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Doping:Als ginge es um Shampoo

Die Kommission von IOC-Mitglied Denis Oswald analysiert und bewertet im russischen Doping-Skandal die Einzelfälle.

(Foto: Laurent Gillieron/AP)
  • Das Internationale Olympische Komitee wählt bei der Aufarbeitung der Dopingverstöße von Sotschi ein Verfahren, das Russland sehr entgegenkommt.
  • Statt ein klares Signal an den Weltsport zu senden, lässt es die Einzelfall-Prüfung zu - als ginge es um ein kontaminiertes Haarshampoo.
  • Die ersten Fälle zeigen, warum das Verfahren absurd ist.

Gute Nachricht vom Internationalen Olympischen Komitee: Über die Teilnahme russischer Sportler an den Winterspielen 2018 in Pyeongchang soll schon im Dezember entschieden werden. Und nicht erst Ende Februar oder später, wenn die Spiele vorbei sind. Ernsthafter besehen, läuft diese Hängepartie auf das hinaus, was der Großteil der Sportwelt ohnehin erwartet vom Kreml-nahen IOC; und was die Ringe-Makler bereits 2016 bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro trotz massivster Proteste praktiziert hatten: Natürlich dürfen Moskaus Helden, ungeachtet der Belege für staatlich orchestriertes Doping, in Südkorea an den Start.

Der Türöffner ist längst gefunden, verfeinert werden muss noch die Präsentation: So massive sportpolitische Coups brauchen eine gewisse juristische Verkleidung. Wie das aussehen dürfte, offenbart nun die erste Verteidigungsschrift, die zu der Causa kursiert.

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Grundsätzlich sieht der Trick pro Russland so aus: Aus Sicht des IOC braucht es in der Staatsaffäre um tausend und mehr Dopingverstöße nicht etwa ein klares Signal an den Weltsport; es braucht hier schlicht die Einzelfall-Prüfung - als ginge es um ein kontaminiertes Haarshampoo. Die Frage ist also gar nicht, ob Russlands Sport zu bestrafen ist dafür, dass bei den Winterspielen 2014 im heimischen Sotschi das Anti-Doping-Labor als Betrugsnest fungierte und positive Urine eigener Athleten mit geheimdienstlicher Akribie in negative Urine umgetauscht werden sollten. Belege dafür liefern etwa einschlägige Kratzspuren an den codierten Probenfläschchen, die der zuständige Sonderermittler Richard McLaren gefunden und überprüft hatte.

Das IOC setzt zwei Kommisionen ein

Für viele Aufrechte im Weltsport stellt sich hier eingedenk des generalstabmäßigen Betrugs die System-Frage. Der 68 Mitglieder umfassende Verbund führender nationaler Anti-Doping-Agenturen (Inado) fordert Russlands Komplett-Ausschluss von Pyeongchang, wie schon bei den Rio-Spielen. Damals hatten zudem Föderationen wie der Behinderten-Weltverband IPC und sogar der Leichtathletik-Weltverband IAAF einen Kollektiv-Bann für russische Athleten verfügt. Es geht also. Aber nun kümmert sich das IOC um die Sache.

Der Ringe-Clan hat, um der Bedeutung seiner Russland-Entscheidung quantitativ Rechnung zu tragen, gleich zwei Kommissionen eingesetzt. Die eine, unter Leitung des Schweizer Ex-Politikers Samuel Schmid, prüft das Dopingsystem als solches und will seinen Report "in den nächsten Wochen fertigstellen" - als Basis für den IOC-Entscheid im Dezember. Die andere, unter dem getreuen Schweizer IOC-Mann Dennis Oswald, kümmert sich um die Einzelfälle. Sie hat alle russischen Proben noch einmal analysiert; zudem ging sie den Fällen von 28 russischen Sotschi-Startern nach, deren Proben mutmaßlich zwecks Urin-Austausch geöffnet worden waren.