Wahlkampf beim DFB:Ein Füllhorn für die Funktionäre

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Wahlkampf beim DFB: DFB-Vize- und Interimspräsident Rainer Koch beim vergangenen Bundestag des Verbandes.

DFB-Vize- und Interimspräsident Rainer Koch beim vergangenen Bundestag des Verbandes.

(Foto: Thomas Böcker/dpa)

Wird der DFB zum Selbstbedienungsladen? Der Verband will die Vergütung für Spitzenpersonal bald selbst regeln - und erweitert den Kreis von Amateurvertretern, die profitieren können.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Der Amateurfußball durchlebt harte Zeiten, Corona wirbelt weiter alles durcheinander. Manche der 25 000 Vereine an der Basis kämpfen um die Existenz, Spieler müssen an Bord und Teams im Betrieb gehalten werden, groß sind die finanziellen Sorgen. Aber eine Gruppe muss sich künftig weniger Gedanken ums Thema Finanzen machen - jedenfalls um die eigenen: Funktionäre, die den Amateurfußball im Deutschen Fußball-Bund (DFB) vertreten.

Am 11. März steht der vorverlegte Bundestag des DFB an, gewählt wird wieder mal ein neuer Präsident. Favorit ist Bernd Neuendorf, 61, der Kandidat des von Interimsboss Rainer Koch dirigierten Amateurlagers. Dagegen steht der Profivertreter Peter Peters, 59, zu dessen Forderungen zählt, dass Koch kein relevantes Amt mehr ausüben soll - schon gar nicht als Vertreter des deutschen Fußballs in der Europa-Union Uefa.

Die heiße Wahlkampfphase läuft. Wie heftig sie wird, offenbaren nun die Anträge für die Satzungsreform, die beim Bundestag erfolgen soll (liegen der SZ vor). Sie zeigen, in welchem Geist die Amateur-Armada einmal mehr auf Koch und Co. eingeschworen werden soll: mit einer Art Füllhorn für Funktionäre.

Der Vergütungsausschuss soll abgeschafft werden

Derzeit legt ein unabhängiger Ausschuss um den früheren Wolfsburger VW-Manager Wolfgang Hotze die Entgelte für das gewählte Spitzenpersonal fest; die Spanne bewegt sich von 51 600 Euro (plus etwaiger Verdienstausfälle) für normale Präsidiumsmitglieder bis zu 246 000 Euro für den DFB-Präsidenten. Aber die unabhängigen Aufpasser braucht es aus Sicht der im Präsidium dominanten Amateure nicht mehr: Sie sollen von dieser Aufgabe beim Bundestag entbunden werden. Stattdessen sollen Vergütung, Aufwandsentschädigung, Verdienstausfälle oder auch Sachzuwendungen wie Dienstwagen oder Telefon in einer neuen, vom Bundestag noch zu beschließenden Finanzordnung geregelt werden - damit, so heißt es allen Ernstes in der Begründung, dieses Thema "noch transparenter als bislang" geregelt werden könne. Im Zweifel soll nun der DFB-Vorstand die Verteilung bestimmen. Sprich: die Amateurvertreter selbst.

Denn das Gros des Vorstandes bilden die Präsidiumsmitglieder sowie sämtliche 26 Präsidenten der Landes- und Regionalverbände. Just diese Landesfürsten sollen die nächsten Profiteure der Reform sein, anders als bisher sollen künftig auch sie Entschädigungen erhalten können. Da wirkt es wie Hohn, wenn es in der Begründung für den Antrag heißt, sicherzustellen sei, dass kein Gremienmitglied über die Höhe der eigenen Vergütung entscheidet.

Als "nicht mehr zeitgemäß" moniert der Münchner Strafrechtler Hans-Joachim Eckert, früher Ethik-Chef im Weltverband Fifa, die neue Idee. "Die Schaffung eines mit unabhängigen Experten besetzten Finanzgremiums ist anzuraten." Also das, was gerade abgeschafft werden soll.

Das Präsidium soll noch um einen Posten anwachsen

Ins Bild der neuen Spezial-Transparenz des DFB passt der Umstand, dass gerade das zentrale Papier, die neue Finanzordnung zur Regelung künftiger Vergütungen, noch gar nicht vorliegt. Sie soll erst per Dringlichkeitsantrag in den Bundestag eingehen. Das erinnert an trübe Sportverbandspraktiken, den Delegierten heikle Themen erst knapp vor der Sitzung unterzujubeln - wenn keine Zeit bleibt für genaues Studium und ausgereifte Expertise. Just bei diesem Bundestag können sich solche Bauerntricks als zielführend erweisen, weil ja erstmals eine Kampfkandidatur ums Präsidentenamt ansteht: Die zieht alle Aufmerksamkeit auf sich.

