Domenika Mayer:Meisterin beim ersten Marathon

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Domenika Mayer: Schnellstart: Zur EM-Qualifikation im Marathon hat Domenika Mayer genau einen Versuch gebraucht - bei dem sie in Hannover obendrein deutsche Meisterin wurde.

Schnellstart: Zur EM-Qualifikation im Marathon hat Domenika Mayer genau einen Versuch gebraucht - bei dem sie in Hannover obendrein deutsche Meisterin wurde.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Die Regensburgerin Domenika Mayer, 31, wird bei ihrem ersten Versuch über die 42,195 Kilometer direkt Deutsche Meisterin. Dass die Kommissarin nach einer Corona-Infektion überhaupt starten durfte, erfuhr sie erst wenige Tage vorher.

Von Andreas Liebmann

Hansi und Seppi werden nun keine Gesellschaft bekommen. Das stand schon vor dem Zieleinlauf fest, obwohl Domenika Mayer in diesem Moment deutsche Meisterin wurde. Als ihr das zum ersten Mal gelang, vor zwei Jahren im Cross-Lauf, da bekam sie von ihrem Ehemann und Trainer Christian jene beiden Wellensittiche geschenkt. Am vergangenen Sonntag holte sie den Titel im Marathon - im ersten ihres Lebens. Ihre Belohnung für den Sieg in Hannover wird nun aber keine sein, die zwitschert und Körner durch Gitterstäbe schleudert, auch kein neues Pony, wie die 31-Jährige scherzhaft versichert. Sondern schlicht: ein Startplatz bei den European Championships Mitte August in München. Was ja auch nicht so schlecht ist für die ersten 42,195 Kilometer ihrer Leichtathletik-Laufbahn.

Die Sittiche hatte Christian Mayer seiner Frau damals versprochen, weil er der Auffassung war, dass sie längst das Potenzial für eine deutsche Einzelmedaille haben müsste. Dass sie auch im Marathon bestehen kann, wusste bis vor Kurzem allerdings niemand so wirklich. "Das Hauptziel war Durchkommen", erzählt Domenika Mayer. Über die Zeit machte sie sich weniger Gedanken.

Erst seit diesem Jahr zählt sie zum Marathon-Kader, ihren ersten Versuch über diese Distanz hatte sie sich eigentlich für den Herbst vorgenommen. Doch die Veranstaltung in Hannover war nun eben eine Gelegenheit, sich für die EM in München zu qualifizieren. Also probierte sie es - und schaffte in 2:26:50 Stunden die zwölftbeste Zeit in der ewigen deutschen Bestenliste. Von Anfang an sei es gut gelaufen. Nach 30 Kilometern setzte sie sich von der Berliner Favoritin Rabea Schöneborn ab, nach 40 ließ sie auch die Kenianerin Flomena Ngurais zurück.

Mindestens drei Regensburger haben es im Marathon zur EM geschafft - mit Medaillenchancen

Domenika Mayer ist Polizistin. Polizeihauptkommissarin, um genau zu sein, was nicht ganz unwichtig ist. Denn im gehobenen Dienst gehört sie keiner Sportfördergruppe an, wenngleich ihr Arbeitgeber ihr trotzdem Freiräume schafft für den Leistungssport. Zwei Töchter hat sie, drei und vier Jahre alt, mit denen sie zum Ballett fährt, zum Reiten, zum Kinderturnen - und in die Berge, die die Familie so sehr liebt, dass sie aus Baden-Württemberg in die Oberpfalz gezogen ist, nach Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg.

Domenika Mayers Leben ist also nicht gerade von Langeweile geprägt, zwei Babypausen haben ihre Laufbahn schon unterbrochen, und natürlich gilt sie nun als Spätstarterin. Wobei ihr Erfolg keineswegs aus dem Nichts kommt. Früher gehörte sie der LG Quelle Fürth an, war in Berg- und Crossläufen erfolgreich und hatte das EM-Ticket für München eigentlich eher auf der Bahn anvisiert, über 10 000 Meter, wo ihre Bestzeit bislang bei aussichtsreichen 32:45,81 Minuten liegt. Nun wird es wohl der Marathon werden.

