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Tod von Diego Maradona:Trauer um einen, der unsterblich war, bevor er gestorben ist

Für den Rest der Welt war Maradona ein Ausnahmesportler. Für die Argentinier aber war er mehr. Sie beteten sogar zu ihm, aus Spaß, schon klar. Gleichzeitig aber war Maradona immer auch eine ernste Angelegenheit.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Als Maria Inés Altieri von der Katastrophe hörte, war sie gerade in der Küche. Der Fernseher lief, da unterbrach auf einmal das Programm. Eilmeldung. Maradona ist tot. "Da musste ich mich erst mal setzen", sagt Altieri. 68 Jahre ist sie alt, Turnschuhe, Shorts und heisere Stimme, vielleicht wegen all der Tränen heute, vielleicht auch wegen der vielen Zigaretten. Altieri steckt sich gleich noch eine an, zitternde Finger, in der anderen Hand hält sie ihr Taschentuch fest umklammert. An irgendwas muss man sich ja festhalten in solchen Zeiten.

Kurz nach 16 Uhr ist es jetzt und Altieri steht auf der Straße ein paar Blocks entfernt von ihrem Haus in La Paternal, einer ruhigen Gegend im Westen von Buenos Aires. Zweistöckige Häuschen, Autowerkstätten, enge Supermärkte und, natürlich, nur eine Straße weiter im Viertel Villa General Mitre das Stadion "Diego Armando Maradona", die Heimat des Erstligisten Argentinos Juniors, aber auch die Heimat von Maradona. So steht es jedenfalls auf den Plakaten, die sie hier an die Mauern geklebt haben: "Paternal, Tierra de Dios" - also "Paternal, Land Gottes" - wobei sie Dios nicht mit i und o geschrieben haben, sondern mit 1 und 0, D10S, so wie die 10 auf Maradonas Rücken. Stolz blickt er von einem riesigen Wandgemälde ein paar Meter weiter, Kerzen brennen davor, Blumen liegen auf dem Boden und Trikots. Weihgaben für einen, der schon unsterblich war, bevor er überhaupt gestorben ist.

Natürlich habe sie Maradona selbst im Stadion gesehen, sagt Altieri, damals, als er noch bei den Argentinos Juniors gespielt hat. "Vier Tore hat er da gemacht, in einem Spiel - und das auch noch gegen Boca!" Kurz darauf lief Diego dann selbst mit dem blau-gelben Trikot von Boca auf, der Verein hatte ihn verpflichtet, von da an ging es immer weiter, Maradona wurde zum Weltstar, zum Diego, zu D10S. Doch jetzt ist er tot, gestorben an einem Herzinfarkt, nur wenige Wochen nach seinem 60. Geburtstag.

Maradonas Tod hat Argentinien in einen Schockzustand versetzt

Ganz überraschend sei der Tod natürlich nicht gewesen, sagt auch Altieri. Krank war Maradona schon lange, manchmal sogar auch schon halb tot. Immer wieder war er im Krankenhaus, das letzte Mal erst vor ein paar Wochen wegen einer Operation am Kopf. "Trotzdem", sagt Altieri und schüttelt den Kopf. "Niemand ist doch vorbereitet auf so etwas, oder?"

Tatsächlich hat die Nachricht von Diego Maradonas Tod Argentinien in eine Art Schockzustand versetzt. Für den Rest der Welt mag Maradona ein Ausnahmesportler gewesen sein, ein Jahrhunderttalent, und ja, vielleicht sogar der beste Fußballspieler der Welt. Für die Argentinier aber war er mehr. Sie campierten vor seinem Haus, wenn er krank war, ließen sich sein Konterfei tätowieren, widmeten ihm Lieder und Stadien oder beteten sogar zu ihm, aus Spaß, schon klar, gleichzeitig war Maradona aber auch immer eine ernste Angelegenheit.

Und so steht jetzt nicht mehr die aktuelle Verkehrssituation auf den digitalen Anzeigentafeln, die es überall in Buenos Aires gibt. Stattdessen: "Gracias Diego", danke Diego. Wofür, das kann jeder selbst entscheiden. Trikots und argentinische Fahnen hängen aus den Fenstern und von Balkonen in der Stadt, die Fernsehkanäle bringen seit Stunden Sondersendungen und das Radio spielt Lieder wie "Capitán Pelusa" von Los Cafres: "Deine Fans zweifeln nicht an dir, sie ärgern sich nicht und warten auf dich."

Im Zentrum von Buenos Aires, heißt es, seien nach der Nachricht von Maradonas Tod Büroangestellte auf die Straße gelaufen, als habe gerade ein Erdbeben das Land erschüttert. Spontan entstanden überall kleine Altäre, vor dem Stadion "Diego Armando Maradona" genauso wie in der Bombonera, wo die Boca Juniors spielen. Eigentlich wäre heute eine Partie gegen Internacional Porto Alegre in Brasilien auf dem Plan gestanden. Das Spiel aber wurde verschoben. Wer kann an Fußball denken, wenn Diego Maradona stirbt?

