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Leitwölfe der Bundesliga:Getackert mit der Heftmaschine

Matthias Sammer? Stefan Effenberg? Oder gar Fritz Walter? Wer sind eigentlich die Führungsspieler früherer Tage, von denen Ex-Keeper Oliver Kahn die ganze Zeit spricht? Die größten Leitwölfe der Bundesliga-Geschichte.

Thomas Bierling

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Fussball UEFA Championsleague FC Bayern Muenchen - FC Zuerich, 17.08.2011

Quelle: GES-Sportfoto

Matthias Sammer? Stefan Effenberg? Fritz Walter? Wer sind eigentlich die Führungsspieler früherer Tage, von denen Ex-Keeper Oliver Kahn die ganze Zeit spricht? Die größten Leitwölfe der Bundesliga-Geschichte. In Bildern.

Oliver Kahn hatte lange genug zugesehen. All diese "modernen Führungsspieler" mit ihren "flachen Hierarchien" und diesen "Kompromissen". So etwas hatte es unter ihm nicht gegeben. Aber wer hat den letzten internationalen Titel der Bayern quasi im Alleingang gewonnen? Richtig, Oliver Kahn. Also forderte er in einem Internet-Blog kürzlich die Reinkarnation des Leitwolfs, insbesondere für den FC Bayern, wo Philipp Lahm (rechts im Bild) und Bastian Schweinsteiger in seinen Augen eine Kuschelherrschaft errichtet haben.

Das kam in München natürlich weniger gut an. Schweinsteiger erinnerte seinen alten Kollegen prompt daran, wie er selbst Kritik von Außenstehenden empfunden hat. "Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass Oliver Kahn früher nichts mehr gehasst hat als Kritik von Ex-Kollegen, die über die Medien ausgeübt wird." Und Kapitän Lahm legte nach: "Was ein ehemaliger Spieler sagt oder in einem Blog schreibt, das interessiert uns nicht, das interessiert Bastian nicht, das interessiert die Mannschaft nicht."

Trotzdem wird seitdem überall über Führungsspieler diskutiert - und sämtliche Leitwölfe früherer Tage melden sich entweder zu Wort oder es wird an ihre heroischen Taten erinnert. Wer mitreden will: sueddeutsche.de hat die wichtigsten Führungsspieler der Bundesliga gesammelt.

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Leitwölfe der Bundesliga:Oliver Kahn

Torwart Oliver Kahn (Bayern) versus Stephane Chapuisat (BVB)

Quelle: imago sportfotodienst gmbh

"Leitwolf wird man nicht einfach so": Dieser Satz könnte als Lebensmotto von Oliver Kahn durchgehen. Um vom Rudel als Leitwolf akzeptiert zu werden, muss man sich schließlich durchbeißen. Im Fußball wird dies meist metaphorisch verstanden: Bei Rangstreitigkeiten werden vor den Fernsehkameras die Zähne gebleckt, auch darin war Oliver Kahn sehr gut, man denke an seine Brandrede über "Eier".

Doch Kahn war eher der Vertreter des animalischen Führungsstils. Konflikte wurden nicht lange breitgequatscht, sondern handgreiflich gelöst. Gegenspieler wurden reihenweise durchgerüttelt, Thomas Brdaric hatte nach eigener Aussage sogar "Todesangst". Als der Dortmunder Heiko Herrlich Kahn ins Tor schubsen wollte, schnappte der Keeper mit den Zähnen wild nach Herrlichs Ohr. Auch die eigenen Teamkollegen waren nicht sicher: Nach einem Tor brach er Mark van Bommel beim Jubeln die Nase - was für ein Leitwolf! Irgendwie verständlich, dass sich Kahn an zart besaitete Vertreter wie Philipp Lahm oder Bastian Schweinsteiger erst gewöhnen muss.

