Doping bei Olympia:"Es gab nie Staatsdoping in Russland!"

Lesezeit: 5 min

Er habe den Sotschi-Report deshalb rasch vorgelegt, weil er "konkrete Beweise" beinhalte und selbst Bach "einen Anschlag auf die Integrität des Sports" konstatiert habe. Auch habe Russland "von allerhöchster Stelle erklärt, dass beide Wada-Berichte zutreffen". Reedie geißelte die Verweigerungshaltung der Russen in den letzten Monaten, als dort externe Kontrolleure Athleten zu testen versuchten: "Nur 50 Prozent der Tests fanden statt, es gab Probleme mit gesperrten Städten, in die wir gar nicht rein durften. Das ganze System war schlecht, auch die Leute in Sotschi haben ungern kooperiert. Und Zollbeamte haben manchmal sogar Pakete geöffnet, bevor sie ins Ausland weitergeleitet wurden."

Bei der folgenden Fragerunde entpuppte sich IOC-Kollege Chang aus Nordkorea als Compliance-Experte; er witterte Interessenskonflikte in Reedies Doppelrolle als IOC-Vize und Wada-Chef. Bisher hat das IOC diese Ämterverquickung begrüßt, sie gewährt großen Einfluss auf die Agentur.

Diesen und andere Spieße drehte Reedie einfach um. Er sei beruhigt, meinte er süffisant, dass die Russen ihr Dopingproblem nun in Vitali Smirnows Hände legten. Der 81-jährige Altkader führte den Kreml-Sport schon durch die Sowjetzeit und hielt gleich zu Amtsantritt fest: "Es gab nie Staatsdoping in Russland!" Bis heute ungeklärt sind leider böse Gerüchte darüber, was die Sowjets bei den Spielen 1988 in Seoul, als sie und die Staatsdopingtruppe der DDR den Medaillenspiegel sprengten, mit einem Schiff bezweckt haben könnten, das 60 Kilometer vor Koreas Küste ankerte und laut Los Angeles Times "besser bewacht als ein Atom-U-Boot" gewesen sein soll.

An Bachs Adresse, der nun elementare Umbauten in der Wada fordert, hielt Reedie fest: "Herr Präsident, ich war sehr froh, als sie sagten, dass dafür neue Initiativen vom IOC und den Verbänden kommen. Auch nehme ich zur Kenntnis, dass sie eine sehr effektive Wada wünschen." Später, vor der Presse, konkretisierte er das: "Vielleicht braucht die Wada mehr Macht. Das bedeutet, dass andere Macht verlieren." Dass das IOC Macht abgeben will, just im heikelsten Geschäftsbereich, in der Dopingfrage, ist seit Rio fraglicher denn je.

In Rio stärken 19 europäische Sportminister der Wada den Rücken, von England über Skandinavien bis Österreich. Nicht dabei ist Deutschland. Deutsche Funktionäre geben ihrem langjährigen Patron Bach verbalen Feuerschutz in der größten Integritäts-Krise des Sports. Ob zum Thema in Berlin aus Patriotismus geschwiegen wird, ist nicht überliefert; wohl aber, dass eine deutsche Initiative pro Julia Stepanowa nun schon 190 000 Unterstützer fand. Auch die Russin steckte einst im Dopingsystem, sie packte alles auf den Tisch. In Rio starten darf die Whistleblowerin nicht, das IOC hält sie für ethisch ungeeignet.

Am Dienstag machte draußen vorm Verhandlungssaal in Barra ein alter Fahrensmann Zigarettenpause. Gianfranco Kasper, Chef des Ski-Weltverbands Fis, plaudert über das, was ihm eine im Sport tätigen russische Bekannte gesteckt habe. Das russische Team habe ein riesiges Flugzeug, in dem ein Trainingslager eingerichtet sei; bei der Anreise soll fleißig geübt worden sein, er habe dazu auch Fotos gesehen. Das Objekt könnte aber auch während der Spiele zur Verfügung stehen. Ein Trainingscamp im Flugzeug? Klingt grotesk. So grotesk wie Löcher in der Laborwand.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB