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Tennis bei den US Open:Die Pfiffe gegen Djokovic sind ungeheuerlich

Novak Djokovic war in New York sichtlich enttäuscht.

(Foto: AFP)

Das Publikum in New York verabschiedet den verletzten Serben im Match gegen Stan Wawrinka auf eine Art, die sich nicht gehört.

Um zu verstehen, wie unsportlich, unverschämt und ungeheuerlich das Verhalten des New Yorker Publikums am Sonntagabend gewesen ist, muss man sich vorstellen, was passiert wäre, wenn der andere verletzt gewesen wäre. Wenn Roger Federer seine Partie gegen David Goffin wegen einer Schulterverletzung hätte abbrechen müssen. Die Leute wären aufgestanden, sie hätten mit Tränen in den Augen applaudiert. Bei Djokovic: Pfiffe, Buhrufe, Beleidigungen. Der Serbe hob beim Hinausgehen sarkastisch den Daumen, es war ihm anzusehen, dass ihn dieser Abschied noch mehr schmerzt als die lädierte Schulter.

Federer ist einer der feinsten und fairsten Sportler der Geschichte, er hat sich die Zuneigung des Publikums verdient. Nur: Djokovic ist kein Schurke. Er hat nicht in die Richtung des Schiedsrichters gespuckt, wie das Nick Kyrgios kürzlich in Cincinnati getan hat. Er hat den Referee nicht bepöbelt wie Stefanos Tsitsipas ("Weil du Franzose bist, und ihr seid alle schräg") bei seiner Erstrunden-Niederlage in New York. Er hat den Leuten nicht den Stinkefinger gezeigt wie Daniil Medwedew. Er war: verletzt, seit Tagen schon. Bereits die Partie gegen Denis Kudla hatte er unter starken Schmerzen absolviert.

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Die New Yorker sind stolz darauf, dass Freundlichkeit nicht zu ihren Primärtugenden gehört und dass sie gerade bei Sportveranstaltungen gerne pöbeln und provozieren, auch und gerade gegen die in New York beheimateten Vereine Knicks (Basketball) oder Giants (American Football). Schon beim Finale im Jahr 2015 haben die Leute nicht nur versucht, Federer zum Sieg zu brüllen - sie haben (erfolglos) probiert, Djokovic zur Niederlage zu lärmen. Das war unsportlich, aber es war nicht unverschämt und ungeheuerlich.

Djokovic hat sich in der vergangenen Woche tadellos benommen, sein einziges, nun ja, Vergehen: Er hat gesagt, dass er den Rekord von Federer für die meisten Grand-Slam-Titel (20) brechen will. Er kann nun erstmal nicht aufholen, wegen einer Verletzung bleibt es vorerst bei 16 Erfolgen. Ihn so zu schmähen ist in etwa so, als würde man einen treten, der wehrlos am Boden liegt. Djokovic beschwerte sich danach nicht über das Publikum, er gratulierte seinem Gegner und entschuldigte sich für das rasche Ende der Partie. Er sagte, und es kann keine bessere Reaktion auf die Pfiffe und Buhrufe geben, dass er sich diesen Rekord dennoch irgendwann sichern wolle.

© SZ.de/jbe
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