Doping Xues Sohn vermutet, dass sie auch in Deutschland beschattet wird

Yang wurde über Nacht zu einem Künstler. Er interviewte 405 Intellektuelle, Künstler, Musiker, Schriftsteller, stellte allen dieselben 55 Fragen: "Was fehlt Ihnen am meisten in unserer Gesellschaft?". Oder: "Was halten Sie davon, wenn eine Ärztin nicht dopen will?" Viele bekundeten Sympathie. Eine derartige Reise in die Seele einer Nation ist gefährlich, zumal in einem Staat, der fast jeden Zentimeter Privatsphäre kontrolliert. "Die Regierung hat Angst, dass diese Leute die Wahrheit aussprechen", sagt Yang. Er verlor seine Arbeit als Dozent für Innenarchitektur an der Tsinghua-Universität. Seine Frau und er verkauften ihre Wohnungen, um das Interview-Projekt zu finanzieren, und zogen in kleinere. Sein jüngerer Bruder wandte sich ab. 2011 veröffentlichte Yang seine Interviews in Hongkong, als Buch. Spätestens jetzt wurde auch er überwacht, immer wieder tauchten Beamte vor seiner Tür auf.

"Wehe, ihr erzählt etwas vom Doping! Oder vom Sturz des Vaters!"

2012, kurz vor Olympia in London, machen sie es doch: Xue sprach in englischen Medien erstmals vom riesigen Betrug, den sie erlebt hatte. Als Reporter nach Beweisen fragen, zeigt sie Fotos ihrer Tagebücher, 68 sind es mittlerweile. Xues Sohn leitete auch ein Dossier an Reporter weiter, das der Chefarzt Chen einst über seine Dopingversuche verfasst hatte. So geriet Chen unter Druck und gab zu, an 50 Athleten Blutdoping, Hormone und Steroide "getestet" zu haben. Ja, er habe Doping einst erforscht, sagte Chen, dazu gezwungen habe er aber niemanden. Ganz bestimmt.

Xues Familie war spätestens jetzt ein Risiko für den Staat, mit den Tagebüchern und Filmen (die sie bald aus dem Land schmuggelten). Ein Polizeiauto stand ständig vor der Tür, das Telefon wurde abgehört, sagt sie. Besonders schlimm sei es gewesen, wenn ein Großereignis im Sport bevorstand. Als Peking sich ab Ende 2013 für die Winterspiele 2022 bewarb, standen wieder Beamte vor der Tür: Bloß keine negativen Berichte! Kurz bevor die Spiele vergeben wurden, am 31. Juli 2015, riefen sie fast jeden Tag bei Xue an. Sie wollte damals einen Bekannten in Hongkong besuchen, als sie am Flughafen eintraf, wurde sie verhört. Ausreisen durfte sie nicht. Peking gewann knapp die Abstimmung gegen den einzigen Mitbewerber, Almaty. Auf Anfrage bei chinesischen Behörden, ob und warum Xues Familie observiert wurde: keine Reaktion.

Xues Sohn war so wütend, dass er nach der verhinderten Ausreise eine "Aktionskunst" wagte. Er protestierte nackt, vor dem Sportministerium, hielt ein Schild mit der Aufschrift: "Der Vizepräsident Li Yuanchao ist mein älterer Bruder." Tatsächlich ist die Großmutter von Chinas Vize-Premier Li Yuanchao eine Cousine von Yangs Mutter. Am Tag darauf wurde Yang verhaftet, erst nach 114 Tagen kam er wieder frei. Als er in seiner Wohnung eintraf, hatte ihm die Vermieterin gekündigt.

Der letzte Anstoß war ein Vorfall im vergangenen Herbst, sagt der Sohn. Seine Mutter hatte Blut im Urin, aber kein Arzt habe sie behandeln wollen. Im Sommer wollten sie ausreisen, die Mutter brauche medizinische Hilfe, sagten sie, man müsse kurz ins Ausland. Diesmal klappte es. Deutschland.

Und jetzt?

Manche Athleten, die Xue betreute, leiden heute an Spätfolgen. Die Volleyballspielerin Chen Zhaodi starb 2013, Leberkrebs. Li Ning, der Turner, entzündete bei der Eröffnungsfeier 2008 die olympische Flamme, der Kontakt zu Xue ist abgebrochen. "Er hat Angst", sagt sie. Cai Zhenhua, der Tischtennisspieler, ist heute Vize-Sportminister. Auch eine Anfrage an ihn und sein Ministerium bleibt ohne Reaktion. Chen, der Dopingdruide, hat den Betrug gestanden, aber offenkundig nur einen Bruchteil davon. Li Furong, Chens Mitstreiter, wurde Mitte der 90er in ein neues Amt versetzt: Er leitete ein staatliches Anti-Doping-Komitee.

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Und Xue? Gilt die nach dem Spiele- Zuschlag für 2022 noch immer als Bedrohung? Seit zwei Jahren redet die Sportwelt über das russische Staatsdoping, die Sotschi-Winterspiele 2014 stehen für den Schmutz des Sports. Aber nicht nur in Russland wird Spitzensportlern eine besondere Abschottungspraxis zuteil; auch Chinas Elitesportler trainieren gern in Militärbasen - Unbefugte haben da keinen Zutritt. Die Anfragen bei chinesischen Behörden, ob der Druck auf Xue auch mit den jüngsten Entwicklungen zusammenhänge, und ob sie ausschließen können, dass es je ein staatlich gelenktes Dopingprogramm gab - wie es Anti-Doping-Offizielle aus China zuvor stets getan hatten - bleiben unbeantwortet. Dafür ruft kurz vor Redaktionsschluss eine Werbenummer aus China an. Am Apparat meldet sich eine automatische Stimme. Man möge bitte seine Bankverbindung eingeben.

Xue, ihr Sohn und ihre Schwiegertochter warten seit vier Monaten, dass ihr Asylverfahren bewilligt wird. Ihre Konten in China sind gesperrt, rund 2000 Dollar sind ihnen geblieben, sagt Yang. Ab und zu reist er mit Frau und Mutter zu Vorträgen. In den ersten Wochen in Deutschland fiel ihnen ein Chinese auf, der sich als Asylbewerber ausgab und stets vor Unterkünften auftauchte, in denen die Familie gerade untergebracht war. Ein Agent, vermutet Yang; er fotografierte ihn an mehreren Orten. Als Yang ihn zur Rede stellte, habe der zugegeben, dass er an der Tür der Mutter gerüttelt hatte. "Angeblich wollte er sich ärztlich behandeln lassen", sagt Yang. Kurz darauf verlegten die Behörden Xues Familie in die neue Unterkunft. Aber die Botschaft, die der mysteriöse Besucher hinterlassen habe, sei eindeutig gewesen, sagt Yang.

"Wir finden euch", habe dessen Körpersprache gesagt, "egal, wohin ihr geht."

Mitarbeit: Christoph Giesen, Peking, Claudia Hillebrand-Chen

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