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Doping:Co-Kapitän aus Kroatien

Nordische Ski-WM Seefeld - Doping-Skandal

Ausgangspunkt einer internationalen Affäre: Österreichische Ermittler stoßen im Februar 2019 in Seefeld die „Operation Aderlass“ an.

(Foto: Hendrik Schmidt/dpa)

Neue Erkenntnisse legen nahe, dass das Blutdoping-Netzwerk des deutschen Sportarztes Mark Schmidt weit über dessen Erfurter Drehkreuz hinausreichte. Zuletzt ist in Vernehmungen immer mal wieder der Name eines Mannes aus Zagreb aufgekommen.

Die Idylle, die Dario Nemec auf seinem Profil in einem sozialen Netzwerk ausstellt, ist erst wenige Tage alt: Auf einem Foto ist ein Spielplatz zu sehen; Nemec, kurze Hose, Sonnenbrille, trägt sein Kind auf dem Arm, auch in Zagreb ist es an manchen Tagen gerade schon recht sommerlich. Nichts deutet darauf hin, dass hier jemand zu sehen ist, der auf seine Auslieferung wartet: als eine der Hauptfiguren in der Operation Aderlass.

Etwas mehr als ein Jahr ist es her, als eines der größten Dopingnetzwerke der jüngeren Sportgeschichte entwurzelt wurde: Ermittler aus Österreich und Deutschland stürmten im Februar 2019, während der nordischen Ski-WM in Seefeld, Hotels, Apartments und Arztpraxen. Der Erfurter Sportarzt Mark Schmidt, der damals als Hauptverdächtiger verhaftet wurde, sitzt noch immer in Untersuchungshaft. 23 Athleten aus seiner Kundendatei sind mittlerweile enttarnt, Radfahrer, Langläufer, Leichtathleten, Deutsche, Österreicher, Esten, Kroaten. Viele Spuren geben bis heute Rätsel auf - die Münchner Schwerpunktstaatsanwaltschaft hatte Ende Dezember trotzdem ihre Anklage eingereicht. Die ist allerdings noch nicht zugelassen, und das liegt auch an der Natur des Netzwerks: Das war, wie sich nun immer klarer abzeichnet, längst nicht auf sein Erfurter Drehkreuz beschränkt, sondern international verzweigt und straff organisiert.

Das führt wiederum nach Zagreb, zu Dario Nemec.

Dessen Name war zuletzt immer mal wieder aufgeploppt, in den Verhandlungen in Innsbruck etwa, wo die Fälle der österreichischen Aderlass-Darsteller verhandelt wurden. Angeklagte und Zeugen beschrieben Nemec dort als mutmaßlichen Dopingkurier und Komplizen Schmidts. Die NZZ und ARD berichteten zuletzt weitere Details, die der Erfurter Arzt über Nemec in Vernehmungen preisgegeben haben soll: Der Kroate habe Kunden für Schmidts Geschäft mit dem Blutdoping angeworben, darunter seine Frau Lisa; ihre Blutbeutel sollen unter dem Tarnnamen "Girl" bei Schmidt gelagert gewesen sein. Lisa Nemec legte ab 2013 einen rasanten Aufstieg als Marathonläuferin hin, dann schlug ein Test auf den Blutbeschleuniger Epo aus. Konkrete Anfragen zur Causa lässt das Paar unbeantwortet.

SZ-Recherchen legen nun nahe, dass Dario Nemec mehr war als ein Komplize: eine Art Zucht- und Ordnungsmeister, einer auf Augenhöhe, der phasenweise gar das organisatorische Hirn des Netzwerks war, wie Kenner schildern. Nemec habe stets gewusst, welchen Stoff man besorgen kann und wo; auch wie man Mittel konsumieren und auf das Training abstimmen müsse; oder wann etwas zu riskant wurde, weil die Herstellerfirma das Produkt mit Markern kennzeichnete, und was man stattdessen nahm. Auch dass man Epo zwischenzeitlich besser nicht mehr spritzte, sondern oral aufnahm, sei vom kroatischen Alleswisser gekommen. Das deckt sich mit Details, die jüngst auch am Innsbruck Landesgericht zur Sprache kamen. Der langjährige Langlauftrainer Gerald Heigl sagte dort im vergangenen Februar, er habe Nemec 2012 in Kroatien getroffen - zusammen mit Walter Mayer. Jenem skandalumtosten Ex-Trainer also, der einst vor der Polizei flüchtete und später wegen Dopingvergehen verurteilt wurde - und der nun in Innsbruck erneut angeklagt ist. Nemec, so Heigl, habe ihnen damals jedenfalls Wachstumshormon in einer Kühltasche überreicht, für zwei österreichische Langläufer.

Einer dieser Langläufer war Johannes Dürr - jener Kronzeuge also, der jahrelang bei Schmidt Blutdoping betrieben hatte, selbst dann noch, als er sich als geläuterter Ex-Doper gab. Dürr bestätigte im Februar in Innsbruck Heigls Version; er sagte auch, dass Dario Nemec und Mayer ihm Blut abgezapft hätten, als Schmidt einmal verhindert war (was Mayer bestreitet). Mayers Anwalt richtet auf Anfrage aus, sein Mandant beantworte derzeit keine weiteren Anfragen zu einem laufenden Verfahren.

Nemec war aber offenbar nicht nur für Versorgungsrouten zuständig und gelegentlich als Assistenzarzt im Einsatz. Er war anscheinend auch rechtlich bestens vernetzt. Kurz vor der Seefeld-Razzia sei der Kasache Alexei Poltoranin, einer aus Schmidts Kundendatei, mit Wachstumshormon in Schwierigkeiten geraten, berichtet ein Insider. Es habe allerdings Zweifel am Testergebnis gegeben; Nemec soll daraufhin Kontakt zu einem US-Anwalt angeboten haben, der topfit in lästigen Doping-Fragen sei. Auch Nemec' Ehefrau profitierte von den Diensten eines amerikanischen Advokaten, als sie - letztlich erfolglos - gegen ihre Epo-Sperre vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas klagte. Bei Poltoranin kam es nicht so weit: Er wurde im Zuge der Aderlass-Ermittlungen enttarnt. Der Ski-Weltverband sperrte ihn im vergangenen Januar für vier Jahre.

So verdichtet sich in diesen Tagen ein interessantes Bild: Als Mark Schmidt sein Netzwerk aufbaute, fand er offenbar schon eine intakte Kommando- und Infrastruktur vor: mit Apparaturen, die er nachweislich vom ehemaligen Blutdoping-Dirigenten Stefan Matschiner bezog, und einem Co-Kapitän wie Nemec, der Schmidt mit seinem Know-how beistand.

Den hält die Staatsanwaltschaft Innsbruck immerhin für derart wichtig, dass sie im November 2019 einen europäischen Haftbefehl erließ, wie sie auf Anfrage bestätigt. Nemec sei im Januar in Zagreb festgenommen worden, seitdem läuft das Übergabeverfahren. Die kroatischen Behörden ließen Nemec zuletzt aber fürs Erste frei - wegen der Corona-Pandemie.

Konfrontiert man Nemec selbst mit den Vorwürfen, bittet er höflich um ein paar Tage Aufschub, um die Fragen bitteschön ausführlich beantworten zu können. Danach: Funkstille.

© SZ vom 22.05.2020

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