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Die Niederlande vor der EM:Holland probt den "voetbal rationaal"

Von der Ästhetik zur Effizienz: Die niederländische Nationalmannschaft vertraut bei der EM auf die eigene Stärke und vertieft ihre mittlerweile deutlich sachlichere Ausrichtung. Fraglich bleibt, ob Trainer Bert van Marwijk im Angriff eher auf Robin van Persie oder Schalkes Klaas-Jan Huntelaar setzt - im Mittelfeld fehlt noch ein Partner für Mark van Bommel.

In München haben die Niederländer schon mal ein WM-Finale verloren (1974), sie haben dort auch mal ein EM-Finale gewonnen (1988). Es wäre nun übertrieben, die Erfahrungen, die das Team 2012 in München gesammelt hat, mit den Erfahrungen von damals zu vergleichen, aber Wesley Sneijder machte immerhin ein bedeutungsschweres Gesicht, als er durch die Interviewzone gelaufen kam. "Really ridiculous" sei das gewesen, wirklich lächerlich, sagte er, aber er meinte nicht die 2:3-Niederlage. Er meinte das Spiel als solches. Die Niederländer hatten auf diese Partie so viel Lust wie die Bayern, und die hatten auf diese Partie so viel Lust wie auf ein Elfmeterschießen. Die Vorbereitung auf die EM laufe gut, berichtete Sneijder noch, abgesehen eben von diesem Spiel, für das sie extra ihr Trainingslager in Lausanne verlassen mussten. Die Niederlage? Ach, sagte Sneijder und lächelte.

Bert van Marwijk

Bondscoach Bert van Marwijk gibt die Richtung vor - nur wohin geht es mit dem Spiel der Holländer?

(Foto: dpa)

Nicht einmal in der stets zur Hysterie neigenden Fußballwelt käme jemand auf die Idee, die Partie in München als Vorspiel für das EM-Vorrundenduell zu werten, das am 13. Juni in Charkow ausgetragen wird. Dort werden die Niederländer einer deutschen Elf begegnen, die zu erheblichen Teilen aus Bayern besteht, aber nach Quervergleichen stand keinem der Sinn. Um zu wissen, dass die Deutschen gut seien, hätte man dieses Spiel nicht gebraucht, sagte Torschütze Klaas-Jan Huntelaar - und fügte an: "Aber wir sind auch gut." Die Niederländer diskutieren noch nicht über Lahm oder Kroos, sie diskutieren noch über sich selbst.

Van Persie oder Huntelaar?

Das können sie besser als jede andere Nation, aber zurzeit verlaufen die Debatten fast unverschämt sachlich. Es werden keine Glaubenskämpfe mehr geführt, es geht nicht mehr ums großes Ganze. Der undogmatische Trainer Bert van Marwijk hat es geschafft, dass kein ehemaliger Nationalspieler und kein TV-Experte die Rückkehr zum heiligen 4-3-3-System fordert. Ob er vom legendären voetbal totaal beeinflusst sei, wurde van Marwijk kürzlich gefragt. Seine trockene Antwort: "Was ist das? Fragen Sie mal die Spieler. Sie wissen es nicht."

Aber die Niederlande wären nicht die Niederlande, wenn in den Alltagsdebatten nicht noch ein Zipfelchen vom theoretischen Überbau nachweisbar wäre. Zwei Personalentscheidungen treiben die Nation um, es geht um die alte Frage "Ästhetik oder Effizienz". Wer wird die einzige Spitze: Robin van Persie (Ästhetik) oder Huntelaar (Effizienz)? Und wer wird der zweite Sechser neben Mark van Bommel: Nigel de Jong, was ein effizient beängstigendes Duo ergäbe - oder Rafael van der Vaart, der ein ästhetischer Abräumer wäre? Derzeit sieht es so aus, als bekämen die Ästheten ihren van Persie und die Freude der Effizienz ihren de Jong.

Wenn er diese lässige Überparteilichkeit durchhält, muss für Bert van Marwijk bald ein neuer Slogan erfunden werden: voetbal rationaal.

© SZ vom 24.05.2012/jbe

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