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Zum Tode von Don Talbot:Trainer in einer goldenen Ära

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Australiens Meister-Duo: Ian Thorpe und Don Talbot (r.), 2001.

(Foto: Stuart Hannagan/Getty Images)

Don Talbots Einfluss auf die Welt des Schwimmens war enorm, bei der WM 2001 landete Australiens Team unter seiner Anleitung sogar ganz vorne im Medaillenspiegel. Nun ist Talbot im Alter von 87 Jahren gestorben.

Von Saskia Aleythe

Vielleicht wäre Michael Phelps ein bisschen langsamer durchs Wasser gepflügt, hätte es Don Talbot nicht gegeben. Zumindest zu Beginn seiner Karriere. Innere Zweifel waren immer ein Antrieb des US-Schwimmers, aber auch die äußeren konnten ihn motivieren: So klebte an seinem Spind mal ein Zeitungsausschnitt mit einem Zitat des Australiers Talbot, wie die NZZ einst berichtete: Phelps habe bei großen Meisterschaften noch nichts erreicht, hatte Talbot vor der WM 2003 in Barcelona gesagt, dabei war er bereits zwei Jahre zuvor zu WM-Gold über 200 Meter Schmetterling geschwommen. Unerhört! In Barcelona ließ Phelps vier weitere Gold-Medaillen folgen, seine folgende Ausbeute ist unübertroffen.

Der Einfluss von Don Talbot auf die Welt des Schwimmens war enorm, in der Öffentlichkeit trat er meinungsfreundlich auf: Natürlich hatte er großes Interesse daran, dass Ian Thorpe - der unter seiner Anleitung zum dominierenden Freistil-Spezialisten rund um Olympia 2000 in Sydney geworden war - als größter Schwimmer der Geschichte in den Büchern notiert bleibt. Ein bisschen Trashtalk muss da erlaubt sein. 2001 hatte sich die Trainerlegende Talbot den Lebenstraum erfüllt: Australien schlägt den Branchenprimus USA! Bei der WM in Fukuoka landeten seine Athleten und Athletinnen im Medaillenspiegel vor den USA, das war zuletzt bei den Olympischen Spielen 1956 der Fall gewesen. Er hörte auf dem Höhepunkt auf.

Am Dienstag ist Talbot im Alter von 87 Jahren in Gold Coast in Queensland gestorben, er sei friedlich eingeschlafen, teilte sein Sohn Scott mit. Scott Talbot war selber Olympiaschwimmer für Neuseeland, er sagte treffend: Man werde sich an seinen Vater als einen wegweisenden Trainer erinnern, der durch seine Leidenschaft für Australien und das Schwimmen angetrieben wurde.

"Sein Einfluss auf den Sport ist heute noch spürbar", schrieb Ian Thorpe auf Instagram

Tatsächlich waren es dramatische Umstände, die Talbot überhaupt erst zum Schwimmen brachten: 1933 als Sohn englischer Einwanderer geboren, fiel er als Vierjähriger in einen See, sein Bruder rettete ihn damals vor dem Ertrinken. Statt sich fortan vor Wasser zu fürchten, wurde das Schwimmen für Talbot zur Lebensaufgabe, nach Erfolgen in der Jugend verschrieb er sich aber schon mit 23 Jahren dem Anleiten anderer Talente.

Seine Schützlinge brachen in den 1960er Jahren schon Weltrekorde, von 1964 bis 1972 war Talbot zum ersten Mal Nationaltrainer der Australier; verwarf sich dann aber mit der Politik im Land, denn er vermisste die nötige finanzielle Unterstützung für seine professionellen Methoden. Diese machten ihn im Ausland begehrt: Er wurde Nationaltrainer in Kanada und den USA, 1989 war er erneut Trainer der Australier. Es folgte die goldene Ära des australischen Schwimmens, auch weil Talbot mittlerweile an der Gründung des nationalen Sportinstituts mitgewirkt hatte. "Sein Einfluss auf den Sport ist heute noch spürbar", schrieb Ian Thorpe auf Instagram.

Und es waren dann nicht nur die Medaillen, für die Talbot stand: Dopingsünder lehnte er lautstark ab, als vor der WM 1998 vier Chinesinnen aus dem Verkehr gezogen wurden, empfand er Genugtuung. Endlich seien sie "mit der Hand im Marmeladenglas" erwischt worden, sagte er. Nach seiner Karriere irritierte er mit der Aussage, man solle Steroide legalisieren, weil der Sport den Missbrauch nicht in den Griff bekäme.

Talbot galt bei den Trainingsinhalten als kompromisslos, aber als versiert im Umgang mit den Athleten; Teamgeist mache "eine Zehntelsekunde aus". Für seine Sportler kämpfte er auch mal mit allen Mitteln: Als die Australierinnen 2001 ihr WM-Gold über 4x200-Meter-Freistil verloren, weil sie zum Jubeln zu früh ins Wasser gesprungen waren - die Konkurrenz war noch nicht angekommen - sagte Talbot: Die Fotografen hätten sie zum Hüpfen animiert. Bill Sweetenham, Wegbegleiter Talbots und früherer Nationaltrainer, sagte anlässlich seines Todes: "Der Himmel ist jetzt interessanter geworden."

© SZ vom 05.11.2020/chge
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