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Leitwölfe der Bundesliga:Matthias Sammer

Sammer gegen Mönchengladbach

Quelle: SZ

Damals, als Matthias Sammer noch bei Borussia Dortmund kickte, sang die Dortmunder Kurve gerne: "Gegen Sammer habt ihr keine Chance." Der willensstarke Dresdner spielte als erster DDR-Nationalspieler auch in der DFB-Elf, mit der er 1996 Europameister wurde. Nicht nur wegen seiner Haarfarbe galt er immer schon als Feuerkopf, der aufbrausend reagieren konnte. Sammer legitimierte seine Führungsrolle mit seinem Einsatz, ohne Rücksicht auf den eigenen Körper. In einem Spiel gegen Borussia Mönchengladbach platzte seine Augenbraue, das Blut durchtränkte sein Trikot. Mit einer Heftmaschine wurde seine Augenbraue wieder zugetackert - ohne Betäubung, weil er unbedingt weiterspielen wollte.

Erst als sein Körper im Jahr 1998 nach einer Bakterieninfektion im Knie streikte, musste er seine Karriere beenden. Kein Wunder, dass Sammer viel Verständnis für die harschen Worte von Oliver Kahn aufbringt: "Ich folge Oliver Kahn inhaltlich zu 100 Prozent", sagte Sammer, "und ich bin froh, dass ein sehr wichtiges Thema im Fußball in den Mittelpunkt rückt." Einer Unterstützung können sich frühere Leitwölfe schließlich sicher sein: Der von anderen früheren Leitwölfen.

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Leitwölfe der Bundesliga:Stefan Effenberg

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Quelle: AP

Stefan Effenberg wurde als Spieler "Tiger" genannt, spätestens seit er sich einmal das Gesicht einer Raubkatze auf den Hinterkopf rasieren und färben ließ. "Das ist das schönste Image, das ich je hatte. Der Tiger, ein starkes und dominantes Lebewesen, das gefällt mir", sagte Effenberg zufrieden. Schließlich hatte man ihn zuvor mit anderen Bildern assoziiert, beispielsweise mit seinem "Effe-Finger", den er bei der WM 1994 gegen die deutschen Fans erhob.

Seine Karriere in der Nationalmannschaft war damit vorüber, besser lief es bei den Bayern, mit denen er 2001 die Champions League gewann. In München konnten sie mit Effenbergs vorlauter und herrischen Art umgehen. Einmal sagte er: "Ich habe ein verflucht großes Problem. Ich bin immer ehrlich." Ein echter Leitwolf. Und natürlich auch ein Tiger.

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Leitwölfe der Bundesliga:Harald Schumacher

Schumacher gegen Battiston

Quelle: imago sportfotodienst

Harald "Toni" Schumacher (im roten Trikot) ist der bislang einzige Leitwolf, der eine mittelschwere Staatskrise zwischen zwei Ländern ausgelöst hat. Im WM-Halbfinale 1982 in Spanien lief die 57. Minute, Schumacher stürmte aus seinem Tor, um eine lange Flanke vor dem Franzosen Patrick Battiston abzufangen. Doch Schumacher sprang früh ab, der Franzose war vor ihm am Ball, Schumacher traf ihn aus vollem Lauf mit dem rechten Ellenbogen und der Hüfte. Battiston verlor zwei Zähne und brach sich einen Halswirbel.

Die Franzosen rannten schockiert zu ihrem regungslosen Mitspieler, Schumacher hingegen stand ungerührt neben seinem Pfosten und kaute Kaugummi. L´Equipe schrieb später: "Toni Schumacher, Beruf Unmensch". Weil alte Abneigungen gegenüber Deutschland wieder hervorkamen, gaben Frankreichs damaliger Präsident Francois Mitterand und Bundeskanzler Helmut Schmidt gar eine gemeinsame Presseerklärung heraus, um die Wogen zu glätten. Schumacher war es egal: Im Elfmeterschießen hielt er die entscheidenden beiden Elfmeter und sagte danach über Battiston: "Wenn es nur die Jacketkronen sind, die bezahle ich ihm gerne."

