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Interne E-Mails:Hatte der DFB Angst vor Ultras?

DFB-Präsident Reinhard Grindel

Reinhard Grindel sagt, entscheidend für die Verlegung sei der Wunsch nach einem vollen Stadion gewesen.

(Foto: REUTERS)
  • Warum fand das Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Peru in Sinsheim statt?
  • Veröffentlichte E-Mails legen den Verdacht nahe, dass DFB-Präsident Reinhard Grindel gegen Frankfurt votierte, weil er Angst vor den Eintracht-Ultras hatte.
  • Der DFB-Präsident hält die Debatte für "absurd". Man habe in Sinsheim gespielt, weil man unbedingt ein volles Stadion haben wollte.

Was die Stimmung anging, hatte Reinhard Grindel schon recht. Die war in Sinsheim ganz ausgezeichnet, das merkte man schon eine gute halbe Stunde vor dem Anstoß. Da trabten gerade einige Spieler zum Aufwärmen auf den Platz, und sogleich applaudierte das Stadion drauf los. Dass die vielen peruanischen Gäste-Fans das Erscheinen ihrer eigenen Mannschaft gefeiert hatten und fortan jeden Zweikampf, jeden Konter, jede Halbchance mit beeindruckendem Lärm begleiten würden - das änderte nichts am Gesamteindruck: Das Stadion war ausverkauft, die Stimmung gut.

So gesehen, war der Plan des Deutschen Fußball-Bundes und seines Präsidenten Reinhard Grindel aufgegangen.

Am Sonntag, nach dem 2:1 der DFB-Elf gegen Peru, hat Grindel über eine Diskussion gesprochen, die er "absurd" und "sehr, sehr übertrieben" findet. Es ging um die Frage, warum dieses Länderspiel eigentlich in Sinsheim stattfand. Das Magazin Der Spiegel hatte am Wochenende aus einem E-Mail-Verkehr zwischen Grindel und DFB-Vizepräsident Rainer Koch zitiert. Grob gesagt, ging daraus hervor, dass Grindel ein Spiel in Frankfurt am Main verhindern wollte (anders als Koch). Aus Angst, Frankfurter Ultras könnten randalieren und damit die Bewerbung um die Europameisterschaft 2024 in Gefahr bringen. Das wäre, gelinde gesagt, bemerkenswert: Der mitgliederstärkste Sportverband der Welt verlegt ein Spiel wegen theoretischer Bedenken vor Ultra-Zündeleien?

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Also stellte Grindel am Sonntag seine Sicht der Dinge dar. Der Spielort Sinsheim sei bei einer Sitzung des DFB-Präsidiums festgelegt worden, sagte er. "Weil wir dort die Hoffnung gehabt haben, ein volles Stadion, eine gute Stimmung zu haben." Die Entscheidung für Sinsheim habe "überhaupt nichts damit zu tun, dass es Vorbehalte gegen Eintracht Frankfurt gibt". Das Stadion der TSG Hoffenheim fasst bei internationalen Spielen 25 641 Plätze, die Arena in Frankfurt 48 000. Grindel kündigte zudem ein EM-Qualifikationsspiel in Frankfurt an - dieses würde allerdings erst 2019 stattfinden und damit nachweislich nach dem 27. September 2018, dem Tag der EM-Vergabe.

Die E-Mails, aus denen der Spiegel zitiert, sollen vom Februar stammen - neun Tage, nachdem Frankfurter Fans beim Spiel gegen Leipzig Tennisbälle auf den Platz geworfen hatten, um gegen Montagsspiele zu demonstrieren. In einer E-Mail wandte sich Koch demnach an Grindel und soll vor einer "negativen Stimmungslage" gewarnt haben, "wenn herauskommt, dass wir Frankfurt abgelehnt haben, obwohl Frankfurt jetzt in Abfolge der Länderspielstandorte klar an der Reihe ist und alle generellen Vorgaben erfüllt sind". Woraufhin Grindel erwidert haben soll: "Ich halte das Risiko, dass wir bei dem Länderspiel ein Desaster erleben und dies kurz vor der Euro-Vergabe negative Auswirkungen hat, einfach für zu hoch, weil für mich die Frankfurter Ultraszene viel zu unberechenbar ist." Und: "Man kann (...) die Befürchtung haben, dass die ja keineswegs dummen Ultras uns das Projekt Euro 2024 gerade kaputtmachen wollen, indem sie dort ein Inferno veranstalten." Nicht bekannt ist, ob Reinhard Grindel nach diesen Mails seine Einschätzung möglicherweise noch mal revidierte. Die Entscheidung für Sinsheim fiel laut Grindel am 2. März.

Bei Sky Sport News HD sagte Koch am Samstag, das Spiel sei nie verlegt worden. Er sprach über eine "grundsätzliche Reihenfolge, in der in etwa die großen Stadien in Deutschland zum Einsatz kommen". In Frankfurt spielte die DFB-Elf zuletzt am 4. September 2015, gegen Polen. Da die E-Mails Ende Februar veröffentlicht worden sein sollen, tangiert der Fall eher nicht die kürzlich ausgerufene Ankündigung, mehr Basisnähe zeigen zu wollen. Aber er deutet an, welches Bild der DFB auf höchster Ebene von Ultras hat: dass sie im Zweifel ein Risiko für eigene Interessen sind. Auch der Verein Eintracht Frankfurt wird sich noch beim DFB melden. "Irritierend und daher auch erklärungsbedürftig" seien einige Passagen aus dem Mailverkehr, teilte der Klub mit

Die Differenzen zwischen beiden Parteien dürften durch die Causa Frankfurt/Sinsheim nicht schrumpfen. Erst im August hatten Fanvertreter den Dialog mit dem DFB abgebrochen, nach zwei Gesprächen; in dem Format sollte es um Themen gehen, die Fans betreffen - wie Anstoßzeiten oder das Rahmenprogramm bei Spielen. Zudem kündigten die Fanvertreter an, dass Protestaktionen gegen den Verband und gegen die Deutsche Fußball Liga intensiviert würden.

Der Nordwestkurve-Rat forderte als Dachverband der Eintracht-Fans am Sonntag gar Grindels Rücktritt: "Dieser Mann war und ist untragbar!" Wer die E-Mails überhaupt in Umlauf gebracht hatte, ist nicht bekannt. Dass der Spiegel aus ihnen zitiert hatte, fand Grindel "nicht schön", und schob dann nach: "Aber es ist auch nichts Dramatisches."

(Mit Material der Agenturen)

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