Zum Tod von Diego Maradona:Zu viele Geschichten in einem Leben

MARADONA Diego Team SSC Neapel mit Pokal UEFA Pokal Saison 1988 - 1989 Spiel VfB Stuttgart - SSC Neapel 3 : 3 UEFA Poka; Maradona

Wilde Zeiten: Maradona beim SSC Neapel.

(Foto: imago images/Laci Perenyi)

Diego Maradona war der erste Raumdeuter des Fußballs, eine Wucht auf dem Platz - und wurde mit der WM 1986 zur argentinischen Legende. Über einen großen Fußballer, der zwischen Selbstzweifeln und Selbstüberschätzung lebte.

Nachruf von Jonas Beckenkamp

Der große Diego Armando Maradona hat einst in Meppen gespielt, das ist tiefste Fußballprovinz. Und wer in Meppen war, war überall. Glamourös ist zwar anders, aber Job ist eben Job - und so musste die berühmteste Nummer Zehn der Geschichte damals mit dem FC Barcelona für einen Freundschaftskick ins Emsland. Maradona war 21, es war das Jahr 1982 und es war sein erster Auftritt für Barça. Wer sich näher mit ihm beschäftigt (oder damals beim 0:5 dabei war), wird die Geschichte kennen. Man kennt überhaupt viele Geschichten von diesem Menschen, der sein ganzes Leben lang zwischen Kunst und Irrsinn hin- und herdribbelte.

Maradona, die Hand Gottes, Gefeierter und Gescheiterter, er war Argentiniens Nationalheiligtum. Am Mittwoch ist der Weltmeister von 1986 nach einem Herzinfarkt gestorben, wie der argentinische Verband mitteilte. Er wurde 60 Jahre alt. Die argentinische Regierung hat nach der Nachricht eine dreitägige Staatstrauer verhängt.

Von Maradona leben viele Sequenzen weiter in den Köpfen von Millionen Fußballfans. Bilder, die sofort gute Laune machen. Vom rasenden Lockenkopf in den 80ern, von seinen Haken, seinem Instinkt, seiner Dynamik. Seinen endlosen Läufen vorbei an den Raubeinen der Fußballwelt. Ein Mensch, der so begnadet gut kicken konnte, wie fast keiner zuvor. Pelé? Ja mei, auch gut.

Der erste Raumdeuter des Fußballs

Maradonas Werdegang ist viel beschrieben und besungen: Wie er als Arbeiterkind in einem der vielen armen Vororte von Buenos Aires aufwuchs, schon mit 15 Jahren sein erstes Profispiel bestritt; bis hin zu seinem größten Moment: Zwei Treffer im WM-Viertelfinale gegen England machten ihn 1986 zur Legende, auch wegen der Unterstützung seiner linken Hand beim ersten Tor über den Torhüter hinweg. Es macht immer noch Spaß, ihn sich als Fußballer von damals anzuschauen. Auf dem Platz war Maradona eine solche Wucht, dass man es via Youtube kaum begreifen kann. In Barcelona, wo er getreten wurde, dass es heute rote Karten hageln würde. Und vor allem später in Neapel, wo heute noch Häuser mit seinem Konterfei angemalt sind. Oh Mamà Mamà Mamà, Oh Mamà Mamà Mamà, Sai perchè mi batte il Corazon, Ho visto Maradona, Ho visto Maradona, singen sie bis zu dieser Zeit in einer herrlichen Vermischung von Italienisch und Spanisch. Maradona hat Napoli, die geschmähte "Kloake Italiens", zur Meisterschaft geführt. Er allein.

Maradona war der erste Raumdeuter des Fußballs, noch weit bevor es Thomas Müller gab. Beide sollte man nicht vergleichen, schon klar. Bei einer Pressekonferenz viele Jahre später wollte Maradona als Nationaltrainer nicht neben Jung-Nationalspieler Müller sitzen - weil er dachte, der Münchner sei ein Balljunge oder irgendein anderer Wicht.

Kaum ein Fußballer, außer vielleicht George Best, lebte mehr zwischen den Extremen als Diego Maradona. Er ließ sich von Manu Chao ein Lied singen ("Si yo fuera Maradona"), er kokste, er trank, er hinterzog Steuern, er weinte bitterlich, er stürzte tief. Dopingproben schlugen auf Kokain an, er beendete seine Karriere mit 37 Jahren und kam so einer Sperre zuvor. Selbstzweifel und Selbstüberschätzung lagen bei ihm so nah beieinander, dass er ständig von einem ins andere taumelte. Seit vergangenem Herbst arbeitete er wieder als Trainer, diesmal beim Erstligisten Gimnasia y Esgrima La Plata. "Auf dem Platz wird das Leben unwichtig. Die Probleme, all das wird unwichtig", sagte Maradona in der sehenswerten Dokumentation "Diego Maradona" von Regisseur Asif Kapadia.

Maradona hatte es mehrmals geschafft, ein paar Pirouetten um den Tod zu drehen. Es ging ihm merhmals so schlecht, dass er im Blitzlichtgewitter vom Krankenwagen abtransportiert wurde. Er hat sich viel erlaubt, manche finden: zu viel. Unvergessen, wie er mit einem Luftgewehr auf Journalisten schoss, die sein Anwesen belagerten. Wie er bei der WM 2018 in Russland bei Spielen seiner Argentinier taumelnd auf der Tribüne umherpolterte - ein Rückfall in die Drogensucht, so die Vermutung.

In sozialen Netzwerken sah man ihn zuletzt ein vermeintlich normales Leben führen: mit einem Hündchen oder Pelé im Arm, anpackend mit einer Taktiktafel oder mit schräger Corona-Maskierung. "Man muss anmerken, dass er seine Lebenskrise, die da entstanden ist nach dem Fußball, anscheinend gemeistert hat", sagte Günter Netzer anlässlich seines 60. Geburtstags vor wenigen Wochen noch. Für Netzer, der früher auch mal gerne in ein anderes Leben abtauchte, ist Maradona so wie für viele ein Unerklärbarer geblieben. Dabei verstehen sich die Größten eigentlich: "Welch eine traurige Nachricht. Ich habe einen großartigen Freund verloren, die Welt eine Legende. Eines Tages spielen wir hoffentlich gemeinsam Fußball im Himmel", schrieb am Mittwochabend Pelé.

© SZ.de/schm/mane
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