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Die Finals im Turnen:Tanz im Handstand

Die Finals 2021 - Gerätturnen

In der Schwerelosigkeit: Kim Bui schwebt durch die Holme des Stufenbarrens.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Die deutschen Meisterschaften im Turnen machen den Strategen Hoffnung: Die Olympiafahrer zeigen überwiegend eine zufriedenstellende Form, die nächste Generation will sich beweisen.

Von Volker Kreisl, Dortmund/München

Am Ende war dieser vier Tage von Dortmund war klar: Es gibt sie doch, die nächste Generation des Deutschen Turnerbundes (DTB). Die Monate mit geschlossenen Trainingshallen, mit reduziertem Übungsbetrieb, mit möglicherweise Zweifeln an der Zukunft waren produktiver als befürchtet. Jedenfalls wären am Sonntag ansonsten nicht auf einmal zahlreiche Turner und Turnerinnen im Mittelpunkt gestanden, wie Zhu Aiyu, die ins Schwebebalkenfinale eingezogen war.

Zhu Aiyu vom Turnzentrum Köln ist 16 Jahre alt, sie dominiert schon seit Jahren die Siegerlisten der deutschen Jugendmeisterschaften, und in diesen Tagen der großen deutschen Meisterschaften war sie zunächst mal ein Beispiel dafür, dass der DTB wohl auch eine fernere Medaillenzukunft hat. Die beiden deutschen Top-Riegen, über Jahre gereift, haben in Dortmund bis Sonntagabend zwar noch spannende Wettkämpfe gezeigt, was nahelegte, dass die eine oder andere baldige Podiumsbesuch bei den Olympischen Spielen nicht ausgeschlossen ist. Doch die Darbietungen zeigten auch, dass sich der Verband einem Generationswechsel nähert.

Gerade fällt dies noch nicht so auf, weil sich jene, die teils seit zehn und mehr Jahren dabei sind, in Dortmund ziemlich spannende Wettkämpfe geliefert haben. Ein Höhepunkt war der Mehrkampf der Frauen, den Pauline Schäfer nach drei Geräten mit rund zwei Punkten anführte; dann aber am Stufenbarren stürzte, an dem die Barren-Spezialistin und aktuelle Olympia-Vierte Elisabeth Seitz, 27, mit einer fabelhaften Übung vorbeizog und gewann, mit insgesamt 53,5 Punkten und einem Zehntel Vorsprung. Umgekehrt büßte Seitz später im Stufenbarren-Gerätfinale wegen teils unsauberer Ausführung reichlich Haltungspunkte ein, weshalb sich ihre Stuttgarter Trainingspartnerin Kim Bui, 32, mit einer tadellosen Vorführung wiederum an Seitz vorbeidrängelte.

SEITZ Elisabeth Deutsche Mehrkampf Meisterin 2021 beim Sprung Deutsche Turn Meisterschaften Mehrkampf der Frauen am 03.

Auf dem Sprung: Elisabeth Seitz gewinnt auch mit schmerzenden Füßen ein hochklassiges Mehrkampf-Finale.

(Foto: Laci Perenyi/Imago)

Die Frage bleibt, ob Dauser den vorzeitigen Abgang im Finale von Stuttgart verarbeitet hat

Allen zusammen, Männern wie Frauen, stehen noch anstrengende Trainingswochen bis Tokio bevor. Am sichersten ist in diesen Tagen der 27 Jahre alte Lukas Dauser vom TSV Unterhaching aufgetreten, fast wirkte sein Vortrag wie eine olympische Generalprobe. Ihm gelang es im Mehrkampf mit Bravour, die riskanten Elemente und die sichere Durchführung am besten abzumischen. Dauser gewann mit 82,750 Punkten nahezu ungefährdet und errang zudem zwei Einzelsiege am Boden und Barren. Für die Darstellung des deutschen Turnens ist er dieser Tage besonders wichtig. Er zeigt am Barren Spektakuläres und zudem auch Originelles mit seinen Griffwechseln und dem Handstandtanz auf den beiden Holmen. Die Frage bleibt, wie gut er den Sturz am Barren bei der WM 2019 verarbeitet hat, wo er als Favorit galt - und wie sicher er diese Übung mit einem überragenden Schwierigkeitswert von 6,8 und zuletzt der Gesamtnote von 15,7 Punkten auch im August in Tokio zeigen wird.

Dauser hat seine Form also schon am weitesten entwickelt, die anderen, eigentlich etablierten Akteure haben noch einige Trainingseinheiten vor sich. Das Olympiatraining einer Sportart mit vier beziehungsweise sechs in ihrem Wesen unterschiedlichen Geräten erfordert einen ausgetüftelten Zeitplan, und manchmal kann der Sportler nicht allem gerecht werden. Der Hannoveraner Andreas Toba, 30, hatte im Frühjahr bei der Europameisterschaft Silber am Reck gewonnen, dann musste er einen verletzungsbedingten Trainingsrückstand an Boden und Sprung aufholen, wodurch er das Reck etwas vernachlässigte und wohl Sicherheit einbüßte. Jedenfalls verfehlte er nun beim Doppelsalto mit ganzer Drehung die Stange, was aber vorkommen kann, wenn man noch intensiv im Training steckt. Seitz und auch die besten Männer dürften sich nun für Olympia schon qualifiziert haben. Die Trainer halten sich grundsätzlich noch zurück, Männer-Coach Valeri Belenki sagte aber der Nachrichtenagentur dpa: "Auf Dauser und Toba kann ich kaum verzichten."

Kommenden Samstag wird Teil zwei der Olympiaqualifikation ausgetragen, an manchen Schnittstellen kann das noch spannend werden, je zehn Anwärter sind nominiert. Alle müssen noch einmal antreten, die Routinierten dürften aber wohl keine Probleme mehr bekommen. Andreas Toba hat schon mal angekündigt, das Trainingstempo zu drosseln und sich etwas zu erholen, Lukas Dauser dürfte nach diesem Nachweis seiner Fähigkeiten ebenfalls mit seinen Kräften haushalten, Elisabeth Seitz, Pauline Schäfer und Kim Bui hatten sogar ganz auf den Sonntag in Dortmund verzichtet. Sie zogen es vor, sich vor diesem anstrengenden Sommer noch etwas zu erholen, im Falle von Seitz auch wegen eines konkreten Grundes: Sie spürte wieder einmal Schmerzen in ihren Füßen, ein altes, immer wieder aufkommendes Turnerleiden in einer schon beachtlich langen Karriere in Arenen und vor allem Trainingshallen.

Den Jüngeren, die in wenigen Jahren die nächste Generation stellen sollen, war dies nur willkommen. So erlebten manche noch einen Finaltag als Teilnehmer, teils mit Erfolg. Zhu Aiyu zum Beispiel, das Kölner Talent, belegte am Schwebebalken Platz fünf, Dritte wurde ihre Altersgenossin Emma Majewski. Und auch Lisa Zimmermann gelang eine Bestätigung ihres Talents. Die Chemnitzerin sagte am Ende: "Mir fehlen die Worte!" Die 17-Jährige war nach einer gelungenen Bodenübung plötzlich deutsche Meisterin.

© SZ/jkn
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