Die ganze Sache ist ein bisschen kompliziert. Auch die Norm für die Weltmeisterschaft in Eugene (15. bis 24. Juli) hat Mayer in Hannover erfüllt, allerdings muss man sich im Marathon entscheiden - WM oder EM, beides ist nicht möglich. Mayer bevorzugt München. Über 10 000 Meter ist dort aber nur noch ein Platz zu vergeben, "das wird schwierig". Und ehe man sich dafür qualifizieren könnte, muss man für den Marathon bereits zu- oder abgesagt haben. Da trifft es sich gut, dass ihre erste Erfahrung mit der neuen Disziplin nicht nur sportlich erfolgreich war.

"Ich habe mir das nie so recht vorstellen können, Marathon zu laufen", sagt Domenika Mayer, "weil der Wettkampf so lange dauert. Aber jetzt hat es so viel Spaß gemacht, schon davor im Hotel - das ist wirklich wie eine große Familie." Dass sie drei Wochen vor dem Rennen eine Corona-Infektion hatte und erst wenige Tage zuvor erfuhr, dass die Ergebnisse ihres Gesundheitschecks einen Start zuließen, machte den Erfolg umso kurioser.

Endgültig kurios ist das Resultat aus Sicht der LG Telis Finanz Regensburg, für die Domenika Mayer startet. Denn mit ihren 2:26:50 Stunden hat sie exakt dieselbe Bruttozeit erreicht wie ihre Vereins- und Trainingskollegin Miriam Dattke, die damit im Februar in Sevilla die deutsche Jahresbestzeit aufstellte. "Sogar die Halbmarathon-Durchlaufzeit war gleich", staunt Mayer. Auch Dattke, 23, ist also für München qualifiziert, auch ihre Zeit stammt aus ihrem ersten beendeten Marathon - nur dass die Jurastudentin zuvor bereits einen Fehlversuch in Valencia hatte, wo sie nach zu schnellem Beginn aufgab.

"Jetzt sind wir stolz, dass es uns gelungen ist, unser kleines Schiffchen so gut nach München zu manövrieren", sagt Regensburgs Sportchef

Auch Kurt Ring betont, dass diese Erfolge nicht aus dem Nichts kämen. Der Regensburger Trainer und Sportchef meint damit die lange Tradition der Regensburger Langstreckenerfolge. "Dahinter steckt jahrelange harte Arbeit." Bei den Männern ist Simon Boch für München qualifiziert, mit etwas Glück könnten noch ein bis zwei weitere Regensburger folgen. Weil es bei der EM eine Teamwertung gibt, hätten sie dort "sehr gute Medaillen-, wenn nicht sogar Titelchancen", glaubt Ring, der Dattke wegen ihrer Jugend als "Künstlerin" kennzeichnet, Mayer als "Kampfsau, die über ihre Grenzen gehen kann".

In Hannover war Simon Boch Domenika Mayers Tempomacher, gab den Takt vor, motivierte, spendete Windschatten. Bochs eigenes Marathon-Debüt, das nur am Rande, fand 2021 in Dresden statt und brachte ihm gleich die Olympianorm. Offenbar eine Spezialität des Vereins, an dem Ring und Mayer gleichermaßen Teamspirit und Gruppendynamik loben. Zweimal pro Woche versucht Domenika Mayer die einstündige Fahrt zum Vereinstraining hinzubekommen, wo sie die Qualität ebenso schätzt wie das Miteinander und die Kompetenz des 73-jährigen Kurt Ring. An einem Standort ohne Halle und mit geringen finanziellen Mitteln hätten sie ihr "Läufernest" gebildet, betont Ring. "Jetzt sind wir stolz, dass es uns gelungen ist, unser kleines Schiffchen so gut nach München zu manövrieren".

Eine weitere Belohnung kann sich Domenika Mayer nach München übrigens doch noch vorstellen. "Mal einen Familienurlaub machen, der nicht zugleich ein Trainingslager ist", sagt sie, das würde ihr gefallen.

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