„Eine Frage von Zehntelsekunden“ sei die Szene gewesen, die sich am Samstagnachmittag bei der Klub-WM in Atlanta abspielte, sagte Vincenzo Raiola. Und doch ist der Zweikampf zwischen Gianluigi Donnarumma und Jamal Musiala, der in einer schweren Verletzung des Mittelfeldspielers des FC Bayern endete, auch Tage später noch eines der bestimmenden Fußballthemen. Der italienische Nationaltorhüter und sein Agent sahen offenkundig noch einmal Erklärungsbedarf und schilderten in der italienischen Fachzeitung Gazzetta dello Sport ihre Sicht der Dinge. Mit einer klaren Botschaft.
„Ich bin sehr erschüttert von dem Vorfall, es war definitiv nicht meine Absicht, Musiala zu verletzen“, sagte Donnarumma und wünschte dem Bayern-Profi „schnelle und umfangreiche“ Besserung, wie zuvor bereits bei Instagram. Donnarumma sei ein „sensibler Junge“, fügte sein Berater Raiola an. Ein Zeugnis wohlgemerkt, das dem Torwart bereits unabhängigere Quellen als der eigene Agent ausgestellt hatten. Dass Donnarumma nach dem Zusammenprall nicht noch einmal auf Musiala zugegangen ist und sich auf dem Platz von der Szenerie entfernte, erklärte Raiola so: „Er hätte die Situation nicht ertragen können und zog es vor, sich zurückzuziehen, damit sich die Ärzte besser um Musiala kümmern konnten.“
In der Umkleidekabine habe Donnarumma sein Handy eingeschaltet und sich direkt bei seinem Berater gemeldet. „In all den Jahren, die wir zusammenarbeiten, hat er das noch nie getan“, sagte Raiola, so „erschüttert“ sei der Torwart von der Situation gewesen. Absicht unterstellen lassen will sich Donnarumma weiterhin nicht: Ihn treffe „keine Schuld“, so der Torwart.
Die Donnarumma-Seite will den Fall jedenfalls merklich befrieden. In Richtung Bayern-Torwart Manuel Neuer, der nach dem Spiel in markanten Worten das Verhalten des Italieners kritisiert hatte („nimmt Verletzung in Kauf“), sagte Raiola: Neuer habe „recht, wenn er sagt, dass man sich anders verhalten kann“. Es sei allerdings ein „Spielereignis im ewigen Duell zwischen Torhütern und Stürmern gewesen“, mit dem beide beteiligten Torhüter sich bestens auskennen: Neuers Aussagen werden seit Tagen an den Bildern aus dem WM-Finale 2014 gemessen, als er dem argentinischen Stürmer Gonzalo Higuaín mit dem Knie voran an den Hals sprang. Bei Donnarumma erinnert eine Narbe im Gesicht an seine schwere Verletzung aus einem Zweikampf im Spiel gegen AS Monaco im Dezember des vergangenen Jahres, als ihm Wilfried Singo mit den Stollen die Wange aufschlitzte.
Singo und Donnarumma übrigens trafen damals wenige Tage nach dem Vorfall erneut aufeinander. Singo entschuldigte sich, Donnarumma verzieh ihm, sie umarmten sich. Bei Donnarumma und dem schwer verletzten Musiala wird es länger dauern, bis sie sich wieder auf dem Platz begegnen können.


