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Diego Maradona:Maradona am Gehirn operiert - Argentinien betet für "D10s"

Supporters of former Argentine soccer player Diego Maradona remain outside the Ipensa clinic pending his health after h

Mahnwache für den kranken Helden: Fans vor dem Hospital in La Plata, in dem Diego Maradona seit Montag behandelt wird.

(Foto: Demian Alday Estevez/Imago)

Zu starke Medikamente, zu viel Alkohol? Kurz nach seinem 60. Geburtstag wird die Fußball-Ikone in eine Klinik gebracht - sein Arzt sagt, die OP sei gut verlaufen.

Von Javier Cáceres

Am Dienstag erschien das argentinische Sportblatt Olé mit einer Schlagzeile auf der Frontseite, die so lautete wie der Titel einer Ballade des örtlichen Rockstars Charly García: "Rezo por vos" - "Ich bete für dich". Die Fürbitten galten keinem Geringeren als "D10s", wie sie ihn in Argentinien nennen, dem "Dios" (Gott) mit der früheren Rückennummer 10 alias: Diego Armando Maradona.

Am Montag, nur drei Tage nach seinem 60. Geburtstag, wurde er in La Plata, 60 Kilometer von der Hauptstadt Buenos Aires entfernt, in ein Privatkrankenhaus eingeliefert. Das generierte den ganz normalen Wahnsinn: Maradona-Gläubige begaben sich vor das Spital, schwenkten Fahnen, sprangen, schrien, sangen Lieder, so alt wie der Hit von García, bangten, hofften. Mit Erfolg, offenbar: Am Dienstag hieß es zunächst, Maradona gehe es besser, er sei schon wieder zu Scherzen aufgelegt.

Doch am Abend meldete der TV-Sender TyC, Maradona müsse wegen eines Subdural-Hämatoms - einer Blutung zwischen harter Hirnhaut und Gehirn, in der linken Kopfhälfte - einer sofortigen Operation unterzogen werden. Maradonas Arzt Leopoldo Luque, ein Neurochirurg, bestätigte am Dienstag, dass bei einer Computertomographie ein wachsendes Gerinnsel entdeckt wurde, das vor einem Monat bei einer ähnlichen Untersuchung nicht festgestellt worden war. Die Operation dauerte etwas länger als eine Stunde, "Diego hat den Eingriff gut vertragen, er ist schon wach. Es geht ihm gut", sagte Luque nach der OP. Seit Wochen lebt Maradona in seinem Haus in La Plata, fern der Familie; auch Argentinien ist fest im Griff der Pandemie, und das Virus macht wahrscheinlich auch nicht vor irdischen Gottheiten halt.

Maradona wirkte blass und schwach

Dass Maradona in einem wenig erstrebenswerten Zustand ist, war an seinem Geburtstag zu sehen. Er wurde zum Stadion der Mannschaft gekarrt, die er gerade trainiert, Gimnasia y Esgrima La Plata, er trat aus dem Maul einer aufblasbaren Wolfspuppe, des Maskottchens des Klubs, und grüßte auf dem Rasen virtuelle Fans. Er ging schweren Schrittes, "wie eine Statue mit tönernen Füßen und zerstörten Knien", schrieb die Zeitung La Nación. Über das Wochenende spitzte sich die Lage so zu, dass er seiner Einlieferung ins Hospital zugestimmt habe, berichtete sein Arzt Luque - aber natürlich erst, nachdem er sich stilecht geweigert hatte: "Hör auf, mir die Eier aufzublasen!"

Man wolle ihn gründlich durchchecken, ergänzte Luque und betonte, es gebe keinen Anlass zur Beunruhigung. Das aber heißt wohl nur, dass es nicht so arg ist wie in jenen Tagen, da man Maradona schon die letzte Ölung verabreichen wollte. Letztmals kursierte ein Gerücht von seinem Tod im August 2018.

Das Problem sei gewesen, dass Diego gedrückter Stimmung gewesen sei, sagte sein Arzt. Das habe dazu geführt, dass er sich nicht vernünftig ernährt und unter Blutarmut gelitten habe. Seine Tochter Dalma wetterte aber nicht von ungefähr über die "Blutsauger", die ihn umgeben. Als am Freitag die Stadionbilder von Maradona im TV-Studio eingespielt wurden, brach die aktuellste in der Saga der Maradona-Verflossenen, Rocío Oliva, vor laufender Kamera in Tränen aus.

Schon seit Jahren nimmt Maradona viele und wohl auch starke Medikamente

Sein Arzt sagte, die ganze letzte Woche sei für Maradona emotional enorm belastend gewesen. Das klingt plausibel. Weltweit wurde an sein biblisch anmutendes Fußball-Leben erinnert - an die Tage, da er den Himmel berührte, ebenso wie an die Tage, an denen er mit beiden Beinen in der Hölle stand. Hier der WM-Titel 1986 mit seinen beiden mythischen Toren gegen die Engländer, dementgegen sein Dopingfall von 1994. Hier die Titelgewinne mit dem SSC Neapel, dort die Enthüllung seines Kokain-Konsums. Er gilt zwar als Ex-Junkie, das Kokain, das ihn so brutal aus der Bahn geworfen hatte, habe er schon länger nicht mehr angerührt, heißt es. Aber das heiße nicht, dass er frei sei von Drogenkonsum.

Schon seit Jahren nimmt Maradona viele und wohl auch starke Medikamente, und dass er die Pillen mit Alkohol runterschluckt, gehört zu den Geschichten, die erklären, warum er etwa bei der WM 2018 seine Aussetzer auf der Ehrentribüne hatte. Am Montag sprach das Umfeld Maradonas öffentlich über dessen Pharmakonsum. Man wolle die Medikamentierung neu justieren, sagte Luque. Rocío Oliva ging weiter: Sie erklärte nicht nur, dass Maradona alkoholabhängig sei. Sie spekulierte auch, dass er auf Entzug gesetzt habe werden müssen. Und sie wehrte sich gegen die Behauptung, sie habe Diego das Herz gebrochen.

Maradona sollte mehrere Tage in der Klinik bleiben, und danach in sein Haus zurückkehren. Nun also die Operation. Und so ist es wohl nicht unangebracht, dass jene, die dazu die Kraft und die Überzeugung haben, tatsächlich für D1os beten - welchem Gott auch immer sie huldigen mögen.

© SZ vom 04.11.2020/tbr
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