Süddeutsche Zeitung

Donezk-Trainer Mircea Lucescu:Verschmitzte Ära

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Er spricht sechs Sprachen, rät seinen Profis zu Theaterbesuchen - und will bei Auslandsreisen keine Frauen an Bord haben. Mircea Lucescu ist ein ungewöhnlicher Trainer. Doch an einem Ort wie Donzek braucht es solche Typen.

Von Johannes Aumüller, Lwiw

Mircea Lucescu verreist gerne, aber bisweilen haben seine Urlaubstrips für ihn nervige Folgen. An Weihnachten war er in seinem Heimatland Rumänien - schon hieß es überall, dass er bald die dortige Nationalelf übernehme, so wie Anfang und Mitte der Achtzigerjahre schon mal. Als er mit seiner Frau für ein Wochenende nach Istanbul flog, freuten sich die türkischen Medien, dass Lucescu nun endlich wieder bei Galatasaray oder Beşiktaş anheuere, mit denen er früher schon mal Titel gewann. Ganz ähnlich war auch die Reaktion nach einem kurzen Italien-Aufenthalt. Nur die Tage in Paris, die konnte Lucescu ganz offenkundig genießen, ohne gleich als neuer Übungsleiter von Paris St. Germain zu gelten.

Mircea Lucescu ist ein ungewöhnlicher Typ auf dem Trainermarkt. In Westeuropas Fußball haben ihn viele gar nicht so sehr im Fokus, dabei ist er nun schon seit mehr als 30 Jahren ziemlich erfolgreich im Geschäft. Seit 2004 coacht er Schachtjor Donezk, von den aktuellen Champions-League-Trainern kann einzig Arsenals Arsène Wenger auf eine noch längere Ära bei einem Klub zurückblicken. Der FC Bayern, der an diesem Dienstag in Lwiw (Lemberg) sein Achtelfinal-Hinspiel der Champions League gegen Donezk bestreitet, hat in dieser Zeit sechs Mal den Trainer gewechselt, Real Madrid neun Mal und Schachtjors ewiger ukrainischer Rivale Dynamo Kiew sogar zehn Mal. Aber bei den schwarz-orangenen Gornjaki aus dem Donbass, da ist immer noch dieser unverwüstliche Mircea Lucescu, 69, im Amt.

Es ist einerseits ein angenehmes Leben gewesen, das er all die Jahre in Donezk verbracht hat. Der Oligarch Rinat Achmetow, lange mit einem Vermögen im zweistelligen Milliarden-Euro-Bereich der reichste Mann des Landes, wollte partout den Aufstieg seiner Mannschaft in die europäische Belletage - und investierte Hunderte Millionen.

Für brasilianische Feinfüße wie Angreifer Luiz Adriano, der aktuell mit neun Treffern die Torschützenliste der Königsklasse vor Lionel Messi anführt; für robuste osteuropäische Handwerker in der Defensive wie den kroatischen Kapitän Darijo Srna, der schon in Lucescus erstem Donezker Jahr dort spielte; aber auch in eine Nachwuchsakademie, in der niederländische Spezialisten neue ukrainische Talente aufbauen sollen. Auch Lucescu selbst profitiert von der Großzügigkeit des Oligarchen, drei bis vier Millionen Euro pro Jahr beträgt das Entgelt angeblich.

Bei solchen Bedingungen ist es natürlich leichter, Erfolge anzuhäufen - neun nationale Titel sowie den Uefa-Pokal 2009. Andererseits haben in Europas oligarchenreichem Osten schon viele Experten Millionen verpulvern dürfen, ohne dass eine Erfolgsgeschichte wie bei Schachtjor die Folge war. Bei Donezk haben sich vor Lucescu der Italiener Nevio Scala und der Deutsche Bernd Schuster versucht - doch da war jeweils schnell wieder Schluss.

Vielleicht braucht es an einem Ort wie Donezk so einen ungewöhnlichen Trainer wie Lucescu. Ein Mann, der sechs Sprachen spricht und seinen Spielern empfiehlt, ins Theater zu gehen anstatt ins Restaurant. Ein Mann, der lange damit kokettierte, dass er in seinem Büro alle Spiele von Schachtjor habe, aber nicht auf DVD, nur als Videokassette. Und ein Mann, über den diverse kuriose Anekdoten kursieren: zum Beispiel seine Anweisung aus früheren Tagen, dass bei Auswärtsreisen zu Europapokal-Spielen keine Frauen an Bord des Flugzeuges sein dürfen, nicht einmal Stewardessen. Aus Aberglauben. Besonders gerne erzählen sie bei Schachtjor auch den Ablauf von Lucescus Hochzeitstag: Morgens war er beim Seminar in der Universität, dann ging's zum Standesamt - und dann schnell mit der Tram zum Länderspiel Rumänien gegen Italien.

Aber nicht nur wegen solcher Geschichten mögen sie Lucescu, Spitzname "Mister", in Donezk sehr. Er gilt als starker Taktiker, Bayern-Trainer Josep Guardiola hat ihn kürzlich als "einen der besten Trainer Europas" bezeichnet. Meistens tritt Lucescu ruhig und gelassen auf, fast schon verschmitzt wirkend unter seinem leicht gelockten grauen Haar. Aber es gab auch einen sehr berühmten Ausraster: Als er seine Mannschaft in einem Spiel gegen Kiew benachteiligt sah, warf er die Mütze auf den Boden und schrie ein "Bravo, Verband!" in die Kamera.

Der Satz wurde im ukrainischen Fußball ein geflügeltes Wort, die Mütze kam ins Vereinsmuseum - und der Vorwurf der Bevorzugung ist in den vergangenen Jahren weniger von Schachtjor als vielmehr in Richtung Schachtjor artikuliert worden.

Dass Mircea Lucescu die Donezker am Ende dieser Saison verlässt, gilt bei ukrainischen Fußball-Beobachtern allerdings als abgemacht. Die politische und die wirtschaftliche Zukunft des Klubs, der aus den Wirren des Krieges in der Ostukraine 1200 Kilometer westwärts nach Lwiw fliehen musste, ist ungewiss, das künftige Engagement von Patron Achmetow ist es ebenso. Außerdem ist es irgendwann auch einfach mal genug.

Und danach? Rumänien, Türkei, Italien? "Fußball ist meine Droge", sagt Lucescu, andererseits: Er ist jetzt 69, hatte 2009 einen Herzinfarkt und 2012 einen schweren Autounfall. Und er reist wirklich sehr gerne.

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Quelle:
SZ vom 17.02.2015
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