das Team Ineos (früher Sky) gehört seit mehr als einem Jahrzehnt zu den erfolgreichsten und finanzkräftigsten Mannschaften des Pelotons. Bei dieser Tour tritt es sportlich zwar nicht so sehr in Erscheinung wie früher. Aber immerhin triumphierte ihr niederländischer Kletterspezialist Thymen Arensman auf der letzten schweren Pyrenäen-Etappe, und der Spanier Carlos Rodriguez kämpft um eine Platzierung unter den zehn Besten im Klassement.

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Dafür ist Ineos bei dieser Tour eines der markantesten Stichworte dafür, dass sich der Radsport weiter mit einem Thema beschäftigen muss, das er gerne für überwunden erklärt: Doping. Kurz vor Beginn der Frankreich-Schleife hat eine ARD-Dokumentation enthüllt, dass vor rund einem Jahrzehnt ein bis heute für das Team tätiger Betreuer sich mit dem inzwischen strafrechtlich verurteilten Chef eines Blutdopingrings eng ausgetauscht haben soll. Seither liegt das Thema über der Tour, ungeklärt. Und mit seinem Verhalten verschärft Ineos das Thema zunehmend.

Tagelang äußerte sich die Mannschaft auf Anfragen gar nicht zu dem Sachverhalt. Doch irgendwann war der öffentliche Druck wohl zu groß, jedenfalls verfasste das Team mitten im Pyrenäen-Block ein Statement. Das Team sei sich „der jüngsten Anschuldigungen in den Medien, die sich auf die Saison 2012 und ein Mitglied seines Personals beziehen, bewusst“, teilte es mit. Diese Anschuldigungen seien dem Team „bisher von keiner zuständigen Behörde vorgelegt“ worden. Jedoch habe man einen Antrag an die Internationale Dopingagentur (ITA) gestellt, „um alle Informationen anzufordern, die sie für relevant hält“. Zum Abschluss folgte der Hinweis, dass man von jeher für eine strikte „zero tolerance“-Politik stehe, null Toleranz gegen jeglichen Betrug.

Der Fall ist heikel. Erstens spielt er in den Zehnerjahren, also nahe an der Jetztzeit – und in einer Phase, in der der Radsport angeblich von den Vergehen der gerade vorangegangenen Generation geläutert war. Zweitens betrifft er eine Affäre, in der trotz vieler strafrechtlicher Ermittlungen und eines Gerichtsprozesses viele Stränge noch nicht ausgeleuchtet sind; bis heute sind etwa viele Klienten des damals europaweit agierenden Blutdopingrings nicht bekannt. Und drittens betrifft die Causa jene Zeitspanne, in der Ineos/Sky seine Erfolgsserie begann – die in insgesamt sieben Triumphen bei der Tour mündete.

Warum verging so viel Zeit, bis die zuständige Agentur die Causa prüfte?

Zwar hat die Mannschaft stets „zero tolerance“ gepredigt, aber in dieser Zeit kamen immer wieder fragwürdige Vorgänge ans Licht. Nicht zuletzt eine Testosteronlieferung an den langjährigen Teamarzt und ein positiver, aber nicht sanktionierter Salbutamolbefund beim viermaligen Tour-Sieger Christopher Froome. Jetzt klappert also schon wieder etwas nach, aber Ineos geht bei der Aufklärung nicht in die Vollen. Stattdessen wirkt auch das jüngste Manöver, sich an die ITA zu wenden, wie der Versuch, das Thema auszusitzen.

Die ITA ist seit 2021 für Anti-Doping-Fragen im Radsport zuständig. Der Name des Betreuers wurde im Münchner Gerichtsprozess rund um den besagten Blutdopingring, der 2020 und 2021 stattfand, verlesen. Eine IT-Forensikerin trug damals vor, welche Kontakte man eruiert habe. Die ITA unternahm nach Lage der Dinge allerdings jahrelang – nichts. Erst Anfang 2025, so bestätigt es die Organisation auf SZ-Anfrage, habe sie Informationen von deutschen Behörden erhalten. Davor, also seit 2019, als Ermittler und Justiz den Blutdopingfall bearbeiteten, habe der Radsport-Weltverband (UCI) Beweise bei den österreichischen Behörden angefordert, die rund um den Blutdopingring ebenfalls ermittelten.