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Leitwölfe der Bundesliga:Fritz Walter

FRITZ WALTER GESTORBEN

Quelle: DPA

Fritz Walter (rechts im Bild) war kein Leitwolf im klassischen Sinne. Natürlich nicht. In den fünfziger Jahren führte er den 1. FC Kaiserslautern und die deutsche Nationalmannschaft zwar wie kein Zweiter zu diversen Titeln, jedoch eher mit bestimmter Autorität, statt mit Schreianfällen und Brutalofouls. Dafür war der "alte Fritz" viel zu nett.

Beispielhaft steht dafür eine Szene aus dem Film "Das Wunder von Bern": Da lag der spätere WM-Held Helmut Rahn nach durchzechter Nacht in seinem Bett, stockbesoffen und nicht in der Lage, am nächsten Training teilzunehmen. Fritz Walter saß an Rahns Bett - und die Situation hätte durchaus einen Ausraster gerechtfertigt: Schließlich hatte sich Rahn mitten in der laufenden WM aus Frust die Kante gegeben, sein Kapitän hätte ihn maßregeln und zurechtstutzen können. Doch was machte Walter? Er saß seelenruhig an Rahns Bett und fragte besorgt: "Was hascht dann du dir dodebei eigentlisch gedenkt?" Wer kein Pfälzisch versteht: "Was hast du dir dabei denn gedacht?" So reagiert ein besorgter, väterlicher Freund. Jedoch kein zähnefletschender Leitwolf.

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Leitwölfe der Bundesliga:Lothar Matthäus

GARCIA ASPE MATTHAUS

Quelle: AP

Wenn es um Führungsspieler geht, fällt auch der Name Lothar Matthäus. Zugegeben, er war Kapitän der Weltmeistermannschaft von 1990, Uefa-Cup-Sieger 1996 und vielfacher Deutscher Meister - aber als es Zeit war, voranzugehen, kniff er meist. Im WM-Finale sollte er als Kapitän eigentlich selbst den Elfmeter treten. Doch weil Matthäus in der Halbzeitpause seine Schuhe wechseln musste und er sich "als Fußballer in neuen Schuhen nicht sicher" gefühlt hat, ließ er Andreas Brehme den Vortritt.

Ähnlich lief es im Champions-League-Finale 1999, das die Bayern durch zwei Tore in letzter Minuten verloren. Matthäus hatte sich damals in der 80. Minute auswechseln lassen. Stefan Effenberg verstand die Welt nicht mehr: "Wir führten 1:0 und mussten das Spiel nur noch über die Zeit bringen. Wie kann man sich da als Libero auswechseln lassen? Da müsste ich mir schon ein Bein gebrochen haben." Vom Selbstverständnis her hatte Matthäus alle Anlagen zum Führungsspieler. Für einen Leitwolf besaß er jedoch die seltene Gabe, sich in Drucksituationen zurückzuziehen.

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Leitwölfe der Bundesliga:Uli Hoeneß

FC Bayern Muenchen v FC Zurich - UEFA Champions League Play-Off

Quelle: Bongarts/Getty Images

Natürlich, Uli Hoeneß war schon als Spieler eine echte Persönlichkeit. Ein Leitwolf jedoch? Nun ja. Richtig in Fahrt kam Hoeneß als Funktionär. Nachdem er wegen einer Knieverletzung seine Karriere früh beenden musste, wurde er mit nur 27 Jahren jüngster Bundesliga-Manager aller Zeiten und machte den FC Bayern zum sportlichen und wirtschaftlichen Marktführer in Deutschland. Als "Abteilung Attacke", die Hoeneß verkörperte, trug er gerne verbale Provokationen vor.

Legendär sind vor allem seine  Duelle mit Intimfeind Christoph Daum in den Achtzigern und im Jahr 2000, als es um Daums Drogenkonsum ging. Wenn immer es ihm nötig erschien, meldete sich Hoeneß in Interviews zu Wort - und konnte sicher sein, dass sein Klagen gehört wird. Als Präsident wollte es Hoeneß seit 2010 eigentlich gemächlicher angehen lassen. Es gelingt ihm manchmal, jedoch beileibe nicht immer.