In Villa Fiorito, einem Armenviertel südlich der Hauptstadt, pilgerten Fans zu dem schäbigen Häuschen, in dem Maradona und seine Geschwister aufgewachsen sind. Und in Tigre, auf der anderen Seite, im reichen Norden, drängten sich Kamerateams vor dem Eingang jener noblen, eingezäunten Villensiedlung, in der Maradona nun gestorben ist.

Maradona war ein Kämpfer, einer der nicht aufgibt. Vielleicht trifft sein Tod die Argentinier auch deshalb jetzt so hart: Einen wie ihn hätten sie gerade gut brauchen können. Etwa 230 Tage stand Argentinien wegen des Coronavirus unter Quarantäne, einen großen Teil davon im strengen Lockdown, nicht mal Spazierengehen war erlaubt. Jetzt sinken die Infektionszahlen endlich wieder, die Wirtschaft aber erlebt gleichzeitig den schlimmsten Absturz, den es in der ohnehin schon von Krisen geschüttelten Geschichte des Landes je gab. 40 Prozent der Argentinier leben schon jetzt unter der Armutsgrenze, die Inflation steigt und steigt und jetzt auch noch das: Gott ist tot.

"Diego ist nicht tot, Diego ist nicht tot"

"Wie es mir geht?", fragt Lucas Andrago. Was für eine Frage! "Beschissen natürlich!" 36 Jahre alt ist Andrago, blau-weißes Trikot der argentinischen Nationalelf und Bierdose in der Hand. Zusammen mit ein paar Kumpels ist er zur Avenida 9 de Julio gekommen, der Prachtstraße im Zentrum von Buenos Aires, Glanz und Gloria vergangener Zeiten, als Argentinien noch eines der reichsten Länder der Welt war. Nun ist hier Verkehrschaos, zusammen mit Andrago sind noch ein paar Hundert weitere Maradona-Fans gekommen und ständig werden es mehr. "Diego ist nicht tot, Diego ist nicht tot" singen sie, und dass er verdammt noch mal im Herzen des Volkes weiterlebt.

Seit er denken könne, sei Diego immer da gewesen, sagt Andrago. "Mit meinem Vater haben wir die Spiele im Fernsehen gesehen, auch die alten, auf Video, immer wieder." Für viele Argentinier war Maradona genau das: Nicht nur ein Fußballspieler, sondern ein Teil ihres Lebens und der nationalen argentinischen Identität. Das Viertelfinale bei der WM 1986 könne er darum auch auswendig, sagt Andrago, so oft habe er es gesehen. Maradona schoss damals ausgerechnet England vom Platz, jenes Land, gegen das Argentinien nur vier Jahre zuvor den Krieg um die Falklandinseln verloren hatte. Zwar musste er beim ersten Tor mit der Hand nachhelfen, beim zweiten aber umspielte er ein halbes Dutzend englischer Spieler im Alleingang. Als Argentinien dann auch noch das Finale gegen Deutschland gewann, waren die düsteren Jahre der argentinischen Diktatur und die katastrophalen Wirtschaftsprobleme für einen kurzen Moment vergessen. Argentinien war Weltmeister. Und Diego wurde zum "Dios".

Dass er es auch blieb, trotz aller Skandale, Drogenprobleme, Dopingsperren, Exzesse und Ausrutscher, war am Ende vielleicht seine größte Leistung - und der größte Liebesbeweis seiner Fans. "Fehler? Was für Fehler?", fragt Andrago. "Maradona hat vielleicht nicht immer alles richtig gemacht, aber dafür lieben wir ihn umso mehr."

Drei Tage Staatstrauer hat der argentinische Präsident nun angeordnet. Keine öffentlichen Feiern, alle Fahnen auf Halbmast. Nach einigem Hin und Her wird der Leichnam auch nicht in einem Fußballstadion aufgebahrt, sondern in der Casa Rosada, dem argentinischen Präsidentenpalast im Zentrum von Buenos Aires. 48 Stunden lang dürfen Fans sich von ihrem Idol verabschieden, vorsichtige Schätzungen sagen, dass bis zu einer Million Menschen kommen könnten.

Ein bisschen abseits des Gedränges auf der 9 de Julio sitzt eine Frau auf einem Mäuerchen mit einem gerahmten Bild von Maradona. Ihr Name tue nichts zu Sache, sagt sie, schließlich gehe es hier heute nicht um sie, sondern um Maradona. Vor langer Zeit habe sie das Bild von ihm mal in einem Trödelladen gekauft. "Ich bin ein Fan von Maradona, aber nicht wegen seiner Beine, sondern wegen seines großen Herzens", sagt sie und dass sie das Bild heute mitgenommen habe, um sich zu verabschieden. "Danach hänge ich es wieder zurück in meine Küche." Ob sie denn nun, wo Diego tot ist, eine Kerze unter das Bild stellen werde? Quatsch, sagt die Frau, an so etwas glaube sie nicht. Wer braucht Gott, wenn es D10S gibt?

© SZ/jobr/cat
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