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Die Torwart-Debatte:Köpke der Neuzeit

Robert Enke beherrscht das moderne Torwart-Spiel in allen Facetten, macht die wenigsten Fehler - und könnte ein schlüssiger Kandidat des Übergangs sein.

Christof Kneer

Als Andreas Köpke das sechste und letzte Mal in seiner Karriere abstieg, stieg Robert Enke gerade das erste Mal ab. Am 34. Spieltag der Saison 1998/99 verlor Nürnberg mit dem Torwart Köpke 1:2 gegen Freiburg, und Mönchengladbach mit dem Torwart Enke unterlag Dortmund 0:2. Für die längst abgeschlagenen Gladbacher war diese Niederlage nur noch Vollzug, für Nürnberg war sie eine inzwischen legendäre Katastrophe. Der Club hatte mal wieder was gekonnt, was außer dem Club keiner kann, er war abgestiegen, ohne in Abstiegsgefahr zu sein, punkt- und torgleich mit der Frankfurter Eintracht (mit der Köpke drei Jahre zuvor abgestiegen war). Dabei hatte Köpke mit Nürnberg nur 50 Tore kassiert. Enke kassierte 79.

In vielerlei Hinsicht ein Wiedergänger Köpkes: Der Towart von Hannover 96, Robert Enke.

(Foto: Foto: ddp)

Es wäre etwas kühn zu behaupten, dass sich damals, im Mai 1999, entschied, wer bei der WM 2010 das deutsche Tor bewacht. Aber damals entstand ein Gefühl, das mit den Jahren größer und mächtiger wurde, und inzwischen hat sich diese frühe Regung zu einer stabilen Stimmungslage ausgewachsen, die tatsächlich über den WM-Torwart entscheiden könnte.

Andreas Köpke erkennt sich in Robert Enke wieder, denn Köpke hat all die Debatten, mit denen Enke schon gequält wurde, einst selbst durchlitten: zu klein, zu alt, zu wenig internationale Erfahrung, zu viele Gegentore. Aus seiner eigenen Biographie liest Köpke heraus, dass man auch als Keeper aus Frankfurt (vulgo: Hannover) Nationaltorwart sein kann und dass man ruhig auch 32 Jahre alt sein darf wie Köpke damals (und Enke heute), wenn man ins DFB-Hemd mit der Nummer eins schlüpft.

Jenseits der biographischen Details enden aber die Parallelen zwischen dem DFB-Torwarttrainer und seiner frisch erklärten Nummer eins, fürs Land muss das kein Nachteil sein. Köpke war ein grandioser Linien- und Reaktionstorwart, ein später Vertreter seiner Zeit. Enke ist ein Torwart der Neuzeit. Er beherrscht das moderne Spiel seriös und in allen Facetten, und von allen Kandidaten ist er derjenige, der auf hohem Niveau die wenigsten Fehler macht.

So könnte am Ende also eine weitere Parallele im Lebenslauf hinzukommen: Wie Köpke, so könnte auch Enke ein schlüssiger Kandidat des Übergangs sein. Nach Köpke übernahm Oliver Kahn, und nach Enke dürfte ebenfalls eine neue Ära anbrechen. Dank Enke kann der DFB nun aber in Ruhe abwarten, ob die Ära auf den Namen Adler oder Neuer hört.

© SZ vom 29.08.2009/dop

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