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Leitwölfe der Bundesliga:Mark van Bommel

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Quelle: AFP

Für ihn hatte Trainer-Legende Ottmar Hitzfeld eigens einen neuen Begriff im deutschen Fußball eingeführt: den "Aggressive Leader". Mark van Bommel erhielt diesen Titel 2007 nach dem Spiel des FC Bayern gegen Real Madrid. Ein Jahr zuvor hatte der Niederländer noch für den FC Barcelona gegen Madrid gespielt, weswegen ihn die Fans gehörig auspfiffen. Der Holländer freute sich darüber so sehr, dass er sich nach seinem Tor für die Bayern nachträglich mit einem zweifach angedeuteten "Stinkefinger" revanchierte. Die Kritik war groß, doch Hitzfeld nahm van Bommel in Schutz und Bayern kam nach dem Rückspiel eine Runde weiter.

Seitdem wollten viele Mannschaften einen "Aggressive Leader" in ihren Reihen haben, einen unangepassten Aggressivling, der angriffslustig und provokant auftritt. Beim FC Bayern wollten sie van Bommel irgendwann trotzdem nicht mehr, schoben ihn zum AC Mailand ab und übergaben Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm das Kommando. Die sind gewiss auch "Leader", jedoch nicht so aggressiv. Das muss van Bommel nicht verstehen.

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Leitwölfe der Bundesliga:Jens Jeremies

Jens Jeremies gegen Patrick Vieira

Quelle: SZ

Jens Jeremies (hinten im Bild) spielte zu einer Zeit im defensiven Mittelfeld, als weniger der strategische Part, jedoch Rennen, Beißen und Zerstören im Vordergrund standen. Jeremies gehörte darin eindeutig zu den Besten. Sein Spiel war ein einziger Dienst für die Mannschaft, ohne Allüren, ein bedingungsloser Kämpfer, der mit seinem Einsatz der Mannschaft ein Gesicht gab. Mit der Bayern gewann er sechs deutsche Meisterschaften, die Champions League und stand mit der deutschen Nationalelf im Finale der WM 2002.

Sogar der Vorreiter des modernen zentralen Mittelfeldspielers, der Franzose Patrick Vieira, musste Jeremies Respekt zollen: Jeremies krachte dem Franzosen im Spiel aus vollem Lauf in die Beine und gab ihm anschließend den Rat: "Siehst du die Mittellinie? Kommst du drüber, macht es aua! Hier drüben aua, da drüben gut!". So übermittelte es zumindest Mehmet Scholl. Jeremies war ganz sicher ein Leitwolf - wenn auch auf seine ganz eigene Art.

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Leitwölfe der Bundesliga:Michael Ballack

EURO 2008 - Deutschland - Türkei

Quelle: dpa

Und natürlich, ohne Michael Ballack (rechts im Bild) wäre diese Liste unvollständig. Zu Beginn seiner Karriere galt Ballack noch als Fußball-Beau, Weichei und Schnösel. Jahrelang drehte sich die Debatte darum, ob Ballack überhaupt genug Führungsqualitäten besäße, um Titel zu gewinnen. Bis sich sein Image wandelte: Ballack wurde rauer, machohafter, sein Umgangston als Anführer auf dem Platz erinnerte an die Grundausbildung bei der Bundeswehr.

Internationale Titel gewann Ballack damit aber immer noch nicht und in der DFB-Elf sorgte sein Führungsstil für Konflikte. Besonders die jungen Spieler kamen mit dem  Befehlston nicht klar (womit wir wieder bei Lahm und Schweinsteiger wären), da er die Kluft zwischen alten und jungen Spielern vergrößerte. Spätestens seit Ballacks unrühmlichem Ende in der Nationalmannschaft scheint seine Art nicht mehr zeitgemäß. Es ist schon paradox: Jahrelang wurde gefordert, Ballack solle die Nationalmannschaft wie ein bissiger Leitwolf führen. Jetzt will ihn plötzlich niemand mehr haben.

© sueddeutsche.de/thob/ebc
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