Die forschen Vergütungspläne wirken nicht nur in wirtschaftlich prekären Zeiten deplatziert. Seit 1. Januar sind Kernbereiche des Verbandes in die neue DFB GmbH & Co. KG ausgelagert, Hunderte Hauptamtliche sind am Werk - wofür braucht es so viele Funktionäre im Präsidium? Worin bestehen überhaupt noch die großen Arbeitsleistungen im Verband?

Das Amateurlager sieht das offenbar ganz anders. Es will den Funktionärsapparat sogar weiter aufblähen, erwünscht ist ein zusätzlicher Posten im bisher 14 Mitglieder starken Präsidium, ein Vize für Diversität und Gleichstellung - und damit ein weiterer Vergütungsfall. Als wäre dies nicht per Umverteilung der Ressorts zu lösen.

Die Liga drängt auf geheime Wahlen beim Bundestag

Mehr Pöstchen gefällig? Da ist besagte DFB GmbH, die das Millionengeschäft rund um Nationalteam und DFB-Pokal betreibt. Sie hat einen Aufsichtsrat. Externe Fachkräfte aus der Wirtschaft sind aber eher nicht so gefragt, im Amateurlager werden sich gewiss Experten finden. All das sieht die Deutsche Fußball-Liga um Kandidat Peters mit Sorgen. Doch wenn die Liga zusammenhält, kann sie mit ihrer Sperrminorität von einem Drittel der Voten die neue Selfservice-Strategie beim Bundestag torpedieren. Wobei Peters wissen dürfte: Seine Wahlchancen im Amateurlager um Koch, Neuendorf und Co. wandern damit gegen null.

Denn die Vergütungskapriolen stehen ja in einem pikanten Kontext. Während der Machtkämpfe der vergangenen Monate wandten sich Teile der Amateure immer stärker ab von ihrem langjährigen Anführer Rainer Koch. Im Mai überstand er in Potsdam eine Vertrauensfrage sogar nur knapp mit 21:13 - dank seiner Ämterfülle konnte er selbst über vier Voten verfügen. Nun könnte, Absicht oder nicht, die Aussicht auf größere, freihändige Entlohnung untereinander helfen, die Front der Basisvertreter wieder eng zu schließen.

Nicht nur bei der Vergütung, auch in der Gesamtbeschau wirken die Pläne der Amateure und die Abwehrbewegungen der Profis wie das große Gefecht um Kochs Zukunft, der übrigens als Vize Recht auch oberster Satzungshüter ist. Massiv drängt die Liga auf geheime Wahlen beim Bundestag: Dort muss Koch um ein Vize-Amt und damit den Verbleib im Präsidium kämpfen. Nur so kann er sein gut dotiertes Uefa-Vorstandsmandat behalten. Aber was, wenn geheim gewählt wird - wie in Potsdam?

Der Hamburger Landesverband reicht einen kuriosen Antrag ein

Hier liefert ein Antrag aus Hamburg Aufschluss, der wie Realsatire wirkt: Die Hanseaten unter dem neuen Präsidenten Christian Okun wünschen, dass die von den Regionalverbänden vorgeschlagenen Vizepräsidenten, sofern sie vom Bundestag nicht bestätigt werden, einfach erneut nominiert werden dürfen: Es werde bitteschön "in gleicher Sitzung auf Vorschlag des jeweiligen Regionalverbands neu nominiert und bestätigt". Von neuen Kandidaten ist nicht die Rede. Demnach könnte immer wieder "neu" nominiert werden - solange, bis das Okay genervter oder verzweifelter Delegierter kommt.

Zudem hat das DFB-Präsidium einen Antrag eingebracht, der der Ethikkommission und insbesondere ihrer Vorsitzenden Irina Kummert abenteuerliche Befugnisse zuerkennen soll. Demnach könnte sie, eine Nichtjuristin, künftig im Alleingang Verfahren einstellen, ohne ihre Juristenkollegen und insbesondere auch ohne das Sportgericht zurate zu ziehen. Zugleich liegt bei der Ethikkommission seit Sommer eine heikle Anzeige zu Koch vor. Und Ethik-Chefin Kummert präsentierte sich bisher als Koch-treu.

Die deutsche Amateurbasis darf sicher sein: Ihre DFB-Funktionäre, die schaffen richtig ran. Für wen auch immer.

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