Allerdings hätte die ITA die Sache spätestens ab dem Jahr 2021 proaktiv verfolgen können. Von da an hatte sie ja das Mandat für den Radsport. Und die Erkenntnisse rund um den Münchner Dopingprozess waren frisch in der Welt.

Doch auf die Frage, weshalb die ITA die Sache erst 2025 prüfte, macht sie keine näheren Angaben. Sie verweist bloß darauf, dass erst da Informationen der deutschen Behörden vorlagen. Und dann habe man die Causa des Ineos-Betreuers sorgfältig untersucht – unabhängig von der Frage, ob die Sache sportrechtlich verjährt gewesen wäre. Laut ITA reichten die Belege aber nicht aus, um einen Fall zu eröffnen. Details dürfe sie leider nicht veröffentlichen, da die Causa zu keiner Anti-Doping-Ermittlung führte. Auch jeglicher Austausch, den man mit dem Team Ineos pflege, sei „vertraulich“.

So sind weiter die zentralen Fragen offen: Wann genau hat das Teammanagement von dem Kontakt des Betreuers mit dem verurteilten Mediziner erfahren? Welche Schritte genau hat es unternommen? Wie erklärt der Mitarbeiter, der weder straf- noch sportrechtlich belangt worden ist und für den die Unschuldsvermutung gilt, den Kontakt? Ist er noch bei der Tour? Auf einen entsprechenden Fragenkatalog antwortet das Team nicht. Und auf Nachfragen am Mannschaftsbus verweist der Sprecher nur ausdauernd auf das Statement – darüber hinaus gebe es keinen Kommentar.

„Wenn es etwas zu hinterfragen gibt, muss es hinterfragt werden“, sagt Rolf Aldag

Schweigen und aussitzen, das Muster kennt man im Radsport von diversen Affären, nicht nur, aber auch bei Ineos. Und doch braut sich etwas zusammen in dieser Angelegenheit. Das Peloton wird spürbar nervöser. Der Radsport ist eine kleine Familie, viele kennen den Ineos-Betreuer, um den es geht und der sich selbst öffentlich bisher nicht zu dem Thema geäußert hat. Andere sorgen sich, wie ein solches Vorgehen zur Erzählung eines angeblich geläuterten und sauberen Radsports passt. Der Sportliche Leiter des deutschen Red-Bull-Teams, Rolf Aldag, zählt zu denen, die akuten Handlungsbedarf sehen.

„Wenn es etwas zu hinterfragen gibt, muss es hinterfragt werden. Insofern ist der Bericht relevant und muss aufgenommen werden“, sagt Aldag, in den Nullerjahren selbst als Radprofi aktiv und ein geständiger Dopingsünder. „Wenn es da was aufzuklären gibt, sollte es aufgeklärt werden. Aber ich glaube, es gibt da eine beteiligte Mannschaft, und das ist Ineos, und die sollte das tun.“

Wie unverständlich das Verhalten des Teams in der Causa wirkt, dokumentierte unlängst ein interessanter Kronzeuge. Es gehört zu den Gepflogenheiten bei der Tour, dass der jeweilige Etappensieger nach dem Rennen eine kurze Pressekonferenz gibt. Und so war es am Samstagabend in Superbagnères just der niederländische Ineos-Fahrer Thymen Arensman, den die Tour-Organisatoren hinter den Gesprächstisch baten. Diese versuchten es zwar vorab mit dem Hinweis, bitte nur Fragen zum Rennen zu stellen – aber das half, wenig überraschend, nichts.

Seine erste Antwort zur aktuellen Affäre lautete, dass man das Management seines Teams fragen müsse. Und als der zweite Fragesteller Arensman darauf hinwies, dass das Management nichts mehr sagen wolle, qualifizierte der Niederländer selbst diese Zurückhaltung als „seltsam“. Dazu immerhin teilt der Ineos-Sprecher vor der Apotheke und der kleinen griechischen Statue am Tag darauf in Montpellier noch einen Halbsatz mit. Diese Frage sei unfair gewesen – man habe doch ein Statement veröffentlicht.

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